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Politik

Militärischer Erfolg oder Massaker?

Die Versionen über den von der Bundeswehr angeordneten Luftangriff in Afghanistan variieren deutlich. Kanzlerin Merkel verspricht Aufklärung - und kündigt eine neue Afghanistan-Konferenz an.

Merkel und Brown hinter Mikrofonen (Foto: AP)

Bundeskanzlerin Merkel und der britische Premier Brown sprachen über Afghanistan

Die Angaben über den von der Bundeswehr angeordneten verheerenden Bombenangriff bei Kundus klafften am Sonntag (06.09.2009) weit auseinander. Unbeirrt von internationaler Kritik und ersten Berichten über abweichende Erkenntnisse einer NATO-Untersuchung zu den Abläufen blieb Verteidigungsminister Franz Josef Jung bei seiner Darstellung, bei dem Angriff am Freitag seien wenig mehr als 50 Taliban gestorben, aber keine Zivilisten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel versprach rasche Aufklärung. Deutschland werde der NATO-Untersuchungskommission alle relevante Informationen bereitstellen, versicherte Merkel am Sonntag bei einem Treffen mit dem britischen Premierminister Gordon Brown in Berlin. Es gehe ihr darum, schnell aufzuklären, ob es auch zivile Opfer gegeben habe. Falls diese zu beklagen seien, bedauere sie das zutiefst.

Kritik an deutschem Befehlshaber

Franz Josef Jung vor Bundeswehr Kreuz (Foto: AP)

In der Kritik: Verteidigungsminister Jung ...

Die US-Zeitung "Washington Post" hatte zuvor unter Berufung auf Angaben aus Kreisen des NATO-Untersuchungsteams von 125 Toten berichtet, darunter mindestens zwei Dutzend Zivilisten. Der Befehl zu dem Bombardement soll sich neben Bildern der Luftaufklärung nur auf eine einzige Quelle - einen afghanischen Informanten - gestützt haben. Der deutsche Befehlshaber Oberst Georg Klein habe den amerikanischen NATO-Befehlshaber Stanley McChrystal und sein siebenköpfiges Team nach dessen Ankunft davon abhalten wollen, zum Ort des Geschehens und in Krankenhäuser zu gehen. Dies sei "zu gefährlich". Bei seinem Besuch am Samstag vor Ort fragte McChrystal Oberst Klein, warum das Regionalkommando nicht schneller erschienen sei. Klein räumte in dem von einem AP-Journalisten beobachteten Gespräch einen Fehler ein.

"Bedrohung durch Taliban"

Uniformierter vor einem Militärfahrzeug (Foto: AP)

... und sein Oberbefehlshaber Georg Klein in Afghanistan

Jung stellte sich erneut hinter Klein und wies die Darstellung der "Washington Post" zurück. Ein Bericht des Gouverneurs von Kundus weise 56 Tote und 12 Verletzte aus. "Der Bericht sagt, dies seien Taliban", sagte Jung am Sonntag der Presseagentur dpa. "Ich bedaure jeden Zivilisten, der verletzt wurde oder gegebenenfalls ums Leben gekommen ist", sagte Jung. "Man muss aber die Gefahr sehen, die für unser Lager bestanden hat, denn es war eine klare Bedrohung durch die Taliban vorhanden."

In der afghanischen Bevölkerung wurde die Militäroperation unterschiedlich bewertet. Dorfbewohner beteuerten, sie seien von den Taliban teils unter Androhung von Waffengewalt gezwungen worden, ihnen bei der Befreiung der auf einer Sandbank im Kundus-Fluss festgefahrenen Tanklastzüge zu helfen. Ein zehnjähriger Junge, der einen Bombensplitter ins Bein bekam und in einem Krankenhaus in Kundus behandelt wird, sagte, er sei aus Neugierde auf einem Esel zu den Lastern geritten. Andere begrüßten dagegen die Militäroperation. Die NATO sei bisher nicht mit ausreichender Härte gegen die Taliban vorgegangen.

Kritik aus dem In- und Ausland

Lastwagen-Wrack (Foto: AP)

Afghanische Polizisten vor dem Wrack eines der beiden ausgebrannten Tanklastzüge

Aus dem Ausland hagelte es massive Kritik an dem von der Bundeswehr angeforderten Einsatz in der Nacht zum Freitag. Die Europäische Union sprach von einer "Tragödie". Der schwedische Außenminister Carl Bildt sagte für die EU-Ratspräsidentschaft am Samstag: "Wir gewinnen diesen Krieg nicht, indem wir töten."

Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner sprach von einem "großen Fehler". "Wir müssen mit ihnen zusammenarbeiten statt sie zu bombardieren", sagte er. Spaniens Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero bezeichnete den Angriff als "nicht hinnehmbar". Die afghanische Regierung sagte den Opfern des Luftangriffs Unterstützung zu, auch den Hinterbliebenen von Taliban.

Auch innenpolitisch geriet die Bundesregierung wegen des Angriffs unter Druck. Die Grünen forderten eine Regierungserklärung von Kanzlerin Merkel. "Es kann einer deutschen Bundeskanzlerin nicht gleichgültig sein, wenn die Bundesrepublik wegen des Luftangriffs in der Europäischen Union in die Isolierung gerät", sagte Fraktionsvize Jürgen Trittin. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) forderte in der "Bild am Sonntag" eine rückhaltlose Aufklärung. "Gegen verbrecherische Terroristen muss entschieden vorgegangen werden. Gleichzeitig müssen wir aber alles tun, um unschuldige zivile Opfer zu vermeiden." Die Linke fordert eine Aktuelle Stunde des Bundestags. Linken-Fraktionschef Gregor Gysi kritisierte die deutsche Informationspolitik: "Während in Afghanistan die toten und verletzten Zivilisten betrauert werden, versuchen sich die Bundeswehrführung und das Verteidigungsministerium weiter im Verschleiern."

Neue Afghanistan-Konferenz

In einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem britischen Premier Gordon Brown in Berlin verkündete Kanzlerin Merkel am Sonntag neue Bestrebungen für eine internationale Afghanistan-Konferenz. Dabei solle unter anderem geklärt werden, wie viele Soldaten Afghanistan künftig brauche und wie viele Polizisten ausgebildet werden müssten. Die afghanische Regierung solle "immer mehr Verantwortung" übernehmen. (rri/se/dpa/ap/afp)

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