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Politik & Gesellschaft

Messen für Christen und Muslime im Knast

Jeder Mensch hat das Recht auf die freie Ausübung seiner Religion. Daher werden auch in der Haftanstalt in Köln Gottesdienste gefeiert. Zu den Besuchern zählen nicht nur Christen, sondern auch Muslime.

Ein Häftling blickt durch die Gitterstäbe nach draußen (Foto: dpa)

Das Leben draußen ist für viele weit weg


Das deutsche Grundgesetz sichert jedem eine freie Ausübung seiner Religion. Das gilt auch im Gefängnis. Deshlab werden dort regelmäßig Gottesdienste gefeiert. In der Justizvollzugsanstalt (JVA)Köln Ossendorf hat der Evangelische Kirchenverband der Region zwei Pfarrstellen geschaffen. Im Wechsel mit den katholischen Seelsorgern werden in der Kirche der JVA Gottesdienste gefeiert. Und die sind im Gegensatz zu den meisten Kirchen in Deutschland sehr gut besucht.

Gefangene gestalten Gottesdienste

"Hier in der JVA gibt es viele verschiedene Probleme. Die einen bestehlen ihre Mitgefangenen, die anderen nehmen Drogen. Und wieder andere spielen mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen. All dies könnten wir zugeben. Aber was hätten wir davon?" sagt die inhaftierte Saskia.

Die Frau mit langen roten Haaren und in einer Jogginghose probt ihren Text. Was sie selbst geschrieben hat, wird sie am Wochenende im Gottesdienst vorlesen. Saskia, die eigentlich anders heißt, gehört zur evangelischen Gottesdienstgruppe der Kölner Justizvollzugsanstalt. Seit sie elf Jahre alt ist, hat sie auf der Straße gelebt und Drogen genommen. Nun hilft die 21-Jährige jede Woche, den Gottesdienst mit vorzubereiten. Ihrer Mitgefangenen Michelle geht es ähnlich.

Kirche ist nicht immer langweilig

"Ich hatte sonst nichts mit Kirche zu tun und ich hab immer gedacht: Kirche ist langweilig. Hier habe ich dann aber gemerkt, dass die Gottesdienste was ganz anders waren als draußen. Daher kam der Gedanke, das wäre etwas für mich." Man könne die Gottesdienste mit gestalten, den Leuten auch etwas mitgeben und das mache Spaß. Auch die Gruppe an sich sei Ablenkung. "Es ist wie so eine kleine Familie. Man kann über alles reden, anders als in den Häusern."

Schlüssel in vergitterter Tür (Foto:dpa)

Das Geräusch des abschließenden Schlüssels ist allgegenwärtig

Mit Häusern meint Michelle die Hafthäuser. Das sind die einzelnen Abteilungen des Gefängnisses, in denen die Gefangenen ihre Zellen haben. Auf acht Quadratmetern verbringen sie dort den Großteil ihres Tages alleine. Da ist der Gottesdienst eine willkommene Abwechslung. Vielleicht zieht es auch deshalb so viele Gefangene jeden Sonntag in die geräumige Gefängniskirche. 60 bis 70 Prozent der über 1000 Gefangenen kommen zum Gottesdienst, so Pfarrerin Eva Schaaf.

Das Tor zur Versöhnung

Das etwas düstere, aber hohe Gotteshaus steht in starkem Kontrast zu den langen fensterlosen Fluren und den engen Zellen des größten Gefängnisses im Bundesland Nordrhein Westfalen. Pfarrerin Eva Schaaf ist hier seit über 17 Jahren Gefängnisseelsorgerin. Eine Denkschrift ihrer Kirche gibt die Leitlinie ihrer Arbeit vor: "Strafe als Tor zur Versöhnung. Das heißt, der Vollzug soll dazu dienen, dass sich sozusagen Opfer und Täter wieder versöhnen können." Doch genau das ist gar nicht so einfach. Die Gefangenen, die bei der Pfarrerin um ein Einzelgespräch bitten, haben oft große Probleme und erleben den Knast als ausweglose Sackgasse.

Die Pfarrerin als Sozialarbeiterin

Hilfsangebote gibt es im Gefängnis nur sehr wenige. Die Rückfallquote ist hoch. Jeder zweite Gefangene in Deutschland wird wieder straffällig. Seelsorgerin Schaaf versucht mit Angeboten wie der Gottesdienstgruppe, den Gefangenen die Möglichkeit zu geben, sich mit sich und dem Glauben auseinander zu setzen. Dafür müssen längst nicht alle die gleiche Konfession haben. Wolkan zum Beispiel ist eigentlich Moslem.

"Für mich ist das kein Problem, ob ich in der Moschee bin oder in der Kirche. Es kommt nur auf die Präsentation an." Und Präsentation ist Wolkans Stärke. Mit seinen selbst geschriebenen Liedern begleitet er regelmäßig die Gottesdienste – auf Türkisch.

Einsatz für menschenwürdigen Strafvollzug

Eva Schaaf

Seit mehr als 17 Jahren als Seelsorgerin im Knast

"Ich bin gefangen gewesen und ihr habt mich besucht." Dieser Satz aus dem Neuen Testament liegt der Gefängnisseelsorge zugrunde. Aktiv praktiziert wird diese Seelsorge seit dem 17. Jahrhundert, als die moderne Freiheitsstrafe aufkam. Eva Schaaf ist heute eine von 300 evangelischen Gefängnisseelsorgern deutschlandweit. Ihr Büro ist gefüllt mit Bibeln in den unterschiedlichsten Sprachen. Zusammen mit ihrem katholischen Kollegen setzt sich die Pfarrerin auch für einen menschenwürdigen Strafvollzug ein.

Das ist keine leichte Aufgabe. Gerade wenn Gefangene psychische Probleme haben, können sie im Knast oft nicht die Hilfe bekommen, die sie brauchen. Im Gegensatz zu den Beamten hat Pfarrerin Schaaf keine Möglichkeit, über die Gefangenen zu entscheiden. Dafür kann sie ihnen einen Rückzugsraum bieten und den Inhaftierten unter Wahrung der Schweigepflicht eine Gelegenheit zum Gespräch bieten.

Autorin: Ana Radić
Redaktion: Christina Beyert