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So geht Deutschland

Michel: Nationalfigur und Persona non grata

Der deutsche Michel gilt seit gut zwei Jahrhunderten als die Nationalfigur der Deutschen. Im Ausland ist er nahezu unbekannt. Und auch die Deutschen haben zu ihrem Michel ein kompliziertes Verhältnis.

Ulrich Op de Hipt, wissenschaftlicher Mitarbeiter Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Foto: Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland)

Ulrich Op de Hipt: "Der Michel ist nahezu unbekannt"

Der deutsche Michel ist eine merkwürdige Nationalfigur. Von Erhabenheit kann keine Rede sein. "Im Grunde ist der Michel eine verschlafene, harmlose und spießige Gestalt", sagt der Historiker Ulrich Op de Hipt. Am Haus der Geschichte in Bonn, einem der größten historischen Museen Deutschlands, hat sich der Karikaturenspezialist intensiv mit der visuellen Darstellung des deutschen Michels beschäftigt. "Weltweit haben wir bei der Vorbereitung einer Karikaturenausstellung über das ausländische Deutschlandbild recherchiert. Nicht nur in Europa, unter anderem auch in Nordamerika und Asien. Unser Ergebnis: Der deutsche Michel ist im Ausland nahezu unbekannt." Ein Befund, der den Historiker nicht wirklich überrascht, denn, so Op de Hipt: "Die Nationalfigur der Deutschen verkörpert - anders als etwa die französische Marianne oder der US-amerikanische Onkel Sam - in erster Linie die Vorstellungen der Deutschen über sich selbst."

Der US-amerikanische Uncle Sam auf einem Werbeplakat für die US-Army (Foto: gemeinfrei)

Der US-amerikanische Uncle Sam

Der kleine Mann

Dabei ist selbst den Deutschen bis heute unklar, woher ihr Michel eigentlich stammt. Zwar haben sich über die Jahrhunderte zahlreiche Theorien mit seiner Herkunft beschäftigt, doch konnte bisher keine überzeugen. Fest steht, dass die Michelfigur erstmals in einem deutschen Sprichwörterbuch des 16. Jahrhunderts Erwähnung fand. Doch schon damals ist das Bild des Michels wenig schmeichelhaft. Stimmen die Aufzeichnungen, dann war schon der Michel des Mittelalters eine ziemlich ungeschickte Gestalt und im Kern ein Symbol für den einfachen und ungebildeten Bauern. In den folgenden Jahrhunderten wandelte sich sein Charakter immer wieder. Am Ende verfestigte sich jedoch die seit dem Anfang mit ihm verbundene Idee vom "kleinen Mann". Der Michel wurde daher zum Symbol für einen, der keine Macht besaß und daher für sich genommen harmlos war. Wohl auch deshalb wurde die charakteristische Kopfbedeckung des Michels, seine Zipfelmütze, die wie eine Kreuzung aus Zwergenhut und Schlafmütze daherkommt, zu seinem vielleicht wichtigsten Erkennungsmerkmal.

Das zipfelmützige Selbstbild

Eine Karikatur des deutschen Michels (Foto: gemeinfrei)

Keine ausgeschlafene Figur: der deutsche Michel

Dieses verschlafene und zipfelmützige Selbstbild der Deutschen steht dabei in einem eklatanten Widerspruch zu jenen Erfahrungen, die die Welt mit den Deutschen gemacht hat. Denn in den Kriegen des 20. Jahrhunderts einschließlich des Holocausts zeigten die Deutschen ein vollkommen anderes Gesicht. "Wohl auch deshalb“, so der Historiker Op de Hipt, "ist der deutsche Michel, anders als etwa Amerikas Onkel Sam und Frankreichs Marianne, international nie populär geworden. Denn diese Figur passt einfach nicht zu jenem aggressiven Deutschland, das die Welt hatte kennenlernen müssen." Das vielleicht größte Problem mit dem Michel aber hatten die deutschen Nationalsozialisten. "Denn für Hitlers Rassenwahn vom deutschen Übermenschen", sagt Op de Hipt, "war gerade die deutsche Nationalfigur des Michels aufgrund ihrer Schwächlichkeit, eine 'Persona non grata', eine Unperson." Erst nach dem Untergang Nazi-Deutschlands konnte der Michel eine kleine Renaissance erleben. So erfreut sich das tumbe Männchen mit der Zipfelmütze heute wieder vor allem bei deutschen Karikaturisten einer großen Beliebtheit.

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