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Bildung

Merseburg - Der Provinz-Campus

Quadratisch, praktisch – gut? Merseburgs Campus überzeugt erst auf den zweiten Blick mit einigen Feinheiten und mit Raffinesse. In den Häuserblocks an der Geusaer Straße steckt mehr, als man von außen erkennen kann.

Familienfreundliche Fachhochschule Merseburg (Foto: dpa)

Familienfreundliche FH: Kinder auf dem Campus

In Merseburg geht das Gerücht, dass noch nicht einmal alle Einwohner wüssten, dass es hier eine Hochschule gibt. Der Campus liegt tatsächlich wie eine kleine Raumkapsel am großen Mutterschiff. Nahe dran, aber nicht mittendrin. Ein Vorort mit Hochschule, eine Stadt in der Stadt.

Der Campus fällt auch deswegen nicht auf, weil er optisch den Eindruck einer normalen Stadtsiedlung vermittelt - architektonisch ganz im Stil der früheren DDR-Neubauplanung. Kleinfamilien, Singlehaushalte und Rentnerresidenzen, all das vermutet man hier. Aber keine Hochschule.

Die Chemie stimmt

Hinter der Fassade steckt dann aber doch mehr, als der erste Eindruck vermuten lässt. Das Profil der Fachhochschule entspricht in etwa dem einer klassischen Technischen Universität. Vor allem für angehende Ingenieure ist der Campus ein gutes Pflaster, insbesondere in den Fachrichtungen Chemie- und Umwelttechnik. Das hat Tradition: Ab 1954 wurden, an der damaligen "Technischen Hochschule für Chemie", Ingenieure und wissenschaftlich-technisches Personal für die gesamte DDR ausgebildet. Noch heute zieht es viele Absolventen in die nahen Chemiewerke Buna und Leuna.

Auch wenn die Hochschule 1992 offiziell als FH Merseburg neu gegründet wurde, das chemische Profil ist noch immer erkennbar. Daneben aber haben sich auch neue Fachbereiche wie Informatik- und Kommunikationssysteme, Wirtschaftswissenschaften und auch Soziale Arbeit, Medien und Kultur etablieren können. Letzterer Fachbereich hat sich in den vergangenen Jahren in den Bereichen Medien- und Kulturpädagogik, Kulturmanagementkompetenz und der Interkulturellen Kommunikation einen Namen gemacht.

Effizienz & Nische

Gebrauchsanweisung mit Garantiebedingungen (Foto: dpa)

Mit der Ausbildung technischer Redakteure erfüllt die FH Merseburg einen dringenden Bedarf der Wirtschaft.

Alles in allem bleibt der Campus in der Kleinstadt aber überschaubar, mit allen Vor- und Nachteilen, die solch eine Beschränkung mit sich bringt. Die Fächerauswahl ist begrenzt – klassische Philologie und Orientwissenschaften muss man woanders studieren. Andererseits richtet sich die FH gut in den von der Konkurrenz häufig vernachlässigten Nischen ein. Zum Beispiel im Masterstudiengang "Technische Redaktion und Wissenskommunikation": Seit Jahren werden von der Wirtschaft händeringend technische Redakteure gesucht. In Merseburg werden sie praxisnah und zügig ausgebildet. Wer je eine Handkamera mit einer nur bruchstückhaft vom Chinesischen ins Deutsche übertragenen Bedienungsanleitung erworben hat, weiß um den Wert einer solchen Fachrichtung.

Merseburg ist generell immer dann eine Alternative, wenn man weiß, wo man mit seiner Studienrichtung hin will. Wer den Campus nicht als Spielwiese versteht, kann hier effizient durchstarten. Die Fokussierung ist wichtig bei dem schmalen Fächerangebot, aber sie zahlt sich aus.

Belohnt wird man zudem mit der fast familiären Atmosphäre des Campus, auf dem man nicht nur lernt, sondern oftmals auch gleich wohnt. Die Wohnheime sind in Ermangelung ausreichender Altbausubstanz zugleich auch die Wohngemeinschaften von Merseburg. In denen lässt sich aber gut feiern, etwa an den Länderabenden, wenn ausländische Studierende einen ganzen Tag den Campus in die Farben und Traditionen ihres Heimatlandes tauchen. Davon bekommt dann auch jeder etwas mit, denn die FH ist von einer Massen-Uni soweit entfernt wie Merseburg von einer Weltstadt. Und bei gerade einmal 3000 Studierenden wird auch das Betreuungsverhältnis zum Professor schnell ein freundschaftliches – was ja ebenfalls nicht das Schlechteste ist.


Autor: Sven Näbrich
Redaktion: Stephanie A. Hiller