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Deutschland

Migranten nicht gewalttätiger als Deutsche

Eine Langzeitstudie räumt gleich mit mehreren Klischees auf: Jugendliche Intensivtäter schlagen nicht automatisch als Erwachsene eine kriminelle Karriere ein. Und: Migrantenkinder sind nicht krimineller als deutsche.

Kemal ist Testosteron-gesteuert, übersteigert machohaft und immer zu einer Schlägerei bereit. Kemal ist ein Klischee. Das Klischee des Jugendlichen mit Migrationshintergrund, der sich schon bei einem schiefen Blick angegriffen fühlt und mit den Fäusten zuschlägt. Dabei sind Jugendliche mit Migrationshintergrund nicht gewalttätiger oder krimineller als deutschstämmige.

Das ist das Ergebnis einer Langzeitstudie zur Jugendkriminalität der Universität Münster. "Kriminalität ist kein Problem der ethnischen Herkunft", betonte der Kriminologe Klaus Boers. Vielmehr seien bei straffällig gewordenen Jugendlichen – ob mit oder ohne Migrationshintergrund - die Ursachen für die Kriminalität in sozialen oder Bildungsdefiziten begründet.

Türkische Frauen beim Einkauf in Duisburg (Foto: dpa)

In Duisburg leben viele Migranten. Hier befragten die Forscher 3.400 Jugendliche

Die Experten hatten dafür seit 2002 rund 3.400 Jugendliche in Duisburg in jährlichen Abständen befragt. Zu Beginn waren die Mädchen und Jungen im Durchschnitt 13 Jahre alt. Die letzte Befragung fand Anfang 2013 statt. 40 Prozent der Befragten hatten einen Migrationshintergrund, etwa 20 Prozent dieser Jugendlichen türkische Wurzeln.

Die türkischstämmigen Jugendlichen sind nach den Worten des Wissenschaftlers stärker an traditionellen Werten orientiert. Außerdem hätten sie weniger Probleme mit Alkohol, der bei Jugendgewalt häufig eine große Rolle spielt. Türkische Mädchen seien zudem deutlich "konformer" in ihrem Verhalten als deutsche Mädchen.

In den neunziger Jahren hatte es noch andere Ergebnisse gegeben. Damals war der Anteil der Gewalttäter unter den Jugendlichen mit Migrationshintergrund höher. "In Duisburg haben wir zum ersten Mal gesehen, dass dieser Unterschied nicht mehr bedeutsam ist", sagt Boers. Der Kriminologe führt diese Veränderung auf eine verbesserte Integration und größere Bildungschancen für Migrantenkinder zurück.

Ein bisschen kriminell sind fast alle

Symbolbild Ladendiebstahl in der Kosmetikabteilung

Mutprobe: Pubertätsdelikt Ladendiebstahl

Ein weiteres Ergebnis: Ein großer Teil der befragten Jugendlichen – ob mit oder ohne Migrationshintergrund - beging bis zum 18. Lebensjahr mindestens einmal eine Straftat. In den meisten Fällen waren das Ladendiebstähle. 84 Prozent der Jungen und 69 Prozent der Mädchen gaben in der anonymen Befragung zu, schon einmal ein Delikt verübt zu haben. "Das ist völlig normal. Das gehört zum Sozialisationsprozess in der Pubertät dazu. Man überschreitet Grenzen und lernt dadurch, was erlaubt und was verboten ist", erklärt Boers. Doch in der Regel seien das nur kurze Phasen. "Das Meiste regelt sich von selbst - ohne Eingriffe durch Polizei oder Justiz." Das zeige, dass die Gesellschaft eigentlich sehr erfolgreich sei im Vermitteln von Normen.

Das Problem sind die Intensivtäter. Sie haben die Hälfte aller Taten und über drei Viertel aller Gewaltdelikte auf dem Kerbholz. Ihr Anteil unter den Jugendlichen liegt zwischen sechs und acht Prozent. "Bei denen muss interveniert werden", sagt der Kriminologe Boers. Es gebe ein ganzes Bündel von Ursachen dafür, dass ein Jugendlicher zu einem Intensivtäter werde. Ein verwahrlostes Elternhaus, familiäre Gewalterfahrungen, Umgang mit anderen straffälligen Jugendlichen – all das könne sich zu einem "delinquenten Lebensstil" verdichten.

Hilfe vom Streetworker

Jugendkriminalität Symbolbild (Foto: dpa)

Lehranstalt: Kriminelle Karriere im Knast

Schule und Eltern könnten da häufig nicht mehr viel tun. "Das ist die Aufgabe von Leuten, die speziell dafür ausgebildet sind. Streetworkern, die gezielt auf die Jugendlichen zugehen. Sie von der der Straße holen, ihnen andere Lebens- und Freizeitangebote machen."

Menschen wie Matthias Gutjahr. Der Sozialpädagoge arbeitet im Berliner Projekt "Gangway". Er und seine Kollegen kümmern sich um jugendliche Intensivstraftäter vor und nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis. Sogenannte "Endstrafler", die sich während ihrer Zeit im Gefängnis allen Hilfsangeboten verweigert haben und deswegen ihre Haft bis zum letzten Tag absitzen müssen.

"Bisher war es so, dass 70 bis 80 Prozent dieser Leute innerhalb eines Jahres wieder in Haft landeten", erzählt Gutjahr. "Diesen Drehtüreffekt wollen wir verhindern." Der Streetworker und seine Kollegen bieten Hilfe beim Umgang mit Behörden, bei der Wohnungssuche und sind Ansprechpartner bei Problemen aller Art. "Die Jugendlichen reagieren sehr gut. Es gibt kaum jemanden, der das nicht annimmt. Weil es ein freiwilliges Angebot ist. Weil wir mit denen auf Augenhöhe gehen, uns nicht Siezen lassen und als freier Träger in die Jugendstrafanstalt gehen."

Familie statt Kriminalität

Doch aus einem jugendlichen Intensivstraftäter muss nicht unbedingt ein ewiger Krimineller werden. Viele finden mit zunehmendem Alter auf den Pfad der Tugend zurück. Wichtig, so der Kriminologe Boers, sei dabei eine feste Beziehung mit einem gesellschaftskonformen Partner und eine stabiles Arbeitsverhältnis. Der Streetworker Gutjahr kann das bestätigen: "Viele kriminelle Karrieren hören bis zum 30. Lebensjahr automatisch auf". Harte Strafen, da sind sich Boers und Gutjahr einig, würden nicht abschrecken. "Je härter die Strafen, desto höher ist das Rückfallrisiko", sagt Boers. Gefängnistrafen würden die Jugendlichen in ein negatives Umfeld versetzen. Im Gefängnis würden sie nur von anderen Straftätern lernen. "Grenzen setzen, aber den Weg in die Normalität offenhalten, das ist die Aufgabe."

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