1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Amerika

Mexikos Drogenkrieg fordert immer jüngere Opfer

In Mexikos brutalem Drogenkrieg geht es längst nicht mehr nur um Transitrouten für Kokain aus Südamerika in die USA. Die mächtigen Drogenkartelle kämpfen auch um mexikanische Konsumenten, speziell Kinder und Jugendliche.

default

Wenn der 18-jährige Ulises über die Drogen spricht, die er genommen hat, klingt er wie ein Chemie-Laborant: PVC – ein Lösungsmittel, hat er inhaliert, Kokain geschnupft, Ecstasy-Pillen geschluckt, Crack und Marihuana geraucht. In seiner Schule in Mexiko-Stadt hätten fast alle Drogen genommen oder probiert, erzählt Ulises und knipst dabei ununterbrochen mit seinen Fingernägeln. Er wurde in der Pause beim Crack-Rauchen erwischt und ist deshalb von der Schule geflogen. Das Einstiegsalter liegt bei etwa elf Jahren. Ulises war 15, als ihm Freunde zum ersten Mal Drogen schenkten. An das Zeug ranzukommen, sei kein Problem, sagt er, denn es werde überall verkauft. Nachdem er auf den Geschmack gekommen war, beschaffte sich Ulises seinen Stoff gleich hinter dem Elternhaus in einem der Randbezirke von Mexiko-Stadt. Manchmal, wenn er schon zu vollgedröhnt war, um noch vor die Tür zu gehen, rief er einfach den Lieferservice an. Drei Minuten später bekam er seinen Nachschub.

Konsumenten kommen aus allen sozialen Schichten

Mexikos Jugend im Drogenrausch

Marisa vor der Therapie-Einrichtung "Ama la vida"

Die Studentin Marisa, 23 Jahre alt, hat sich ihre Drogen manchmal in der Apotheke gekauft. Unter dem Ladentisch gab es alles. Marisa hat mit Alkohol und Drogen angefangen, als sie 13 war. Damit liegt sie im mexikanischen Durchschnitt. Sechs von zehn Jugendlichen im Ballungsraum Mexiko-Stadt haben Drogenerfahrung. Der familiäre Hintergrund spiele keine Rolle, meint Marisa: "Früher haben eher die Älteren konsumiert, so ungefähr ab 18 Jahren. Heute sehe ich Zwölfjährige Drogen kaufen". Die Konsumenten kämen aus allen sozialen Schichten, sagt Marisa. Sie kennt Leute, die an den Straßenkreuzungen Scheiben putzen und Crack rauchen und Angestellte in gut bezahlten Jobs. Crack sei überall verbreitet, genau so wie Kokain und Marihuana. Unterschiede gibt es nur in der Qualität, und nach der richtet sich der Preis .

Kaum medinische Hilfe für die Süchtigen

Marisa und Ulises haben sich für den Ausstieg aus der Sucht entschieden. Beide waren abhängig von Crack, einer starken Droge, die in den vergangenen Jahren in Mexiko in Mode gekommen ist. Crack wird aus Kokain hergestellt, hat ein extrem hohes Suchtpotential und ist billig. Etwa sechs Euro kostet eine Dosis. Marisa und Ulises hatten Glück: Seit mehreren Monaten erhalten sie eine kostenlose Therapie in einer unabhängigen, offenen Einrichtung. Leiterin Lorena Lopez erhält im Jahr etwa 500 Anrufe von Jugendlichen, die Hilfe suchen. Doch es gibt nur für wenige einen Platz. Noch vor zehn Jahren war das Haus voll mit Jugendlichen, die abhängig von Marihuana waren. Inzwischen sind fast nur Crack-Süchtige in Behandlung. "Das Thema ist für uns noch sehr neu", gesteht Lorena Lopez ein. Da sich das Land bisher nur um Prävention und um den Krieg gegen die Drogenkartelle gekümmert habe, seien die vielen Jugendlichen, die eine Therapie brauchen, nicht beachtet worden. Die Süchtigen können kaum medizinische Dienste in Anspruch nehmen, dafür zahlt die mexikanische Sozialversicherung noch nicht.

Milliarden für den Krieg gegen die Drogenkartelle

Mexikos Jugend im Drogenrausch

Mehr als 10.000 Soldaten und Bundespolizisten versuchen allein in Ciudad Juárez, den Drogenkrieg zu gewinnen

Der Staat ist überfordert. Früher war Mexiko vor allem ein Transitland für Kokain aus Südamerika, das in die USA geschmuggelt wurde. Heute blüht das schmutzige Geschäft auch im Land. Die perfide Strategie der Kartelle geht auf: Sie verkaufen harte Drogen schon an Kinder und Jugendliche. Viele Einsteiger bekommen den Stoff zunächst geschenkt. Zwischen 2002 und 2008 hat sich die Zahl der Mexikaner, die schon einmal Drogen genommen haben, um fast 30 Prozent erhöht. Die Regierung investiert Milliarden in den Krieg gegen die Drogenkartelle, doch Prävention und Therapie stecken in den Kinderschuhen. Die wenigsten jugendlichen Drogenabhängigen machen eine Therapie, weil es kaum Angebote gibt, oder weil sie zu teuer sind. Die staatlichen, kostenlosen Rehabilitationszentren haben einen schlechten Ruf, weil sie Gefängnissen ähneln und die Mittel für Therapien oft nicht ausreichen. Nur etwa ein Drittel dieser 500 Zentren im Land entspricht den Mindestanforderungen.

Verändertes Denken durch Crack

Nicht im Traum hätte sich Marisa in einer dieser Einrichtungen Hilfe gesucht. Für eine Therapie hat sie sich wegen ihres dreijährigen Sohnes entschieden. "Nie in meinem Leben hätte ich wegen irgendetwas aufgehört, Crack zu rauchen. Aber seit mein Sohn auf der Welt ist, fühlt es sich an, als würde ich ihm Schaden zufügen". Der eigene Schaden sei ihr immer egal gewesen. Dabei habe Crack sogar ihr Denken verändert: "Manchmal kommt es mir vor, als könnte ich nicht mehr erkennen, was die ganze Welt sieht. Mein Gehirn hat aufgehört, bestimmte Stoffe zu produzieren". Wegen der langen Alkoholabhängigkeit ist Marisas Leber kaputt. Meistens gehen mehrere Süchte Hand in Hand. Wenn Marisa Crack rauchte, trank sie dazu Bier. Zu viel Bier. Das Essen vergaß sie im Rausch manchmal vier bis fünf Tage lang.

Weg von der Droge und zurück in ein neues Leben

Crack verändert die Persönlichkeit, macht aggressiv. Das hat auch Ulises erfahren. Im Rausch, wenn er mehr wollte, aber kein Geld hatte, überfiel er Leute. Einige schlug er krankenhausreif. Wenn ihn die Polizei erwischte, bestach er sie. Sonst säße der 18-jährige längst im Gefängnis. Er schämt sich, darüber zu sprechen. Die Schmerzen, die er anderen zugefügt hat, scheinen heute seine eigenen zu sein. Das bei harter Arbeit auf dem Bau verdiente Gehalt gab Ulises nur für Drogen aus. Auch wenn er die Taschen voller Geld hatte, gab er seiner Familie keine Unterstützung. In den Phasen des Crack-Rauchens habe er sich gehen lassen, wusch sich nicht mehr. Viele Freunde und Jobs habe er verloren: "Das schlimmste ist, dass meine Eltern mir nicht mehr vertrauen. Dabei haben sie mich immer unterstützt" .

Etwas Vertrauen hat Ulises zurückgewonnen, seit er in Therapie ist: Seine Mutter besucht ihn fast täglich, nimmt teil an den Gesprächsgruppen. Das sei eine Bedingung der Einrichtung, erklärt Leiterin Lorena Lopez, denn es helfe bei der Rückkehr in einen Alltag ohne Drogen. Außerdem halte man sich auf diese Weise die schwer Kriminellen fern. Sie versuchen oft, sich in Therapiezentren zu verstecken, wenn Polizei oder Drogenkartelle sie suchen. Spätestens jedoch, wenn um die Teilnahme ihrer Eltern gebeten wird, zögen sie sich zurück, so Lopez. Hier will man ausschließlich Jugendlichen beim Drogenentzug helfen. Weg von der Droge und zurück in ein normales Leben - um nicht mehr und nicht weniger geht es. Was so einfach klingt, kann bis zu einem Jahr dauern.

Hilfe statt Gerichtsverfahren

Felipe Calderon

Neue Ansätze in der Drogenpolitik: Mexikos Präsident Felipe Calderón

In Mexiko wurden Drogenabhängige bislang wie Kriminelle behandelt. Die Gefängnisse und Jugendstrafanstalten sind überfüllt mit Süchtigen. In ihrer Not hat die konservative Regierung von Felipe Calderon inzwischen ein Gesetz verabschiedet, das den Besitz von kleinen Drogenmengen erlaubt. Vielleicht setzt sich dadurch die Erkenntnis durch, dass Süchtige keine Gerichtsverfahren brauchen, sondern Hilfe.

Autorin: Anne-Katrin Mellmann

Redaktion: Oliver Pieper

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema