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Politik

Michael Moore und die neue Streitkultur in den USA

Michael Moore wurde im vergangenen Jahr in Deutschland zum "Popstar" unter den USA-Kritikern. Welche Wirkung hat er aber in seinem Heimatland selbst? Eine Einschätzung des Politologen Thomas Greven.

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Als der Bestseller-Autor und Dokumentarfilmemacher Michael Moore im letzten Jahr auf Deutschland-Lesereise war, schrieben seine deutschen Kritiker (voneinander ab?), dass er in den USA weniger beliebt sei als in Deutschland und hierzulande vor allem deswegen erfolgreich, weil er mit seiner Bush-Kritik anti-amerikanische Klischees bediene.

Goldene Palme für Michael Moore Titelseite Miniquiz Mai 2004

Michael Moore bei der Verleihung der Goldenen Palme in Cannes

Jetzt hat er mit seinem neuen Film "Fahrenheit 9/11" die Goldene Palme bei den Filmfestspielen in Cannes gewonnen. Und dass die Sache im Irak sich schwieriger gestaltet, als von vielen angenommen, ist mehr und mehr Konsens geworden. Schon die ersten Kritiken bezeichnen seinen Film als abendfüllenden Wahlwerbespot gegen Bush, was Moore auch nicht bestreitet.

Moore ist ein "linker Patriot"

Doch der Wahlkampfkontext reicht nicht aus, um die spezifische Funktion und Wirkung der Moore'schen Produkte bei den politischen Auseinandersetzungen in den USA zu erfassen – und für eben diese sind sie vor allem gedacht. Moore reagierte bei der Lesereise sichtlich genervt auf die vielen Wortmeldungen, die auf stumpfem Anti-Amerikanismus beruhten; mit ihnen stimmte er nicht überein, denn er ist ein linker Patriot.

Buchcover: Moore - Stupid White Men

Moores Bestseller: Populäre US-Kritik

Er kritisiert nicht die USA und die Bush-Regierung, weil er Amerika oder die Amerikaner hasst, ganz im Gegenteil. Sein linker Patriotismus ist geprägt von katholischer Soziallehre, Gewerkschaftshintergrund und den sozial- und wirtschaftspolitischen Traditionen des "New Deal", also jener Hegemonieperiode der Demokratischen Partei, von der sich diese auf der Suche nach neuer Dominanz in einer diffus definierten politischen Mitte heute inhaltlich weitgehend distanziert.

Sozialdemokrat, aber kein Antikapitalist

Zwar ist ein gerüttelt Maß an ökonomischem Nationalismus in dieser Position enthalten, aber im Zuge der Globalisierungsdiskussion sind durchaus auch die Elemente gestärkt worden, die man früher "internationalistisch" genannt hätte. Die Vereinten Nationen werden nicht etwa abgelehnt, wie von der Mehrheit der zurzeit Regierenden, sondern sie sollen gestärkt werden. Die begründete Sorge um heimische Arbeitsplätze führt nicht länger allein zu protektionistischen Reflexen zu Lasten der Beschäftigten in Entwicklungsländern.

Vielmehr sollen Regeln geschaffen und eingehalten werden, die alle Menschen vor der Übermacht der Konzerne und der mit ihnen mauschelnden Politiker schützen. Auch deshalb zieht sich das Thema konsequenter, aber keineswegs antikapitalistischer, Unternehmenskritik durch alle Moore’schen Werke. Auch deshalb das zum Teil naive Bewundern europäischer Errungenschaften in sozialen und ökologischen Fragen. Moore ist ein Sozialdemokrat, nur dass es in den USA keine Partei für ihn gibt. In Deutschland ginge es ihm mittlerweile ebenso; vielleicht deswegen die heftige Kritik - in den USA wird Moore für seinen Sozialdemokratismus übrigens heftigst von links angefeindet.

Polemik und Populismus

Die Kritik entzündete sich aber auch an Moores populistischem und polemischem Stil, seiner Egomanie und dem geringen künstlerischen Wert seiner Werke. In der Tat: Nur sein erster großer Dokumentarfilm, "Roger and me", war filmisch innovativ. Seitdem variiert Moore sein Erfolgsrezept, mit den Waffen Mikrofon und Kamera den Mächtigen und Verlogenen auf den Pelz zu rücken und sie sich im Regelfall selbst entlarven zu lassen, an verschiedenen Objekten. Und seine Bücher sind Streitschriften für den Tagesgebrauch, zuletzt bedauerlicherweise vor allem auf der Humorebene schwächelnd.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie die US-Medien die politischen Lager polarisieren, und wie sie den Verlust von politischer Streitkultur mitverantworten.

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