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Musik

Michael Hurshell: "Ganz normale, wundervolle Musik"

Verlorene Musik - verfemte Komponisten. Auf ihrer Israel-Tour spielt die Neue Jüdische Kammerphilharmonie Dresden gegen das Vergessen. Warum das so wichtig ist, erklärt ihr Gründer und Leiter im DW-Gespräch.

Unter der Nazi-Herrschaft wurden jüdische Musiker und Komponisten mit Berufsverbot belegt, vertrieben oder in Konzentrationslagern ermordet. Danach gerieten viele dieser Tonschöpfer und ihre Werke in Vergessenheit. Das will die Neue Jüdische Kammerphilharmonie in Dresden ändern: Werke von über zwei Dutzend vergessener und einst verfemter Komponisten haben die Musiker im Repertoire.

DW: Herr Hurshell, wie erleben Sie die Konzertreise in Israel?

Michael Hurshell: Es ist ein ganz wundervolles Gefühl, hier zu sein. Wegen der Politik der Nazis ist

diese Musik auf der ganzen Welt vergessen

worden, auch hier in Israel. Es ist sehr wichtig, dass das Publikum sie wieder hört und erlebt, wie wundervoll und wichtig sie ist.

Was ist das besondere an diesem Repertoire?

Es gab die Komponisten, deren Werke von den Nazis verboten wurden. Einerseits wollten sie die Komponisten umbringen, andererseits sollte niemand mehr daran erinnern können, dass es diese Musik einmal gab. Einige der Komponisten wurden tatsächlich ermordet. Andere wurden vertrieben, ihre Leben und Karrieren zerstört. In der Folge ist viel wunderbare Musik einfach vergessen worden, auch Werke in unserem Repertoire.

Heute wird aber auf verschiedenen Bühnen dieser Welt einst verfemte Musik wieder aufgeführt: Werke, die seit 30, 40 oder 50 Jahren nicht mehr erklungen sind. Ein Stück auf unserem Programm - das Andante von Miklos Rozsa - haben wir sogar 2008 in Dresden uraufgeführt.

Neue Jüdische Kammerphilharmonie Michael Hurshell. Foto: Tania Kraemer/DW

Beim Konzert im Jerusalem Music Centre

Wo finden Sie verlorene oder vergessene Musikstücke?

Manche Sachen - wie einige Kompositionen von Erich Wolfgang Korngold - liegen verstaubt in Verlagsarchiven herum. Vieles habe ich durch Netzwerke entdeckt. In meiner Heimat, den USA, haben mich Freunde mit Familien der Komponisten bekannt gemacht. Teilweise besitzen sie noch Notenmaterial, das sonst nirgendwo zu finden ist.

Das ist eine Quelle. Eine weitere sind Dirigenten in Amerika, die das Repertoire irgendwann dort aufgeführt haben. Und natürlich suche ich auch Archive der Verlage auf. Oft wissen sie nicht, dass diese Komponisten einen jüdischen Hintergrund haben. Manchmal bin ich fassungslos, wenn ich entdecke, wie berühmt sie zum Beispiel in den 20er Jahren waren. Es gibt viele gerissene Fäden in ihren Lebensgeschichten. Man muss suchen und sehr viel Geduld haben.

Wie ist die Idee entstanden, die Neue Jüdische Kammerphilharmonie zu gründen?

Ich bin reisender Dirigent und hatte 2004 ein Konzert in Sachsen mit der Staatsphilharmonie Bratislava. Der Auftrag war, etwas “Leichtes" zu spielen, das das Publikum anzieht. Es sollte aber gleichzeitig musikalisch anspruchsvoll sein. So habe ich mich für Konzertsuiten von Filmmusik aus den 30er und 40er Jahren entschieden, die von europäischen Flüchtlingen geschrieben wurde. Diese Komponisten stehen auch jetzt auf unserem Programm.

In den USA laufen alte Filme ständig im Fernsehen, und jeder kennt den Namen Erich Wolfgang Korngold weil er durch seinen besonderen Status den vorletzten Film-Credit groß auf der Leinwand bekam. Das ist mit keinem der anderen Komponisten geschehen. In Deutschland kennt man Korngold nicht besonders gut, vor allem in den neuen Bundesländern nicht. Ich habe mir gedacht: Diese Komponisten haben in Leipzig, Berlin und Wien studiert - aber wie kann es sein, dass niemand hier weiß, wer sie sind?

Ich empfand eine Notwendigkeit, etwas dagegen zu tun, habe drei Jahre nachgedacht und mich dann entschlossen, die Kammerphilharmonie in Zusammenarbeit mit der Neuen Synagoge in Dresden als Hauptspielort zu gründen, damit das Publikum auch direkt weiß, dass es hier um einen etwas anderen Konzertinhalt geht.

Neue Jüdische Kammerphilharmonie Dresden. Foto: R.U. Heinrich

Die Neue Jüdische Kammerphilharmonie Dresden tritt oft in Synagogen auf

Was erhoffen Sie sich von Ihrer Arbeit?

Vor ein paar Jahren habe ich gemerkt, dass ein anderes Kammerorchester in Dresden eines "unserer" Stücke gespielt hat. Das hat mich sehr gefreut, weil ich genau das erreichen will.

Alle Orchester in Deutschland sollen diese Musik als ganz normal empfinden und sie nicht nur zu einem Jahrestag spielen, weil irgend jemand aus Schuldgefühlen meint, das sieht politisch gut aus. Man soll die Musik spielen, weil man davon überzeugt ist.

Das wird sicherlich noch ein paar Jahre dauern, und ob ich es noch erlebe, ist fraglich. Aber die Musiker, die jetzt bei uns sind, tragen es weiter. Wenn sie bei anderen Dirigenten und Konzertveranstaltern musizieren, sagen sie dann vielleicht: "Passt auf, man könnte auch so ein Werk spielen!"

Das Interview führte Tania Krämer.

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