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Wirtschaft

Miese Stimmung in der Landwirtschaft

Die Grüne Woche, weltgrößte Messe für Landwirtschaft und Ernährung, feiert in Berlin ihr 80. Jubiläum. Der Branche ist allerdings nicht zum Feiern zumute. Schlechte Aussichten drücken die Stimmung.

Es ist einmal mehr eine Leistungsschau der Superlative. Bis auf den letzten Quadratzentimeter ist die Grüne Woche ausgebucht. In 26 Hallenkomplexen drängen sich 1658 Aussteller aus 68 Ländern. Partnerland ist diesmal Lettland. Bis zum 25. Januar werden tausende Nahrungs- und Genussmittel präsentiert, in Showküchen wird gebraten und gebacken, ein Erlebnisbauernhof gibt Einblick in die Landwirtschaft und in zwei Tierhallen blökt, grunzt und gackert es.

Der schöne Schein kann in diesem Jahr allerdings nicht über die Skepsis hinwegtäuschen, mit der Land- und Ernährungswirtschaft ins neue Jahr gestartet ist. In Deutschland kämpfen die Landwirte nach drei guten Jahren mit einem Abschwung. Die Märkte hätten sich gedreht, klagt Bauernpräsident Joachim Rukwied. "Der Fleischsektor und insbesondere die Preise für Schweinefleisch und Ferkel sind schon seit einem längeren Zeitraum unter Druck." Auch die Preise für die Grundnahrungsmittel Milch und Getreide seien im vergangenen Halbjahr gesunken. "Die Bereiche Zucker, Obst und Gemüse sind ebenfalls unter Druck und das bleibt natürlich nicht ohne Wirkung in der Landwirtschaft."

Europäische Apfelschwemme

Die Stimmung unter den Bauern ist mies, denn nach guten Ernten in vielen Erzeugerländern übersteigt das Angebot die Nachfrage. Die Konjunktur läuft schleppend, und dazu kommt die Ukraine-Krise mit dem Russland-Embargo. Der russische Importstopp für europäische Agrarerzeugnisse habe das Überangebot in der EU weiter wachsen lassen, erklärt Rukwied am Beispiel der Apfelerzeugung.

Internationale Grüne Woche in Berlin 2015 - Joachim Rukwied

Keine guten Aussichten: Bauernpräsident Joachim Rukwied auf dem Erlebnisbauernhof

Aus Deutschland seien lediglich 25.000 Tonnen Äpfel pro Jahr nach Russland gegangen, aus Polen jedoch 600.000 Tonnen. "Diese Menge drängt jetzt auf den EU-Binnenmarkt und hat in Verbindung mit einer guten Ernte dazu geführt, dass der Preis für Tafelobst innerhalb eines Jahres von 60 Cent pro Kilogramm auf 20 Cent gesunken ist. Bei Most-Obst, das man für Säfte braucht, da kann man gar nicht mehr von einem Preis reden, da bekommen die Landwirte noch zwei Cent pro Kilogramm."

Messe als Drehscheibe

Auf der Grünen Woche hat Russland trotz aller Spannungen einen großen Stand in Halle zwei. Vor allem Obst- und Gemüsebauern hoffen auf eine möglichst baldige Lockerung des Embargos und wollen ihre Geschäftsbeziehungen nicht einschlafen lassen. Christian Göke, Hauptgeschäftsführer der Messe Berlin, findet das bemerkenswert.

Er nimmt es aber auch als Bestätigung für den Stellenwert der Messe. "Das zeigt sehr eindringlich, welchen wirtschaftspolitischen Rang, welche agrarpolitische Bedeutung diese Veranstaltung besitzt. Und es dokumentiert auch eine Funktion, die die Grüne Woche seit Jahrzehnten innehat, nämlich Drehscheibe zwischen Ost und West zu sein. Und sie war schon immer die wichtigste Dialogplattform für die gesamte Branche." Neben 100.000 Fachbesuchern werden in Berlin rund 150 Politiker aus aller Welt erwartet. Etwa 300 Konferenzen, Tagungen und Seminare finden in den zehn Messetagen statt, dazu die weltweit größte Agrarministerkonferenz.

Angst vor Hormonfleisch

Eines der Themen, die auf der Messe besonders heiß diskutiert werden, wird TTIP sein, das Transatlantische Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA. Landwirtschaft und Ernährungsindustrie sind grundsätzlich für den Freihandel. Allerdings müssten europäische Qualitäts- und Produktionsstandards gewahrt werden, fordert Bauernpräsident Rukwied. "Wir wollen nicht, dass Hormonfleisch auf europäischen, auf deutschen Tellern ist. Wir setzen keine Hormone ein und wir werden das auch weiterhin nicht tun."

Die in der amerikanischen Landwirtschaft übliche Verwendung von Wachstumshormonen bringe Kostenvorteile in der Mast, warnt Rukwied. Auch Umweltschützer warnen, dass billigeres Fleisch aus den USA auf den EU-Markt drängen und hiesige Produzenten benachteiligen könnte.

Ernährungsindustrie setzt auf TTIP

Es müsse ein fairer Handel sein, fordert Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie. Seine Branche unterstütze TTIP. "Da es auf der Ebene der WTO beim Freihandel nicht zu Erfolgen kommt, brauchen wir diese multilateralen strategischen Partnerschaften, weil sie zunehmend an Bedeutung auch für unsere Branche gewinnen." Die Ernährungsindustrie sei exportorientiert "und wir brauchen ein solches Abkommen, das am Ende erfolgreich für unsere Belange abgeschlossen wird".

Gut ein Drittel ihrer Waren verkauft die deutsche Ernährungsindustrie ins Ausland. 2014 wuchs der Export um 5,6 Prozent auf einen Ausfuhrwert von 56,3 Milliarden Euro. Das reichte aber nicht aus, um das schlechte Inlandsgeschäft auszugleichen. Insgesamt sank der Umsatz um 1,1 Prozent auf 173,2 Milliarden Euro.

Symbolbild funktionelle Lebensmittel

Geld verdient die Ernährungsindustrie nur noch mit sogenannten funktionellen Lebensmitteln

"Wir haben einen zunehmenden Konkurrenzdruck auch im internationalen Wettbewerb, die Verkaufspreise stagnieren", klagt Minhoff und verweist auf "hohe Kosten für Energie und durch den Mindestlohn". Im Lebensmitteleinzelhandel gebe es immer größere Zusammenschlüsse, und das mache die Verhandlungsposition für die Lebensmittelindustrie nicht einfach. "Wir haben auch immer höhere Anforderungen an die Lebensmittel, an die Produkte und an die Hersteller."

Ändert sich was an der Massentierhaltung?

Von dieser Entwicklung könnten die Biobauern profitieren. Sie hoffen, dass nach jahrelangem Stillstand wieder mehr Betriebe auf Öko-Landbau umstellen, nachdem die Bundesländer ihre Fördersätze erhöht haben. Doch auch die konventionellen Fleischproduzenten wollen dem Wunsch der Verbraucher nach mehr Tierschutz nachkommen. Ab August kommt Fleisch in die Regale, das nach den Vorgaben der "Aktion Tierwohl" produziert wird. Bauern, die die Standards erfüllen, werden aus einem Fonds finanziell unterstützt, in den Einzelhändler einzahlen. Das Aktionsbündnis "Grüne Woche demaskieren!" bezeichnet die Initiative allerdings als "bloße Image-Kampagne und Werbetrick". Die Auswirkungen der Initiative auf die Lebensqualität der Tiere sei "denkbar minimal", heißt es.