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Kultur

"Migration ist kein Thema, sondern ein Merkmal"

Nurkan Erpulat ist derzeit einer der erfolgreichsten Jungregisseure im deutschen Theaterbetrieb. Der ausgebildete Schauspieler macht aber auch mit seinen Stücken über Türkenjungs in Berlin von sich reden. Ein Gespräch.

Deutsche Welle: Herr Erpulat, Ihre erste Spielzeit als fester Hausregisseur im Düsseldorfer Schauspielhaus ist bald vorbei. Werden Sie jetzt nur noch Regiearbeit machen, oder wollen Sie auch wieder als Schauspieler arbeiten und Stücke schreiben?

Nurkan Erpulat: Die Arbeit als Schauspieler ist vorbei. Ich wollte das eigentlich nicht, aber durch die Regiearbeit der vergangenen Jahre hatte ich keine Zeit mehr dazu. Schauspiel ist wie ein Muskel, wenn man den nicht trainiert, geht er weg. Aber ich will weiter als Autor arbeiten. Es interessiert mich, Texte zu schaffen. Es gibt Geschichten, die ich weitererzählen möchte, und dann ist es wichtig, wenn man die Schwarz auf Weiß hat. Mein Stück "Verrücktes Blut" wird weiter gespielt, das bleibt. Projekte hingegen gehen weg, die sind kurzatmig. Aber ich bin kein Autor im klassischen Sinne. Ich schreibe einen Text, den ich dann mit Schauspielern zusammen entwickele. Was ich entwickelt habe, schreibe ich noch mal. Dann inszeniere ich erneut. Das ist meine Methode.

Sie haben Ihre Karriere mit Arbeiten über Türkenjungs aus Berliner Kiezbezirken begonnen. Würden Sie nun auch gerne langsam mit dem Thema Migration in Ruhe gelassen werden?

Erpulat bei der Arbeit als Hausregisseur im Düsseldorfer Schauspielhaus

Erpulat bei der Arbeit als Hausregisseur im Düsseldorfer Schauspielhaus

Ich möchte mit dem Thema nicht in Ruhe gelassen werden, denn es ist wichtig. Ich bin ja auch 'der Türke' und das ist auch total okay so. Problematisch finde ich, dass man mir was anderes nicht zutraut - oder lange nicht zugetraut hat. Ich bin ein Regisseur, der in der deutschsprachigen Theaterlandschaft Stücke mit Steuergeldern inszeniert. Und ich sehe meine Aufgabe auch kulturpolitisch. Es hat mich irgendwann aber genervt, weil ich nur diese Angebote bekommen habe, in denen es um das Thema Migration ging.

Welche Themen interessieren Sie noch?

Unter den Themen, die mich interessieren, kommt Migration nicht vor, denn das ist höchstens ein Merkmal. Mir geht es um Liebe, Hass, Verrat. Es interessiert mich auch sehr, etwas über Moral zu machen. Oder über Macht. Auch die Stücke von mir, die unter das Thema Migration eingeordnet wurden, sehe ich nicht dort. Sondern "Heimat im Kopf" handelt vom Schein und Sein, in "Jenseits - Bist du schwul oder bist du Türke?" geht es um Doppelmoral.

Wundert es Sie eigentlich, dass Sie einer der ersten Türken im Regiestudiengang an der Theaterhochschule "Ernst Busch" waren - und anschließend der wohl erste enorm erfolgreiche türkische Theaterregisseur in Deutschland?

Das Theater hatte bis vor fünf, sechs Jahren kein Interesse an Schauspielern mit Migrationshintergrund. Der Film schon, hier wurde das Eis gebrochen. Dadurch kamen auch Migranten an die Schauspielschulen und der eine oder andere hat es beim Film geschafft. Die meisten Migranten mit einer Theaterausbildung sind aber an die Wand gefahren, weil es keine Engagements an den Theatern gab. Bei den Regisseuren, von denen es insgesamt viel weniger gibt, sieht es auch so aus. Darum wundert es mich auch nicht, dass ich einer der ersten Türken in der Regieausbildung der 'Ernst Busch' war.

Haben Sie noch andere Vermutungen, warum es wenige Menschen mit ausländischen Wurzeln im künstlerischen Theaterbetrieb gibt: Schauspieler, Dramaturgen, Regisseure?

Migranten, die eine Schauspielausbildung haben, waren an Stadttheatern unerwünscht - ganz klar und deutlich. Es gibt so wenige Menschen mit Migrationshintergrund in der deutschen Theaterszene, weil das Theater kein Interesse an diesen Menschen und Geschichten hat. Wir behaupten im Theater ständig, dass wir die Gesellschaft spiegeln. Und was haben die Intendanten, Dramaturgen und Geldgeber die letzten 50 Jahre gemacht? Die Politik und die Kunstszene haben es versäumt, sich darum zu kümmern.

Wie sieht es heute aus?

Es ändert sich zwar gerade langsam etwas. Aber es gibt in der Theaterszene noch immer deutliche Hemmungen, Menschen, die anders aussehen, bestimmte Rollen zu geben. Ich könnte hunderte Erfahrungsberichte von Schauspielern erzählen. Aber auch von Intendanten, die sagen: 'Wir haben gerade keine türkische Rolle zu vergeben', als ob türkische Migranten nur türkische Rollen spielen könnten. Das sagen Menschen, sie seit 30 Jahren Theater machen und kein Problem damit haben, dass der dänische Prinz Hamlet von einem deutschen Schauspieler gespielt wird. Oder den Schwarzen Othello von einem Weißen darstellen lassen. Aber ein türkischer Schauspieler soll das nicht können. Das macht mich wirklich wütend. Schauspieler mit Migrationshintergrund, auch an staatlichen Schulen ausgebildete, gibt es eine Menge. So viele, wie man nicht haben möchte.

Wann wird sich an deutschen Theatern etwas ändern?

Ich glaube, die Sehgewohnheiten werden sich ändern. Wir vom Theater belächeln oft die Opernleute. Weil die immer noch ein bisschen altmodisch, bei der Dramaturgie noch immer sehr zögerlich sind, wenn es darum geht eine Szene rauszuschneiden oder die Musik etwas zu ändern. Beim Theater nehmen wir seit Jahren drei Sätze und bauen den Rest des Stückes selber - zugespitzt gesagt. Aber was die Protagonisten angeht, ist die Oper der Theaterszene weit voraus. Seit 20 Jahren gibt es beispielsweise eine asiatisch aussehende Konstanze in Mozarts 'Entführung aus dem Serail'. Das wundert keinen. Das wird auch am Theater kommen - in 30 bis 50 Jahren (lacht).

Nurkan Erpulat (geboren 1974 in Ankara) ist ein türkischer Schauspieler, Regisseur und Autor. Nach seinem Schauspielstudium in Izmir kam er 1998 mit 24 Jahren nach Berlin. Innerhalb von 1,5 Jahren lernte er die deutsche Sprache und wurde 2003 an der renommierten Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" für den Studiengang Regie aufgenommen. Seine erfolgreichsten Inszenierungen, die er zum Teil auch mit geschrieben hat, sind: "Jenseits - Bist du schwul oder bist du Türke?", "Heimat im Kopf" und "Familiengeschichten" (Inszenierungen mit Jugendlichen). "Verrücktes Blut", in dem eine Lehrerin zur Waffe greift, um sich gegenüber ihrer Migrantenklasse Respekt zu verschaffen, wurde zum Berliner Theatertreffen 2011 eingeladen und zum "Deutschsprachigen Stück des Jahres 2011" gewählt. Die gleiche Kritikerumfrage der angesehenen Zeitschrift "Theater heute" ernannte Erpulat außerdem zum "Nachwuchsregisseur des Jahres 2011". Weitere Regiearbeiten: "Das Schloss" von Franz Kafka und Maxim Gorkis "Kinder der Sonne". Seit der Theaterspielzeit 2011/2012 ist Erpulat einer von zwei festen Hausregisseuren am Düsseldorfer Schauspielhaus. Demnächst wird "Verrücktes Blut" in Washington und New York auf Englisch gelesen.

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