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Kultur

Militärmuseum in der Sinnkrise

Hinter der architektonischen Neugestaltung des Dresdner Militärmuseums steckt eine Botschaft: Man will weg von der glorifizierenden Waffenschau. Damit stellt sich die Sinnfrage: Wessen soll hier überhaupt gedacht werden?

Panzer, Starfighter und Zinnsoldaten, Uniformen, Vergeltungswaffen und das erste deutsche U-Boot: Das Leitmuseum der Bundeswehr in der Dresdner Stauffenbergstraße ist ein Militärmuseum, mit allem, was dazugehört. Doch das Militärhistorische Museum Dresden entspricht sowohl ausstellungsdidaktisch als auch architektonisch längst nicht mehr heutigen Standards.

Deshalb investiert die Bundeswehr 35 Millionen Euro vor allem in den Umbau des denkmalgeschützten Gebäudes. Der US-amerikanische Architekt und Museumsspezialist Daniel Libeskind ist für die Neugestaltung des militärisch strengen Altbaukörpers verantwortlich, welcher bereits unter der Nazi- und später unter der SED-Herrschaft als Militärmuseum genutzt wurde.

"Die Deutschen müssen ihre Geschichte annehmen"

Imperial War Museum North

Libeskind gestaltete bereits das Imperial War Museum in Manchester

"Als der Wettbewerb für den Umbau des Museums ausgeschrieben wurde, erwartete jeder, dass man auf der Rückseite des Arsenals bauen würde. Aber ich dachte mir: Warum sollte man das Militärgebäude verstecken?", sagt Daniel Libeskind. "Deutschland ist ein modernes demokratisches Land. Die Deutschen müssen ihre Geschichte annehmen und das militärgeschichtliche Museum als etwas Positives verstehen! Deshalb habe ich mich dafür entschieden, vorne durch die Front des Arsenals einen gläsernen Keil zu treiben", betont Libeskind. Für den Stararchitekten ist Dresden nicht sein erstes Kriegsmuseum: Das von ihm gestaltete Imperial War Museum wurde 2002 in Manchester eröffnet.

Mit dem Keil durch das Dresdner Museum will Libeskind auf die Brüchigkeit unserer Welt anspielen. Man könnte auch sagen: Ein Blitz wird in das Militärmuseum fahren. Denn der in New York lebende Architekt lässt das Gebäude von einem keilförmigen, asymmetrischen "V" rammen: ein riesiges, gläsernes Victory-Zeichen, welches das alte Museum durchdringt und gleichzeitig in die Dresdner Innenstadt weist. Also genau dorthin, wo alliierte Bomber gegen Ende des Zweiten Weltkrieges ihr Zerstörungswerk angerichtet hatten. Der Besucher solle die Botschaft mitnehmen, dass der Krieg schreckliche Leiden verursache, betont der Museumsleiter Oberleutnant Franz-Josef Heuser. "Erstes Ziel ist es natürlich, Kriege und Gewalt zu verhindern. Aber dazu braucht man in dieser Welt auch Militär."

Bisher nur wenige Exponate über Friedensmissionen

Museumsleiter Heuser ist der Architektur Libeskinds sehr dankbar, denn der Keil stünde ja auch für Wandel, Umschwung und totale Veränderung. Das neue Museum solle sowohl den klassischen Auftrag der Bundeswehr, die Landesverteidigung, als auch den stattgefundenen Paradigmenwechsel verdeutlichen: die Bundeswehr in Friedensmissionen. "Für uns ist das im Moment etwas problematisch: Da haben wir natürlich noch nicht viele Exponate", sagt Heuser.

Daniel Libeskind, US-amerikanischer Architekt, rechts und Bundesverteidigungsminister Peter Struck, links vor dem Modell des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr

Libeskind und Ex-Verteidigungsminister Struck bei der Vorstellung des Modells 2003

Kritikern galt das Militärhistorische Museum bis dato als eine schnöde Militaria-Sammlung: hochglanzpoliert und wohl sortiert, ein Museum ohne Aussage. Dresden will weg von der verklärenden Devotionalienschau und hin zu einem neuen Ausstellungskonzept. Dabei werde man sich auch mit der anthropologischen Seite von Gewalt auseinandersetzen, sagt Gorch Pieken, wissenschaftlicher Projektleiter für die Neugestaltung der Ausstellung: "Wir untersuchen nicht nur die staatlichen Formen der Gewaltpraxis, sondern auch gesellschaftliche Formen der Gewaltanwendung und versuchen damit, einen Baustein zu einer Kulturgeschichte der Gewalt zu legen."

Ein Museum auf Sinnsuche Man wolle keine überwältigungsästhetische Glorifizierung von Waffen, kein multimediales Nachstellen der Grabenkämpfe vor Verdun, sagt Pieken. Keine Heldengedenkstätte, die mit nationalem Pathos errungene Siege zelebriert. Wessen soll im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr dann aber überhaupt gedacht werden: der Kriege des 20. Jahrhunderts, der Millionen von Toten? Oder des Krieges als düstere Tragödie, als patriotische Heilsgeschichte? Die ersten Fundamente wurden zwar gegossen . Doch die Öffentlichkeit muss noch bis 2009 auf genauere Antworten warten. Dann erst soll die neue Ausstellung eröffnet werden.

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