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Europa

Migration als Chance für Europa verstehen

Die EU-Mitgliedsstaaten sollten ihre Haltung zu Migration grundlegend ändern - das ergaben die Diskussionen auf den Europäischen Entwicklungstagen in Brüssel. Seht die Flüchtlinge als Chance, forderten die Teilnehmer.

Migranten in Libyen (Foto: Nancy Porsia/DW)

Flüchtlinge warten in Libyen auf ihre Chance, nach Europa zu kommen

"Migration ist ein globales Thema, kein europäisches", sagt Dilip Ratha, der bei der Weltbank die Abteilung für Migration und Entwicklung leitet, "da sollten wir global nach Lösungen suchen." Mit einem Lächeln wischt Ratha die europäische Aufregung um Flüchtlingsaufnahme vom Tisch. "Schauen wir uns doch mal die Zahlen an: Jeder siebte Mensch in der Welt ist Migrant. 750 Millionen Menschen migrieren innerstattlich, 250 Millionen international, die meisten in Asien und Afrika. Und Europa regt sich über ein paar Hunderttausende auf?!"

Auch die Teilnehmer der Europäischen Entwicklungstage in Brüssel reagieren teils amüsiert, teils mit Unverständnis auf die europäische Debatte. Ein Großteil der Migranten bliebe schließlich in den Nachbarländern oder gar im eigenen Land, nur ein kleiner Teil wolle überhaupt nach Europa. "Die meisten Migranten und Flüchtlinge wandern von einem Entwicklungsland in ein anderes", bestätigt Dilip Ratha. Daran knüpft auch Martin Schulz, Präsident des Europaparlaments, in seiner Rede an: "Wenn ich mir anschaue, wie viele Menschen z.B. Jordanien und der Libanon aufnehmen, und das dann mit Europa vergleiche, dann schäme ich mich."

Viele Europäer lehnen Migranten ab

Frank Laczko (Foto: DW/E. Rheinheimer)

Frank Laczko, Internationale Organisation für Migration

Angst vor Überfremdung, der angebliche "Ansturm" von Flüchtlingen, die eigenen Ansprüche an Sozialleistungen prägt die Haltung in Europa. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) hat eine Studie zu den Einstellungen gegenüber Migration veröffentlicht: Sie zeigt, dass die Europäer weltweit die negativsten Haltungen haben . Allerdings: "Dort, wo besonders viele Asylsuchende leben - insbesondere in Deutschland und Schweden - sind die Einstellungen erstaunlicherweise deutlich positiver als in Ländern mit relativ wenig Einwanderern", erläutert Frank Laczko von der IOM.

Der Migrationsforscher geht mit Europa hart ins Gericht. "Europa sollte sehr viel mehr Flüchtlinge aufnehmen als bisher", fordert er. Mit den jüngsten Vorschlägen der EU Kommission, auch zur gerechteren Verteilung der Schutzsuchenden, sei die EU zwar "so langsam auf dem richtigen Weg" - aber viel zu spät. "Es ist traurig, dass erst wieder diese schrecklichen Unglücke im Mittelmeer geschehen mussten, damit sich etwas tut", sagt Laczko.

Syrische Flüchtlinge (Foto: picture alliance/AP Photo)

Jordanien nimmt deutlich mehr Flüchtlinge auf als europäische Länder

Migration besser managen

Das Grundproblem der ganzen Debatte steckt - da sind sich alle Teilnehmer einig - auch in den Köpfen der Politiker. Sie sehen Flüchtlinge nur als Belastung, nicht als Chance. Dabei stecke in ihnen enormes Potential, nicht zuletzt weil Europa auf den Zuzug junger Menschen angewiesen sei, hieß es auf der Tagung. Die kosmopolitische Elite der Entwicklungspolitik, die in Brüssel zusammengekommen ist, weiß längst, dass "Migration substantiell für die Menschheit und überhaupt kein neues Phänomen ist", wie Joan Clos, Direktor des UN-Siedlungsprogramms, es ausdrückt. Nur: Löst das die Schwierigkeiten, die trotz allem vielerorts zu bewältigen sind, wenn viele Menschen auf einmal in einem fremden Land ankommen?

Clos hat auch Vorschläge im Gepäck: So sollten etwa Flüchtlinge dezentral untergebracht werden, in Wohnungen im Stadtzentrum anstatt in Flüchtlingsheimen an der Peripherie, wo die Menschen ausgegrenzt werden. Clos war früher Bürgermeister von Barcelona, er ist ein Mann der Praxis. Und noch etwas wünscht sich der UN Vertreter: Einen Dialog. Nicht nur unter Politikern und Akademikern, sondern mit allen Teilen der Bevölkerung. "Wir brauchen Diskussionen über Vorurteile und Stereotype, und zwar mit allen - mit den Einheimischen und den Migranten", betont er. Ein "Richtungswechsel", schwebt ihm vor, ein Europa, in dem die Menschen anders denken, weltoffener, neugieriger sind, sich einlassen auf "das Fremde" und "die Fremden". Ist das utopisch? "Europa hat es in der Vergangenheit schließlich schon oft geschafft, neue Wege zu gehen und die Denkweise zu verändern - warum nicht auch bei diesem Thema?", sagt Clos und lacht. Er ist Optimist.

Ökonomische Fluchtgründe

Dilip Ratha (Foto: DW/E. Rheinheimer)

Dilip Ratha von der Weltbank sieht in Migranten großes Potenzial

Einen anderen Richtungswechsel hat Dilip Ratha von der Weltbank im Sinn: "Europa sollte sich viel mehr auf das ökonomische Potenzial konzentrieren", fordert er, "auf die wirtschaftliche Seite der Migration, anstatt nur an Asylsuchende zu denken". Denn Migration werde in Europa verzerrt wahrgenommen: 93 Prozent aller Migranten weltweit verlassen aus ökonomischen Gründen ihr Land. Und Ratha glaubt dabei, dass nicht sie das Problem sind, sondern der Wunsch nach Abschottung. Aufgeregt beugt er sich ein wenig vor, redet sich in Rage. "Wie kann es sein, dass Europa schon längst beschlossen hat, dass freier Handel etwas Gutes ist, Grenzkontrollen für Menschen dagegen immer noch hochhält?!"

Migration als Entwicklungschance

Der Weltbankexperte weist außerdem noch auf einen weitgehend unbekannten entwicklungspolitischen Aspekt hin: Die Summen, die Migranten in ihre Heimatländer überweisen, übersteigen bei weitem die Zahlen der Internationalen Entwicklungshilfe. Sie sind dreimal so hoch: "440 Milliarden Dollar alleine in diesem Jahr", erläutert Ratha. Dieses Geld treibe die Entwicklung in den Heimatländern signifikant voran. Aber die Überweisungen sind viel zu teuer, denn sie kosten im Durchschnitt acht Prozent oder sogar mehr. Man müsse sie viel billiger machen, das sei ein wichtiger politischer Schritt.

Auf den Europäischen Entwicklungstagen ist das nur ein Vorschlag von vielen. Man müsse Migrations- und Flüchtlingspolitik als Querschnittsaufgabe verstehen, so die Forderung. Sie sei mehr als die Diskussion über Seenotrettung und Asylheime. Mit einer stärker vernetzten Politik, die Handelsbeziehungen, Ansiedlungspolitik, Integration, und den Zugang zum Arbeitsmarkt zusammenfassen würde, könnte Europa viel bewirken. Und die EU müsste dafür nicht einmal den eigenen Lebensstandard senken.

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