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Politik & Gesellschaft

Migrantinnen werben für Grundgesetz

Sie sind weiblich, erfolgreich und integriert: Die Migrantinnen von der Initiative Progressiver Frauen sind es leid, dass radikale Salafisten Korane verteilen. Deshalb wollen sie das Grundgesetz unter das Volk bringen.

Grundgesetzbuch (Foto: dpa)

Grundgesetz Deutschland

Wenn man Sunay Capkan auf die Salafisten anspricht, wird die sonst so ruhig wirkende Frau energisch. Als radikale Salafisten im April in ganz Deutschland kostenlose Exemplare des Korans verteilt haben, ist ihr der Kragen geplatzt: "Ich dachte, das darf nicht wahr sein. Die deutsche Gesellschaft dreht durch! Wir müssen was tun: Wir verteilen das Grundgesetz. Denn dieses Buch ist das wichtigste Buch unserer Gesellschaft - nur damit können wir ein friedliches demokratisches Miteinander erreichen. Die Bibel oder der Koran kann jeder privat zu Hause haben, aber wir müssen uns alle an das Grundgesetz halten."

"Die Religionslastigkeit geht uns auf die Nerven"

Sunay Capkan und Zeliha Dikmen (Foto: privat)

Mit ihren Lebensläufen brechen sie Klischees: Zeliha Dikmen (l.) und Sunay Capkan

Wir, damit meint Sunay Capkan die Frankfurter Initiative Progressiver Frauen, 160 gebildete, erfolgreiche und selbständige Frauen mit Migrationshintergrund und einem gemeinsamen Ziel: Sie wollen, dass in Deutschland nicht mehr so viel über die Religion diskutiert wird: "Wir haben kein Religions- oder Islamisierungsproblem, sondern soziale und sozio-ökonomische Probleme." Ihrer Meinung nach sollten andere Fragen, etwa wie die Bildungskluft verringert werden kann, im Fokus der öffentlichen Diskussion stehen. Denn: "Diese Religionslastigkeit geht uns auf die Nerven. Wir wollen den Blick auf die Gleichberechtigung, auf Säkularität und Demokratie lenken."

Und weil die Basis der Demokratie in Deutschland das Grundgesetz ist, stellt sich die Unternehmensberaterin zusammen mit Informatikerinnen, Ingenieurinnen und Ärztinnen am Samstag (09.06.2012) in die Frankfurter Fußgängerzone. Ihr Ziel: 2000 Grundgesetze zu verteilen und mit den Menschen über Fragen zu diskutieren wie die, ob Kirche und Staat strikt getrennt sein sollten. Denn sie und ihre Mitstreiterinnen plädieren für den Laizismus und sind beispielsweise dagegen, dass Imame hierzulande mit Steuergeldern ausgebildet werden.

Das Migrantinnen-Klischee brechen

Frau mit Burka (Foto: dpa)

Burka und Kopftuch ist bei der Frankfurter Initiative progressiver Frauen ein "No Go"

Die Frankfurter Frauen wollen das Klischee der Kopftuch tragenden, ungebildeten und von ihrem Mann abhängigen Migrantin brechen. "Wir sind alle Paradebeispiele für gelungene Integration", schmunzelt Capkan. Sie selbst kam mit zehn Jahren aus der Türkei nach Frankfurt. Ihr Vater war Schneider - "eine bildungsferne Familie, die mich aber zu Bildung ermutigt hat". 35 Jahre später ist sie studiererte Betriebswirtin und Unternehmensberaterin, hat zwei Töchter, von denen sie eine alleine großgezogen hat, "denn mein türkischer Mann ist abgehauen".

"Als Türkin an die Uni - wie ging das denn?"

Auch der Werdegang von Zeliha Dikmen erstaunt viele Deutsche: Mit acht Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen, der Vater Arbeiter, die Mutter Küchenhilfe - "die klassische Gastarbeiterfamilie eben". Heute ist sie Diplom-Informatikerin, hat zwei erwachsene Kinder und einen guten Job. "Wir wollen für junge Migrantinnen ein Vorbild sein, ihnen zeigen, dass sie finanziell unabhängig sein müssen, dass ein selbstbestimmtes Leben möglich ist - und dass der Schlüssel dazu die Bildung ist", erklärt Zeliah Dikmen. Deshalb arbeiten die 160 Frauen der Bürgerinitiative auch als Mentorinnen für jüngere Frauen aus Einwandererfamilien.

Ähnliche Aktion in Pforzheim

Bundestagsabgeordneter Memet Kilic mit Grundgesetzbüchern (Foto: dpa)

Bundestagsmitglied Memet Kilic sammelte durchweg positive Reaktionen mit seiner Aktion

Die Aktion der Frankfurterinnen ist nicht neu. Vor gut einem Monat hat der türkischstämmige Bundestagsabgeordnete Memet Kilic (Bündnis 90/Die Grünen) in der Pforzheimer Fußgängerzone Grundgesetze verteilt. Auch er wollte als Reaktion auf die Salafisten-Diskussion ein Zeichen setzen. "Ich hatte die Sorge, dass ein falsches Bild entsteht, denn die Mehrheit der Muslime sind nicht Extreme."

Innerhalb von zwei Stunden hatte Kilic 350 Exemplare verteilt und unzählige Diskussionen geführt, über ganz ähnliche Themen, wie die Frankfurter Frauen es sich erhoffen. "Von Frauen wurde ich ganz oft auf die Gleichberechtigung von Mann und Frau angesprochen", erzählt Kilic. Die Reaktionen seien durchweg positiv gewesen: "Die Deutschen waren beeindruckt, dass sich jemand mit Migrationshintergrund für das Grundgesetz einsetzt. Und die Muslime waren erleichtert, dass die Leute in Deutschland merken, dass wir Muslime uns auch für unser Grundgesetz auf die Straße stellen und die freiheitlich-demokratische Grundordnung verteidigen." Er hatte sich damals gewünscht, dass seine Aktion Nachahmer finden würde. Die wird es nun in Frankfurt geben - Nachahmerinnen, um korrekt zu sein.