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Politik & Gesellschaft

"Merkel will mehr sein als scheinen"

Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel ist meist gelassen und hat bisher keine großen Fehler gemacht. Diese Einschätzung vertritt der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung, Hans-Gert Pöttering.

Hans-Gert Pöttering, Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, spricht am 14.11.2011 in Leipzig auf dem CDU-Parteitag. Beim 24. Bundesparteitag der CDU beschäftigen sich die rund 1000 Delegierten vor allem mit den Themen Mindestlohn, Schulpolitik, Euro-Krise und Betreuungsgeld.. Foto: Bernd von Jutrczenka dpa

Hans-Gert Pöttering Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung

DW: Herr Pöttering, wie würden Sie die wichtigsten Wesensmerkmale von Angela Merkel zusammenfassen?

Hans-Gert Pöttering: Sie strahlt eine ruhige Gelassenheit aus. Man merkt ihr an, dass sie Naturwissenschaftlerin ist: Sie ist außerordentlich präzise, sehr kontrolliert und stellt hohe Anforderungen an sich und ihre Mitarbeiter. Mein Gesamteindruck aus unseren Begegnungen ist, dass man Vertrauen zu ihr haben und sich auf ihr Wort verlassen kann.

Gab es Situationen, in denen Angela Merkel auch einmal tief verärgert oder wütend war?

Ich habe das nicht erlebt. Auch in schwierigen Situationen habe ich sie als kontrolliert empfunden. Ich glaube, das ist ein Geheimnis, wie sie die Spannung ihrer verantwortlichen Position überhaupt aushält: Sie ruht in sich.

Viele männliche Konkurrenten in der CDU hat Angela Merkel "überlebt". Wie macht sie das?

Da kommen viele Faktoren zusammen, die gar nicht alle in der Person Angela Merkel liegen. Wichtig ist natürlich, dass sie als CDU-Vorsitzende keine großen Fehler gemacht hat. Sie überzeugt durch die Art, wie sie an Probleme herangeht: Sie geht schrittweise vor, wie jetzt gerade bei der Lösung der Euro-Krise. Vor allem aber hat sie die Partei hinter sich, und das ist wohl ihr stärkstes Pfund. Es gibt ihr die Stärke, um mit konfrontativen Situationen umzugehen. Als Physikerin ist sie zudem natürlich eine Intellektuelle und beurteilt Vorgänge sehr verstandesmäßig – wahrscheinlich auch eines der Geheimnisse, warum sie so erfolgreich ist.

Was führt sonst noch dazu, dass Angela Merkel aus Krisen immer wieder als strahlende Siegerin hervorgegangen ist

Dazu gehört natürlich auch eine gewisse verborgene Emotionalität in dem Sinne, dass sie auf andere zugeht. Das zeigt sich zum Beispiel im Europäischen Rat: Wie sie kommuniziert, wie sie mit den Regierungschefs umgeht, wie sie moderiert. Niemand kann hier den Eindruck haben, dass Deutschland dominant sei – obwohl das Deutschland immer vorgeworfen wird.

Für sie gilt, dass das Sein mehr ist als der Schein, als jeder Glamour. Das ist nichts, was sie schätzt – sondern die Realität: etwas zu können, etwas zu bewirken, auch etwas voranzubringen. Das bedeutet auch, andere mit einzubinden, und das ist eine hohe Fähigkeit, die sie hat.

Inwieweit spielt auch eine Rolle, dass Angela Merkel nicht wirklich polarisiert?

Das ist ein sehr wichtiger Aspekt, eine weitere Grundlage für ihren Erfolg. Sie scheut keine Konfrontation. In der Sache ist sie schon sehr bestimmt, durchaus auch hart, aber sie ist nie verletzend in der Form, im menschlichen Miteinander. Sie geht in ganz natürlicher Weise auf die Menschen zu, und das dient dann am Ende auch der Politik. So steht auch die Opposition bei der Bewältigung der Euro-Schuldenkrise an der Seite der Bundeskanzlerin. Das hat natürlich einerseits mit der Tatsache zu tun, dass alle den Euro bewahren wollen. Andererseits hat es auch damit zu tun, dass SPD und Grüne in der Kanzlerin eine Partnerin haben, die der Opposition in der Kritik nicht zuviel zumutet und die die Konfrontation nicht zu weit treibt. Ihr menschliches Verhalten wirkt sich auf die Lösung von anstehenden Sachfragen aus.

Mit was hat Sie Angela Merkel einmal völlig überrascht?

Eine absolute Überraschung habe ich bei ihr noch nicht erlebt. Vielleicht ist das ein weiteres Kennzeichen ihrer Persönlichkeit, dass sie berechenbar ist. Natürlich kann sie trotzdem ganz schnell auch einmal anders entscheiden, wie bei der Frage zur weiteren zivilen Nutzung der Kernenergie. Da hat sie uns schon überrascht.

Hans-Gert Pöttering war von 2007 bis 2009 Präsident des Europa-Parlaments. Heute ist er Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin.

Das Interview führte Wolfgang Dick.
Redaktion: Johanna Schmeller