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Asien

MERS: "Keine unmittelbare Gefahr für Europa"

In Südkorea wurde der 16. Todesfall der Infektionskrankheit MERS gemeldet. Der Virologe Christian Drosten erklärt, dass es keine Massenverbreitung in der Bevölkerung gibt und eine Mutation nie ausgeschlossen werden kann.

Deutsche Welle: In Südkorea wurde am Montag (15.06.2015) der 16. Todesfall gemeldet. 150 Menschen sind nach Medienberichten infiziert. Sehen Sie damit eine neue Gefahrenlage?

Christian Drosten: Ich glaube nicht, dass sich etwas grundlegend verändert hat. Bei 16 Todesfällen zu 150 Infizierten liegt die Sterblichkeit bei etwas mehr als zehn Prozent. Das haben wir auch in anderen Ausbrüchen gehabt, wir hatten sogar viel höhere Sterblichkeiten bei kleineren Ausbrüchen. Derzeit gibt es keinen Hinweis darauf, dass sich das Virus verändert hat.

Sehen Sie die Gefahr einer Ansteckung mit dem Virus in der Öffentlichkeit?

Nein. Es ist natürlich so, dass in diesen Krankenhausausbrüchen das Virus von Mensch zu Mensch übertragen wird. Aber was befürchtet wird, ist eine Übertragung in der Gemeinschaft, in der Stadt, im Dorf, in der Comunity. Das sehen wir momentan noch nicht. Und daran ändert auch nichts, dass beispielsweise berichtet wird, dass ein Krankenwagenfahrer sich infiziert hat, dass ist alles normal und im medizinischen Kontext zu sehen Wir haben keine Situation, in der das Virus in der normalen Bevölkerung übertragen wird.

Prof. Dr. Christian Drosten leitet das Institut für Virologie am Universitätsklinikum Bonn. (Wolf C. Gatow, Troisdorf)

Prof. Dr. Christian Drosten leitet das Institut für Virologie am Universitätsklinikum Bonn

In der Slowakei hat sich ein Verdachtsfall nicht bestätigt. Wie weit ist MERS von Deutschland und von Europa entfernt?

Es ist ganz normal, dass bei solchen Infektionsepidemien auch in anderen Ländern Verdachtsfälle aufkommen, denn die Menschen reisen nun mal. Aber dass heißt nicht, dass deswegen eine unmittelbare Gefahr für Europa bestünde. Ein normaler Reisender, der nicht in einem südkoreanischen Krankenhaus im Kontakt mit einem infizierten Patienten war, kann dieses Virus gar nicht tragen. Wir haben in Europa eine viel höhere Wahrscheinlichkeit, dass jemand das Virus aus dem arabischen Raum einschleppt, was in der Vergangenheit auch schon mehrfach passiert ist. Und in keinem dieser Fälle ist es er zu ein em Ausbruch gekommen.

Wie weit ist die Wissenschaft mit der Entwicklung von Impfstoffen?

Es ist bei einem neuen Virus wie MERS, das erst seit drei Jahren bekannt ist, natürlich immer so, dass man versucht, Impfstoffe zu entwickeln, aber noch längst keinen Impfstoff hat. Im Rahmen des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung arbeiten mehre Arbeitsgruppen an einem Impfstoff. Da gibt es natürlich die ersten Erfolgsmeldungen, bei einem Tiermodell mit Mausversuchen sieht es zum Beispiel mit dem Impfstoff sehr erfolgsversprechend aus. Aber bis zu einer klinischen Verwendung braucht es immer eine lange Zeit und viel Arbeit.

Die deutsche Bundesregierung hat Reisenden nach Südkorea bis jetzt nur medizinische Hinweise gegeben. Viele asiatische Länder dagegen haben Flüge nach Südkorea gestrichen und zum Teil Reisewarnung ausgesprochen. Ist das aus medizinischer Sicht angemessen?

Es gibt derzeit keine Übertragung in der Bevölkerung. Insofern sind die Reisewarnungen einiger asiatischen Länder sicher als übertrieben einzustufen. Das ist eine Überreaktion. Die deutsche Reaktion ist die richtigere. Denn es gibt für Normalreisende keine Gelegenheit, sich zu infizieren. Man muss aber die asiatischen Ländern verstehen, dass man dort unter dem Eindruck anderer Ausbrüchen wie SARS vor zwölf Jahren keine Fehler machen möchten.

Soweit Sie in Deutschland beurteilen können: Hat die Regierung in Südkorea im Kampf gegen MERS alles richtig gemacht?

In Südkorea wird sehr drastisch auf diese Erkrankung reagiert. Die allgemeine Bevölkerung wird sehr stark informiert. Einige Aktionen können als übertrieben angesehen werden, wie die Schließung von Schulen und öffentlichen Räumen. Dieses ist nicht angebracht angesichts der eigentlichen epidemiologischen Situation. Man will dort nun einmal vor dem Hintergrund der SARS-Epidemie vor zwölf Jahren auf Nummer sicher gehen. Immer dann, wenn die Bevölkerung über so eine Erkrankung stark informiert ist, hat man auch die beste Voraussetzung, sie zu stoppen.

Besteht die Gefahr, dass durch eine Mutation des MERS-Virus ein neues, noch gefährlicheres Virus entsteht?

Man kann bei einem Virus nie sagen, dass es keine Mutationen gibt. Ich habe mir die Virus-Sequenzen angesehen, die schon bestimmt worden sind. Viele internationale Experten und ich sind einhellig der Meinung, dass bisher nichts Auffälliges zu sehen ist, dass man also nicht sagen kann, dass sich das Virus verändert hätte.

Dr. Christian Drosten leitet das Institut für Virologie am Universitätsklinikum Bonn. Er gehört zu den Mitentdeckern des SARS-Virus und erforscht unter anderem das MERS-Virus.