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Nahost

Meyer: "Es geht um die Vorherrschaft der ISIS"

In Syrien und dem Irak ist die Terrorgruppe ISIS weiter auf dem Vormarsch. Immer wieder bekämpfen sich die Islamisten gegenseitig. Doch das schwächt die ISIS nicht, sagt Nahost-Experte Günter Meyer im DW-Interview.

DW: Herr Meyer, wie glaubwürdig sind Meldungen der Taten, die von den Terrorgruppen selbst kommen?

Günter Meyer: Das ist im Falle von ISIS durchaus glaubwürdig. Die Organisation verfolgt das Ziel, gerade durch ihre mediale Präsentation von außerordentlich brutalen Aktionen gegen ihre Feinde Angst und Schrecken zu verbreiten. Massenerschießungen, Enthauptungen oder Kreuzigungen ihrer Feinde sind an der Tagesordnung. Wir haben Beispiele, etwa in Mossul, wo ihren Gegnern die Köpfe abgeschlagen und öffentlich ausgestellt wurden. Die Furcht vor solchen Gewaltexzessen hat maßgeblich zu den großen militärischen Erfolgen der ISIS im Irak beigetragen.

Die Islamisten bekämpfen sich inzwischen gegenseitig. Wer kämpft gegen wen?

ISIS verfolgt die Strategie - zunächst in Syrien - alle, die gegen ihre extremistische Richtung sind, zu vernichten. Das betrifft durchaus auch andere Muslime, selbst Sunniten, die ihre extreme Interpretation des Islam nicht teilen. Im besonderen Maße geht es aber gegen Schiiten. In Syrien vor allem gegen das alawitische Regime von Baschar al-Assad. Die Schiiten werden zu Ungläubigen erklärt, verfolgt und getötet.

Der Kampf zwischen den Terrorgruppen tobt aber hauptsächlich zwischen ISIS und Al Kaida?

Die ISIS ist ursprünglich ein Ableger der Al Kaida und hat dann versucht, sich mit der Nusra-Front zu vereinigen, dem offiziellen Ableger von Al Kaida in Syrien. Das hat der Führer der Al Kaida nicht akzeptiert und seither bekämpft ISIS die Nusra-Front.

Nur weil sie sich nicht vereinigen wollten?

Es geht hier um die Vorherrschaft der ISIS, die die Kontrolle über den ausgerufenen Kalifatsstaat übernehmen will. Ein Kalifatsstaat, der die gesamte Levante, einschließlich Libanon und Israel umfasst, plus die ehemaligen osmanischen Gebiete im Irak.

Wird die Ausrufung des Kalifats die Situation verschärfen?

Es gab bereits einzelne Emirate, die ISIS in Syrien ausgerufen hatte. Durch die jetzige Deklaration des Kalifatsstaats wird der territoriale Anspruch der ISIS gefestigt und alle eroberten Gebiete werden unter einem Namen zusammengefasst. Aber eine weitere strategische Bedeutung ist dem nicht beizumessen. Abgesehen davon, dass dies ein weiterer propagandistischer Erfolg für ISIS ist.

Ist ISIS mächtiger als die Al Kaida?

ISIS ist inzwischen die wichtigste, mächtigste, am besten ausgerüstete und am besten finanzierte extremistische Organisation. Zugleich verliert Al Kaida immer mehr an Einfluss, deren Führer sich in Pakistan versteckt, weit weg von den eigentlichen Frontaktivitäten. Gerade durch die jüngsten militärischen Erfolge und dadurch, dass ISIS sehr geschickt die Medien einsetzt über Internet und die sozialen Netze, ist die Gruppe so attraktiv für Dschihadisten in der mehrheitlich islamischen Welt. Sie bekommt deshalb den größten Zulauf, auch von Muslimen in Westen.

Verfolgen die beiden Gruppen nicht die gleichen Ziele?

Al Kaida ist wesentlich moderater. ISIS hat die grundlegenden Prinzipien, die Bin Laden einmal aufgestellt hat, genau auf den Kopf gestellt. Bin Laden hatte gefordert, dass keine Gewalt gegen die Bevölkerung in den eroberten Gebieten ausgeübt werden soll. Dass man auf die Bedürfnisse der Bevölkerung Rücksicht nehmen soll, um deren Unterstützung zu gewinnen. Genau das macht ISIS nicht. ISIS ist ungleich radikaler, gewalttätiger und kompromissloser als Al Kaida. Ein weiterer Unterschied betriff die räumliche Ausdehnung des angestrebten Herrschaftsgebietes: Die Nusra-Front beschränkt ihren Anspruch auf Syrien, während die Vorstellungen von ISIS wesentlich weiter gehen. Deren Ziel ist ein Kalifatsstaat als Fernziel in der Ausdehnung wie er in den ersten Jahrhunderten nach der Gründung des Islams existierte.

Wie finanziert ISIS das?

Es gibt unterschiedliche Quellen. Seit ihr Hauptoperationsgebiet in Syrien lag, waren es vor allem die Ölquellen im unteren Euphrat-Gebiet. Das Erdöl haben sie teilweise an die Türkei und sogar an die syrische Regierung verkauft. Außerdem werden an den jeweiligen Kontrollstellen Passiergebühren erhoben. Ebenso Zölle bei der Einfuhr von Waren aus der Türkei, über die Grenzstationen, die von ISIS kontrolliert werden. Jetzt kommt hinzu, dass nach der Eroberung von Mossul in der dortigen Zentralbank und anderen Finanzinstituten mehr als eine halbe Milliarde Dollar in die Hände der ISIS gefallen sind. Darüber hinaus ist von einer privaten Unterstützung aus Saudi-Arabien und anderen Staaten auf der Arabischen Halbinsel auszugehen. Und ein letzter Punkt ist der Verkauf von antiken Kunstschätzen, die ISIS-Leute aus Museen geplündert haben.

Löst sich das Problem mit den radikalen Islamisten auf lange Sicht von selbst, wenn sie sich gegenseitig bekämpfen?

In der konkreten Situation ist das nicht zu erwarten. Dazu ist die ISIS viel zu stark. In Syrien sind die rivalisierenden islamistischen Milizen wesentlich schwächer und der ISIS unterlegen. Im Irak hat sie den Rückhalt großer Teile der sunnitischen Bevölkerung, darunter zahlreiche Angehörige der aufgelösten Streitkräfte Saddam Husseins und der in den Untergrund gegangenen Baath-Partei. Diese verfolgen das gleiche Ziel wie ISIS, nämlich das schiitische Regime in Bagdad zu stürzen, durch das die Sunniten systematisch diskriminiert und von der Macht ausgeschlossen worden sind. Durch diese Verbindung mit dem sunnitischen Widerstand vor Ort hat ISIS eine enorme militärische Stärke und Unterstützung gewonnen. Deshalb wird der Kampf gegen ISIS größte Anstrengungen erfordern.

Prof. Dr. Günter Meyer ist Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt (ZEFAW) an der Universität Mainz.

Die Fragen stellte Christian Ignatzi