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Kultur

Mikrowelle und Mauerfall: "Als wir träumten"

Zwischen Rausch und Ernüchterung: Regisseur Andreas Dresen spürt in "Als wir träumten" dem Lebensgefühl einer verlorenen Generation nach. Ein Film über fünf Jugendliche nach der Wende in Leipzig - jetzt im Kino.

"Warum soll sich die vollzogene Wende nicht allein über den Kauf einer Mikrowelle erzählen?" fragt Andreas Dresen und zeigt genau das in seinem Wettbewerbsbeitrag "Als wir träumten". Zwei Jungs, Anfang der 1990er Jahre, die Mauer ist gerade gefallen, stehen vor einer Mikrowelle und staunen. "Die Strahlen" meint der eine, "die machen´s aus!" Als die beiden dann ein Ei in das nagelneue Küchengerät legen und das kurz darauf heftig zerplatzt, ist ihnen das auch egal: "Ha, das waren die Strahlen", ein dolles Ding, diese Mikrowelle aus dem Westen, in der DDR hat es sowas nicht gegeben.

Verzicht auf die große Geschichte

Er finde das charmant, so über die Wiedervereinigung zu erzählen, sagt Andreas Dresen über seinen neuen Film, der jetzt im Rahmen der Berlinale gezeigt wurde. "Wir haben ja bislang vor allem über die Fragen von Schuld und Verstrickung debattiert, die großen Stasi-Dramen sind gezeigt“, meint der Regisseur und spielt auf die vielen deutschen Fernseh- und Kinofilme an, die sich mit dem Überwachsstaat DDR befasst haben. Darauf verzichtet Dresen in "Als wir träumten" vollkommen.

Regisseur Andreas Dresen, PK auf der Berlinale, Foto: Lukas Schulze/dpa

Andreas Dresen nach der Premiere bei der Berlinale

Andreas Dresen ging es auch nicht um die dramatischen Tage vor und während des Mauerfalls. All das hat man ja oft gesehen, Berlin-Filme, Ostalgie und Aufarbeitung, große Politdramen. Dresen beschreitet filmisches Neuland mit "Als wir träumten", einem Drama um fünf Jugendliche im Leipzig der 1990er Jahre. Er möge das "Ideologiefreie" an dem Roman von Clemens Meyer, der dem Film zugrunde liegt. Und um Ideologie und die große Politik geht es nun auch wirklich nicht in dem Film.

Jugend im Rausch

"Es gibt gepfefferte Zwischentitel, Genreelemente ohne Ende, Boxkämpfe, wilde Autofahrten, Prügeleien", beschreibt der 1963 in Gera in der DDR geborene Dresen, der seinen ersten Film im Jahr des Mauerfalls dreht und sich seither einen Ruf als sozial engagierter Filmemacher erarbeitet hat. Dresen erzählt in seinen Arbeiten immer von den "kleinen Leuten" und deren Gedankenwelt, von Dramen des Alltags und den Nichtigkeiten des Lebens.

Filmstill Als wir träumten (Foto: Berlinale/Verleih)

Euphorie bei der Jugend in Leipzig nach der Wende: Szene aus "Als wir träumten"

Clemens Meyer ist eine Generation nach Dresen geboren, auch in der DDR, seit seinem Debüterfolg "Als wir träumten" (2006) einer der Stars der jüngeren deutschen Literatur. Dresen verfilmt Meyer – das klang vielversprechend, vor allem auch, weil sich Dresen mit Wolfgang Kohlhaase, Jahrgang 1931, dem großen Drehbuchautor des DDR-Kinos, einen dritten Fachmann mit ins Boot geholt hat.

Geschichte aus mehreren Perspektiven

"Ich fand sehr spannend, dass jemand aus einer ganz anderen Generation auf dieses Buch schaut, Wolfgang Kohlhaase ist nach dem Zweiten Weltkrieg in der Pubertät gewesen", erzählt Andreas Dresen. Das sei auch eine Zeit zwischen zwei Systemen und zwei Welten gewesen, deutlich krasser noch als nach der DDR. "Und es kommt ja eigentlich noch eine vierte Generation dazu", fügt Dresen hinzu: "Denn die Jungs, die dann die zu Rollen gewordenen Figuren des Romans spielen, bringen ihre heutige, ganz eigene Jugendlichkeit und Haltung ein."

Filmcrew: Als wir träumten, Foto: Lukas Schulze/dpa

Die Filmcrew stellt sich der Presse bei der Berlinale

Diese Jungs fallen in ein großes Loch nach dem Fall der DDR. Die festen Strukturen des Staates sind plötzlich nicht mehr da, keiner schaut, ob sie sich denn auch benehmen, für ein paar Jahre herrscht eine Art Anarchie. Die Jungs eröffnen einen Techno-Club, der erlebt eine kurze Blütezeit, doch dann kommen Nazis und Skins und hauen alles kaputt. Es sind aber nicht nur die Widerstände von Außen, die den Freundeskreis mit den Jahren aus dem Lot bringen. Alkohol und Drogen in rauen Mengen, ein Hang zur Selbstzerstörung, all das sprengt die Fünf schließlich auseinander.

Unterschiedliche Ansätze

Clemens Meyer hat all das erlebt und es in seinem Roman "Als wir träumten" beschrieben, über 500 Seiten, voller Details. Im Buch und Film schlägt sich das in der Hauptfigur nieder, dem jungen Dani (Merlin Rose), der sensibler ist als seine Freunde, der davon träumt Reporter zu werden. Er schafft es schließlich, löst sich aus dem Alkohol und Drogendunst.

Anders als Meyer gingen Dresen damals andere Dinge durch den Kopf: "Es war nicht die Zeit großer Träume. Ich fühlte mich bodenlos, fast entwurzelt, wollte einfach nur irgendwo ankommen." Vielleicht sind es diese unterschiedlichen Empfindungen, die dem Film nicht gut getan haben. Denn trotz enormen Tempo und den vielen überzeugenden jungen und unverbrauchten Gesichtern auf der Leinwand, trotz eines hohen Maßes an Authentizität und der düster-realistischen Ausstattung: "Als wir träumten" findet nicht zu einem Ganzen.

Der Roman entwickelt seine Geschichte über ein paar Hundert Seiten, der Film will das in knapp zwei Stunden bewältigen. Die Charaktere wirken kaum entwickelt, die Geschichte der Fünf ist psychologisch nur wenig unterfüttert. Das ist schade. Eigentlich hätte das Team Dresen/Meyer doch so schön gepasst. Beide sind Könner ihres Fachs. Beide verbindet ihre Sozialisation, ihre Herkunft aus dem Osten Deutschlands. Beide sind ernsthafte und authentische Künstler.

Der Roman habe etwas, das er selbst nicht einbringen kann, hat Dresen im Vorfeld der Berlinale-Premiere bekannt: "Er bringt das grundsätzlich Anarchisch-Böse mit. Ich bin gegenüber diesen Jungs ein kleinbürgerlicher Spießer." Vielleicht liegt hier der Schlüssel dafür, dass die Romanverfilmung von "Als wir träumten" zwar sympathisch und durchaus authentisch daherkommt, den Zuschauer aber nur selten mitreißt.

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