Migration in den Städten: Es geht auch anders | Deutschland | DW | 05.06.2018
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Integration

Migration in den Städten: Es geht auch anders

"Wir fühlen uns mit dem Thema allein gelassen", klagen Kommunalpolitiker, wenn es um die Aufnahme von Ausländern geht. Die Bertelsmann Stiftung beschreibt nun, wie Offenheit für Einwanderer gefördert werden kann.

Waren Sie schon einmal in Germersheim? Das ist ganz hübsch da, fahren Sie ruhig einmal hin! Die ehemalige Garnisonsstadt, knapp 50 Kilometer südlich von Mannheim gelegen, wird geprägt von ihrer historischen Festung. Das Rathaus, blau und weiß gestrichen, signalisiert dem Besucher: Hier in der Pfalz ist die Welt noch in Ordnung. Was niemand ahnt: Germersheim ist... überfremdet!

"Jaja, das sagt diese Partei mit den hellblauen Plakaten auch. Ich bin da natürlich ganz anderer Ansicht", lacht Bürgermeister Marcus Schaile (CDU). Der Kommunalpolitiker hat viel Erfahrung damit, Unterschiedlichkeit auf einen Nenner zu bringen. In Zahlen: Rund 22.000 Einwohner leben in Germersheim. Davon hatten laut Zensus 2011 rund 54 Prozent einen Migrationshintergrund. Inzwischen liegt man nach Schätzungen des Bürgermeisters bei etwa 40 Prozent. "Wir haben hier 108 Nationen."

Ein Städtchen als "Gestalter"

Germersheim und überfremdet? Auch die Bertelsmann Stiftung sieht die Situation in dem Städtchen anders und lobt die Kommune als "Gestalter", wenn es um Integration, Offenheit für Zuwanderer und kulturelle Vielfalt geht. "Gestalter" bedeutet: Hier werden die Dinge angepackt, aktiv bewältigt, nichts wird unter den Teppich gekehrt. Für einen Kommunalpolitiker wie den Bürgermeister kann man sich kaum ein schöneres Zeugnis vorstellen. "Es läuft ganz gut bei uns", sagt Schaile.

Germersheim Integration Bürgermeister Marcus Schaile (Stadt Germersheim/M. Schaile)

Marcus Schaile: "Es läuft ganz gut bei uns"

Die Stiftung aus Gütersloh hat sich gemeinsam mit Wissenschaftlern des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung die Situation in den Kommunen genauer angesehen. Um die beurteilen zu können, wurden sechs Typen aufgestellt: Frankfurt am Main zum Beispiel ist ein "Magnet" für Menschen aus anderen Ländern, der Stadt Stuttgart wird die Note "Solide" gegeben. "Ambivalent" ist die Situation in Bremen, wo ja das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) eine vielbeschriebene Außenstelle hat. Weniger gut schneidet Dresden ab und wird in der Studie als "Nachholer" bezeichnet. Dies bezieht sich auf die im Vergleich mit westdeutschen Städten kaum vorhandene Vielfalt aufgrund ihrer Migrationsgeschichte. Bei den kleineren Kommunen gibt es die Kategorie "Unerfahren" - diese Note bekam die Stadt Brandenburg - und eben die "Gestalter" wie Germersheim.

"Eine Riesenaufgabe für die Kommunen"

Hätte man nicht strengere Noten für die Kommunen finden müssen? "Dazu hätten wir uns wirklich alle Städte ganz genau ansehen müssen", sagt eine der Autorinnen der Studie, Felicitas Hillmann vom Leibniz-Institut. Vielmehr habe man sich auf vorhandene Literatur und Studien gestützt. Die Professorin für Stadt- und Regionalplanung an der TU Berlin und ausgewiesene Expertin für Migrationsforschung weiß auch: "Migration ist schon eine Riesenaufgabe für die Kommunen. Es ist auch die Zukunftsaufgabe."

Germersheim (imago/Peter Sandbiller)

Germersheim, Bilderbuch-Städtchen und "Stadt der Sprachen"

Das Bilderbuch-Städtchen Germersheim hat es vergleichsweise einfach. Denn ihm geht es wirtschaftlich gut. Die Arbeitslosenquote liegt bei etwa sechs Prozent. Hier gibt es Industrie, einen florierenden Mittelstand, hier gibt es international agierende Unternehmen und einen Bürgermeister mit geringen Sorgen auf diesem Gebiet. Der ist besonders stolz auf die Außenstelle der Universität Mainz, in der man sich bezeichnenderweise mit Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft beschäftigt. "Wir nennen uns auch Stadt der Sprachen", sagt Bürgermeister Schaile. "Man muss mit den Menschen reden, nicht über sie", beschreibt er sein Credo.

"Die wollten ihr Revier abstecken"

Wäre man vielleicht in Chemnitz oder Duisburg auch gerne so vielfältig, wenn man den Bürgern bessere Arbeits- und Lebensperspektiven geben könnte? Ein kleiner Trost ist vielleicht, dass in Germersheim auch nicht immer alles so unbeschwert war. In der Studie wird auf "Konflikte und Auseinandersetzungen Anfang der 1990er-Jahre zwischen Türken und Russlanddeutschen" hingewiesen. "Die wollten ihr Revier abstecken", erläutert der Bürgermeister und erinnert sich an eine Schlägerei zwischen den beiden Gruppen, "40 bis 50 Mann waren das", auf dem Pfingstplatz mitten im Ort. Die Stadt holte sich daraufhin einen Experten, der bereits Erfahrungen im französischen Marseille gesammelt hatte, und rief die verfeindeten Gruppen im Rahmen eines Mediationsverfahrens an einen Tisch. "Bei uns darf es alles geben, nur keinen Ärger", sagt der Bürgermeister.

Und für Kommunen, die vielleicht nicht so gute oder gewachsene Ausgangsbedingungen haben? Die Forscherinnen dringen darauf, Stadtentwicklungs- und Einwanderungspolitik stärker zu verzahnen. Natürlich müssten Integrationsleistungen durch Bund und Länder gegenfinanziert werden, wenn es am Geld fehlt. Ferner müssten Migranten politisch beteiligt werden, "bis hin zum kommunalen Wahlrecht auch für Nicht-EU-Bürger", heißt es in dem Empfehlungskatalog der Forscher. "Eine Gesellschaft muss mit Integration und Diversität umgehen können. Es ist viel besser, das proaktiv zu gestalten", sagt Felicitas Hillmann unter Verweis auf die Welle der Arbeitskräfte aus dem Ausland, die in den 1990er-Jahren nach Deutschland gekommen sind. Eine grundsätzliche Offenheit in den Städten gehöre natürlich auch dazu, "sonst wiederholen wir die gleichen Fehler wie seinerzeit und verlieren viele, die hochmotiviert sind".

Deutschland | Demos in Kandel | Das Bild der vertorbenen Mia Valentin auf dem Demozug Kandel ist überall. (DW/A. Prange)

Immer wieder Demos in Kandel nach dem Tod des 15jährigen Mädchens

22 Kilometer bis nach Kandel

Übrigens liegen auch in der Pfalz Licht und Schatten manchmal sehr eng beieinander. Wenn man das schöne Germersheim verlässt und nach Südosten fährt, etwa 22 Kilometer, dann erreicht man die Stadt Kandel. Dort wurde im Dezember 2017 ein Mädchen von ihrem Exfreund erstochen, einem afghanischen Flüchtling. Seitdem erlebt Kandel, dass die AfD dort immer wieder zu ausländerfeindlichen Kundgebungen aufruft. "Ja, die hatten wir vor zwei Wochen auch bei uns", sagt der Germersheimer Bürgermeister Schaile. Er war sehr froh, dass die Aktion auf kein großes Interesse gestoßen ist. 

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