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Europa

Merkel wie Hitler?

Die Euro-Krise befördert alte Ressentiments. Immer öfter wird Bundeskanzlerin Angela Merkel im Ausland als Nazi und sogar als neuer Hitler dargestellt. Ist die politische Kultur in Europa gescheitert?

Zyprische Studenten mit einem Transparent, das Merkel und Hitler auf eine Stufe stellt (26.3.2013). (Foto: PATRICK BAZ/AFP/Getty Images)

Symbolbild Deutschland Buhmann in Europa

In Griechenland fing es an. Rund drei Jahre ist es her, da gingen wütende Athener erstmals mit Transparenten auf die Straße, die Bundeskanzlerin Angela Merkel in SS-Uniform zeigten. Seither reißen die Nazi-Vergleiche nicht mehr ab. Merkels strikter Sparkurs in der Euro-Krise zementiert in den Augen vieler Demonstranten Deutschlands Macht in Europa und erinnert sie an die Besatzung während des Zweiten Weltkrieges.

Damals wurden hunderttausende Griechen von Deutschen ermordet. So wie 1944 im Dorf Distomo, wo Wehrmachts-Soldaten Mädchen und Frauen vergewaltigten und die gesamte im Ort verbliebene Bevölkerung erschossen. Knapp siebzig Jahre später erleben sich viele Griechen wieder als Opfer: Die Selbstmordrate im Land ist um ein Drittel gestiegen, nicht einmal jeder zweite Jugendliche hat eine Arbeitsstelle. Ohnmächtig erleben große Teile der Bevölkerung, wie ihnen die Krise jede Perspektive nimmt. Ist es da ein Wunder, wenn neben Demonstranten auch griechische Medien zu wüsten Attacken gegen die Deutschen ausholen? TV-Shows mit Nazi-Polemik machen derzeit beste Quoten.

Griechischer Demonstrant mit einem Transparent, das Adolf Hitler and Angela Merkel zeigt: Protest gegen die deutsche Austeritätspolitik in Athen (8.10.2012). (Foto: EPA/ORESTIS PANAGIOTOU +++(c) dpa - Bildfunk+++)

Oktober 2012: Eine Anti-Merkel-Demo in Athen ruft zum Widerstand gegen ein "Viertes Reich" auf.

"Nazi-Deutschland lebt"

Die Nazi-Keule schwingen aber auch andere Europäer, seit die Krise immer weiter um sich greift – etwa in Zypern, das von deutscher Besatzung verschont blieb. Als dort zuletzt die Furcht grassierte, kleine Sparer sollten für die Bankenrettung geradestehen, trugen aufgebrachte Demonstranten Merkel-Masken mit Hitler-Bärtchen. "Nazi Germany still alive" ("Nazi-Deutschland lebt") war auf Transparenten zu lesen. Und in Spanien ätzte kürzlich ein Wirtschafts-Professor in der größten Tageszeitung des Landes, Merkel habe "wie Hitler, dem Rest Europas den Krieg erklärt, diesmal um sich wirtschaftlichen Lebensraum zu sichern". Auch wenn die Redaktion den Artikel im Nachhinein zurückzog: Das Klima ist vergiftet.

Daran ändert wenig, dass die Nazi-Vorwürfe historisch unhaltbar sind. "Völlig unangemessen, aber ein Stück weit psychologisch verständlich", lautet die Diagnose des langjährigen Europa-Abgeordneten Olaf Schwencke (SPD). Heute ist der Politik- und Kulturwissenschaftler Präsident der Deutschen Vereinigung des Europäischen Kulturstiftung (ECF) und erinnert an das kollektive Gedächtnis derjenigen Völker, die von den Nazis überfallen wurden: "Wenn dann irgendeine Herausforderung kommt, wird so unangemessen reagiert".

Politische Kultur am Ende?

"Es hätte gerade in den letzten Monaten deutlich gemacht werden müssen, dass der Akt der Hilfe ein Teil der europäischen Solidarität ist und nicht etwa ein Besserwissen", kritisiert Schwencke die deutsche Politik. Die Haltung "Wir machen es richtig, macht es so wie wir", sei der falsche Weg.

Der Autor Petros Markaris 2009 (Foto: Peter Endig +++(c) dpa - Report+++)

Kritischer Beobachter: Petros Markaris

"Die Deutschen werden deswegen, und nicht nur in Griechenland, als Schulmeister gesehen“, bilanzierte in der "Süddeutschen Zeitung" der griechische Schriftsteller Petros Markaris, der auch mit Kritik am eigenen Land nicht spart. "Fast alle Balkanvölker sehen sich als unschuldige Opfer“, attestiert er ihnen, die Deutschen dagegen "sind stolz auf ihre Errungenschaften und wollen, dass die übrigen Europäer, vor allem die Südländer, es ihnen nachmachen." Dabei ignorierten sie, "dass der Süden eine ganz andere Kultur hat".

Deutsche Mitverantwortung

Auf diesem kulturellen Auge aber ist Deutschland offenbar blind – und stilisiert sich gerne selbst als Opfer: als Zahlmeister der Europäischen Union, der "den Griechen ihre Luxus-Renten zahlt", wie das Massenblatt "BILD " hetzte. "Diese Opferrollen-Diskussion ist sehr selbstgerecht", moniert Ulrike Guérot. Sie leitet das Berliner Büro des European Council on Foreign Relations (ECFR), einen Think Tank, der Thesen zur Europa-Politik entwickelt: "Da wird kein Funken von deutscher Mitverantwortung deutlich". Genauso fatal, so Guérot, seien großspurige Sprüche wie "Europa spricht deutsch". Der Satz, mit dem CDU-Fraktionschef Volker Kauder 2011 Öl ins europäische Feuer goss, ist nicht vergessen – im Gegenteil.

Respektvoller, sensibler Umgang miteinander? Fehlanzeige. "Das zeigt, wie fragil der kulturelle Lack ist, den wir in 50 Jahren Integration aufgebaut haben", moniert Ulrike Guérot. Hat die deutsche Kulturpolitik der letzten Jahrzehnte versagt? Nein, sagt die Europa-Expertin, die Krise habe eine Dimension, die so noch nie dagewesen sei. "Es geht nicht nur um eine Euro-Krise oder eine Überschuldung des Südens. Es geht um eine Kapitalismus-Krise, eine Bankenkrise, eine Souveränitätskrise und eine Systemkrise."

Komplexe Europa-Krise

Eine hochkomplexe Situation also, in der eine kulturelle Debatte fehlt: "Wenn die Dinge zu komplex werden, gewinnen die einfachen Antworten. In Deutschland hat man einfach lange auf eine komplexe Krise geantwortet mit 'Faule Griechen'. In der gleichen Simplifizierung kriegen die Deutschen das jetzt zurück mit 'Merkel ist Hitler'". Darum seien Übersetzer nötig, "Übersetzer im kulturellen Sinn: Leute, die noch verstehen, was sich gerade in Italien abspielt oder warum sich die Franzosen platt gemacht fühlen vom 'modèle allemand' (dem deutschen Modell)".

Eine kleine Gruppe von Demonstranten vor der der Deutschen Botschaft in Athens. (6.10.2011) (Foto:Kostas Tsironis/AP/dapd)

Anti-Deutschland-Demo in Athen 2011. "Europa wird deutsch" steht auf dem Plakat, das Merkel als Hitler zeigt.

Ein reines Kommunikationsproblem also? "Auch ein ziemlich hohes Politikum", sagt Olaf Schwencke als Wissenschaftler und ehemaliger Europa-Parlamentarier: "Es war ja abzusehen, dass Aggressionen gegen die Deutschen und diese Nazi-Vergleiche kommen würden. Hätte man rechtzeitig darüber nachgedacht, hätte man ein Konfliktprogramm kultureller Art entwickeln können". Etwa, indem das Auswärtige Amt den Goethe-Instituten entsprechende Mittel zur Verfügung gestellt hätte, so Schwencke.

Kultureller Diskurs

"Europa hat viel in die Wirtschaft investiert, aber zu wenig in die Kultur und die gemeinsamen Werte", konstatierte Petros Markaris schon Anfang 2012. Um später nachzusetzen: "Es wäre beiden Seiten sehr geholfen, wenn man den Griechen in ihren Gefühlen ein bisschen Vernunft einflößen würde und den Deutschen in ihrer Vernunft ein bisschen Mitgefühl."

Beim Berliner Europa-Think Tank kommt man zu einem ähnlichen Ergebnis: "Alle müssten sich ein bisschen zurücknehmen", fordert Ulrike Guérot: "Natürlich hatten die Zyprioten ein chaotisches Business-Modell, aber wir haben die Augen zugemacht und daran verdient. Natürlich müssen die Franzosen Strukturreformen machen, aber die Franzosen haben auch recht, wenn sie sagen, Deutschland macht social dumping. Das heißt, jeder hat einen Fehler". Statt mit dem Finger auf andere zu zeigen, sei ein kultureller Diskurs zu führen. "Das wäre Europas auch würdig."