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Wirtschaft

Migranten aus der stillen Reserve holen

Ein Feinmechaniker, der Taxi fährt. Eine Krankenschwester, die als Putzhilfe arbeitet. Viele Migranten in der Bundesrepublik haben immer noch keinen Job, der ihrer eigentlichen Qualifikation entspricht.

Fachkräftemangel – wie ein Gespenst macht dieser Begriff seit einigen Jahren die Runde. Wenn sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt nichts ändert, werden im Jahr 2025 sechs Millionen Erwerbstätige weniger zur Verfügung stehen als heute. Das wäre Gift für eine florierende Wirtschaft. Die Bundesregierung hat daher im Juni 2011 eine Fachkräfteoffensive gestartet. Ein Bestandteil ist das sogenannte Anerkennungsgesetz für ausländische Berufsabschlüsse.

Es gilt seit dem 1. April 2012 und markiert, so sagt Ralf Maier, Referent im Bundesministerium für Bildung und Forschung, einen Paradigmenwechsel. "Bisher war es immer so, dass die Migranten unter dem Aspekt gesehen wurden, wo muss man sie unterstützen. Jetzt wird erstmalig angesetzt, dass im Ausland auch gute Berufsqualifikationen erworben werden, die für den deutschen Arbeitsmarkt nützlich sind und die hier gebraucht werden."

Rechtsanspruch auf Anerkennung

Von den rund drei Millionen in Deutschland lebenden Migranten mit abgeschlossener Berufsausbildung haben rund zwei Millionen ihren Abschluss im Ausland erworben. Viele von ihnen mussten in den vergangenen Jahrzehnten erleben, dass sie nach ihrer Ankunft in Deutschland als nicht ausgebildet eingestuft wurden und somit auf dem deutschen Arbeitsmarkt keine Chance hatten. Jetzt haben sie einen Rechtsanspruch darauf, dass ihre Qualifikation überprüft und adäquat eingestuft wird.

Ausbildung im Bildungswerk Kreuzberg in Berlin (Foto: Gallup/Getty Images)

Ein erster Schritt: Ausbildung im Bildungswerk Kreuzberg in Berlin

Für die zuständigen deutschen Stellen sei das eine echte Herausforderung, sagt Ulrich Schönleitner vom Bundeswirtschaftsministerium. Es sei sehr schwierig, eine ausländische Qualifikation mit einer deutschen Qualifikation zu vergleichen. "Wir haben ein sehr hohes Niveau, das wir auch nicht verwässern wollen. Deswegen müssen wir exakt feststellen, wo die jeweiligen Kompetenzen sind und wenn es, wie vielfach der Fall, Lücken gibt, dann muss zielgerichtet nachgearbeitet werden."

Was ist ein Karamellkocher?

Im Bereich der Ausbildungsberufe liegen den Industrie- und Handelskammern und den Handwerkskammern bis jetzt etwas mehr als 3000 Anträge auf Anerkennung eines ausländischen Berufsabschlusses vor. Rund 700 ausländische Fachkräfte sind als solche inzwischen anerkannt worden. Welche beruflichen Qualifikationen es in welchen Ländern gibt und wie man sie mit deutschen Abschlüssen vergleichen kann, diese Informationen werden auf dem sogenannten "BQ-Portal" im Internet gesammelt. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt von Wirtschaft und Wissenschaft und wird vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert.

Projektleiter Dirk Werner vom Institut der deutschen Wirtschaft spricht von einer echten Herausforderung. Ein Koch aus Polen sei noch einfach einzuordnen. Beim Karamellkocher aus Uganda gestalte sich das schon deutlich schwieriger. Es gebe viele Länder, in denen das Berufsbildungssystem deutlich weniger ausgearbeitet sei als in Deutschland. "In manchen afrikanischen Ländern gibt es vielleicht Ausbildungsregeln, aber die werden mehr als Empfehlung gesehen. Also da gibt es andere Ansprüche an Standards und Qualität und da ist es auch schwierig, wenn Zertifikate vorliegen, festzustellen, welchen Gehalt sie haben, weil man es nicht so einfach beurteilen kann." Es komme stets auf das Land und den Beruf an und da gebe es viele verschiedenen Antworten.

Migranten wachrütteln

20 Länderprofile sind auf dem BQ-Portal bis jetzt hinterlegt. Die Anträge kommen inzwischen aber schon aus 85 Ländern. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens 200.000 in Deutschland lebende Migranten unter ihrer Qualifikation arbeiten. Viele von ihnen, so sagt Nihat Sorgec, geschäftsführender Gesellschafter des BWK Bildungswerks in Berlin-Kreuzberg, hätten sich inzwischen mit ihrer Situation arrangiert und seien nicht mehr richtig motiviert, etwas zu verändern. "Es ist eine gewisse Lethargie in den letzten Jahren entstanden, denn es gab ein Gefühl der Ablehnung und die nicht vorhandene Willkommenskultur hat ja auch Auswirkungen auf die Psyche der Menschen." Diese Menschen müssten wachgerüttelt werden und man müsse einiges tun, um ihnen das Gefühl zu geben, "dass sie tatsächlich willkommen sind".

Erntehelfer bei der Arbeit (Foto: Fotolia.com)

Viele halten sich als Erntehelfer über Wasser

Das Vorhandensein eines Rechtsanspruchs reicht dafür nicht aus. Das Anerkennungsgesetz müsse auf allen Ebenen mit Leben erfüllt werden - und das sei gar nicht so einfach, sagt Ralf Maier vom Bundesbildungsministerium. Vor allem bei den Sachbearbeitern in den deutschen Ämtern müsse es einen regelrechten Mentalitätswechsel geben. "Die müssen ein bisschen auch die Willkommenskultur erlernen und die Thesen, die wir politisch über das Gesetz stellen, auch mit Leben erfüllen. Das ist im Moment die große Herausforderung."

Bei den Industrie- und Handelskammern klappe das schon ganz gut, so Maier weiter, "weil die sehr nah an den Unternehmen dran sind und den Bedarf spüren". Für die Anerkennung von Qualifikationen in reglementierten Berufen, wie beispielsweise Arzt oder Krankenschwester, seien es aber die Landesgesundheitsämter, also Behörden, die für die Prüfung zuständig seien. "Die haben nicht den Druck eines Unternehmens, das sagt, wir brauchen hier die Leute", so Maier.

Hürden abbauen

Ein weiteres Hemmnis sind die Kosten, die bei einem Anerkennungsverfahren entstehen. In der Regel sind es 600 Euro, bei einer komplexen Qualifikationsanalyse können aber auch 2000 Euro anfallen, sagt BQ-Projektleiter Dirk Werner. Es komme darauf an, wie viele Unterlagen vorhanden seien und wie viele nachgefordert werden müssten. "Schwierig wird es in den Fällen, wo keine Originalzeugnisse mehr vorliegen, oder über die Ausbildungsordnung im Herkunftsland keine Informationen vorliegen." Solche Fälle gebe es inzwischen schon einige und je länger die Ausbildung zurückliege, desto schwieriger sei die Prüfung. "Teilweise sind Bildungsinstitutionen abgebrannt, teilweise sind die Ministerien in anderen Ländern nicht so motiviert, mit uns zu kooperieren, auch das muss man sagen. Teilweise greifen sie da ins Leere", so Werner.

Migranten, die ihre Berufsausbildung bewerten lassen wollen, werden mit den Kosten aber nicht allein gelassen. Je nachdem, wie gefragt die Fachkräfte sind, werden die Kosten für das Anerkennungsverfahren von der Arbeitsagentur gefördert oder sogar komplett übernommen.

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