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Politik

Michail Gorbatschow - In Deutschland verehrt, in Russland umstritten

Der ehemalige sowjetische Präsident Michail Gorbatschow wurde am 2. März 2006 75 Jahre alt. In Deutschland und vielen anderen Ländern wird er hoch geschätzt, in seiner Heimat dagegen ist er eher unbeliebt.

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Inzwischen ein 'Promi': Michail Gorbatschow

"Gorbi, Gorbi", titelt die deutsche Bild-Zeitung in zentimeterhohen Buchstaben im Juni 1989. Gorbi, das ist in Deutschland zu dieser Zeit die zärtliche Abkürzung für den Namen des sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow.

Im Sommer 1989 - noch vor der Deutschen Einheit - ist er gemeinsam mit seiner Frau Raisa zum Staatbesuch in Westdeutschland. Auf dem Titelblatt heben beide einen kleinen deutschen Jungen hoch und lachen. Diese Zeitung hängt heute im "Haus der Geschichte" in Bonn.

Kohl und Gorbatschow

Gorbatschow und Kohl bei einem Treffen 1989

Das Museum erinnert an die Deutsche Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart. Ein wichtiger Teil der Ausstellung zu den 1980er Jahren ist dem Andenken an Michail Gorbatschow und seine Reformen gewidmet. Damals sei Gorbatschow von deutschen Medien wie ein Superstar gefeiert worden, sagt Andrea Mork, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Museum. Sie zeigt eine Postkarte aus dem Jahr 1989, auf der "'Gorbatschow Superstar" zu lesen ist. "Die Menschen haben ja ein klares Gespür gehabt, dass hier ein Hoffnungsträger Bonn besucht."

Gorbatschow als Weltverbesserer

Zwei-plus-vier-Vertrag 10 Jahre später

Genscher (l) und Gorbatschow im Jahr 2000, zehn Jahre nach der Unterzeichung des Zwei-plus-vier-Vertrages

Schon damals genießt der sowjetische Präsident hohes Ansehen. Nach der deutschen Wiedervereinigung und in der Zeit danach wird Gorbatschow zum Helden, der die friedliche Einheit des Landes ermöglicht hat. "Man kann mit guten Gründen sagen, dass Michail Gorbatschow die Welt verändert hat, und zwar zum Besseren, denn der jahrzehntelange Kalte Krieg ist abgebaut worden durch seine Veränderung der sowjetischen Politik", erinnert sich Hans-Dietrich Genscher, der damalige deutsche Außenminister.

"Glasnost" (Offenheit) und "Perestroika" (Umbau) - diese Schlagworte sind für viele Deutsche untrennbar mit dem Namen Gorbatschow verbunden. Sie sind sogar im wichtigsten deutschen Wörterbuch, dem Duden, zu finden.

Nicht nur in Deutschland, in vielen Teilen der Welt wird der ehemalige sowjetische Präsident bewundert und wegen seiner Leistungen respektiert. Doch in seinem Heimatland Russland findet man vergleichsweise wenige Menschen, die Bewunderung und Respekt für Gorbatschow empfinden.

Gorbatschow als Zerstörer Russlands

Der deutsche Autor Klaus-Rüdiger Mai hat für eine aktuelle Gorbatschow-Biographie in Russland mit vielen Menschen über den ehemaligen Präsidenten gesprochen. Die Reaktionen, so sagt er, waren sehr zwiespältig: Für die einen sei Gorbatschow derjenige, der das Land geöffnet habe - für die anderen der, der die Sowjetunion zerstört habe. Schriftsteller Mai gibt einen Gedankengang wieder, den er häufig gehört hat: "Man hätte den Ostblock nicht abgeben dürfen, man hätte dies nicht tun dürfen, man hätte außenpolitisch 'stark' bleiben müssen - dann wäre noch alles gut. Dann ginge es vielleicht mir schlecht, aber Russland wäre noch ein großer, starker Staat."

Gorbatschow wiedergewählt

Gorbatschow nach seiner Wiederwahl als Generalsekretär 1990

Doch das große, starke Russland gibt es so nicht mehr. Gorbatschow ermöglichte den sowjetischen Verbündeten im damaligen Ostblock die Unabhängigkeit. Letztendlich brach die Sowjetunion zusammen und wurde ersetzt durch ein eher lockeres Bündnis, die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS). Gorbatschow verlor die Macht an seinen Nachfolger, Boris Jelzin.

Später Ruhm in der Heimat möglich

In Russland verschlechterten sich für viele Menschen die Lebensbedingungen. Die Schuld daran, so Mai, gaben und geben viele Menschen noch heute nicht der verfehlten Wirtschaftspolitik Jelzins, sondern den Reformen Gorbatschows. Dennoch glaubt Autor Mai nach seinen Gesprächen mit Zeitzeugen und Weggefährten, dass man sich in Russland irgendwann an Gorbatschows Ideen und Pläne erinnern wird: "Die Reformer haben das Land immer wieder ein Stück voran gebracht. Sein großes Erbe wird man eines Tages sicher aufarbeiten. Der Weg zur Demokratie in Russland wurde von Gorbatschow richtig gesehen: Er kann nur Schritt für Schritt erfolgen."

Ein gefeierter Held, ein Popstar der Politik wie in Deutschland und anderen westlichen Ländern wird Michail Gorbatschow in seiner Heimat wohl nicht mehr werden. Er selbst scheint kurz vor seinem 75. Geburtstag nicht darunter zu leiden, dass er in seinem Heimatland so wenig beliebt ist. Auf die Interview-Frage, warum er in Russland so wenig populär sei, stellte er dem deutschen Magazin "Stern" als Antwort eine Gegenfrage: "Kennen Sie einen Reformer, der geliebt wird?"

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