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Politik

Merkel spricht von "Krieg" in Afghanistan

Es waren deutliche Worte, die die Kanzlerin bei einem überraschenden Besuch in Afghanistan fand - allerdings nicht nur zum deutschen Engagement am Hindukusch. Auch Präsident Karsai musste sich Kritisches anhören.

Merkel mit Soldaten und Verteidigungsminister zu Guttenberg (Foto: dpa)

Merkel im Gespräch mit Bundeswehrsoldaten

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat bei einem unangekündigten Truppenbesuch in Nordafghanistan so deutlich wie nie zuvor von einem "Krieg" am Hindukusch gesprochen. Vor Journalisten im Bundeswehr-Feldlager in Masar-i-Scharif sagte die Kanzlerin am Samstag (18.12.2010): "Wenn man sich mit der Realität unserer Soldaten befasst, ist das eben in der Region Kundus so, dass sie in wirklichen Gefechten stehen - so wie Soldaten das in einem Krieg tun. Ich finde, das sollte man beim Namen nennen."

"Karsai hat konkret gar nichts versprochen"

Die Kanzlerin sagte weiter : "So etwas kannten wir seit dem Zweiten Weltkrieg nicht. Wir haben uns das von unseren Eltern und Großeltern erzählen lassen." Vor dem Besuch in Masar-i-Scharif war Merkel bereits im deutschen Feldlager in Kundus gewesen. Dort hatte sie sich vor der Truppe ähnlich geäußert. "Wir haben hier nicht nur kriegsähnliche Zustände, sondern Sie sind in Kämpfe verwickelt, wie man sie im Krieg hat", sagte sie vor mehreren hundert Soldaten. "Das ist für uns eine völlig neue Erfahrung."

Bundeswehrsoldaten im Fahrzeug mit deutscher Flagge (Foto: AP)

Bundeswehrsoldaten nahe Masar-i-Scharif

In Masar-i-Scharif traf die deutsche Regierungschefin auch mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai und dem Kommandeur der NATO-Truppe ISAF, US-General David Petraeus, zusammen. Dabei kritisierte sie, dass die Fortschritte beim Aufbau der afghanischen Verwaltung und der Bekämpfung der Korruption noch nicht so seien, "wie wir uns das vorstellen". Auf die Frage, ob Karsai versprochen habe, gegen die Korruption vorzugehen, sagte Merkel: "Er hat konkret ehrlich gesagt gar nichts versprochen."

Soldat stirbt offenbar bei Unfall

Überschattet wurde der Besuch vom Tod eines deutschen Soldaten. Ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam sagte, dass "keine Gefechtssituation" vorgelegen habe. Der 21-jährige Hauptgefreite sei am Freitagabend in einem Außenposten nördlich des Feldlagers Pol-i-Khomri mit schweren Schussverletzungen aufgefunden und mit einem Hubschrauber in das Feldlager gebracht worden. Dort sei er während einer Notoperation gestorben. Die Untersuchungen zum genauen Hergang des Zwischenfalls seien eingeleitet worden, erklärte das Einsatzführungskommando. Die "Bild"-Zeitung berichtet auf ihrer Internetseite, der Soldat sei an einer Kopfverletzung gestorben. Demnach löste sich vermutlich ein Schuss, als der Soldat seine Waffe reinigte. Die Bundeswehr wollte den Bericht bisher nicht bestätigen. Pol-i-Khomri liegt südlich von Kundus im äußersten Nordosten Afghanistans.

2010 kamen acht deutsche Soldaten bei Anschlägen und Gefechten in Afghanistan ums Leben - mehr als je zuvor innerhalb eines Jahres. Mit dem jüngsten Unfallopfer starben beim Einsatz am Hindukusch bisher 45 deutsche Soldaten. Von ihnen wurden 27 bei Anschlägen und Gefechten getötet.

Vier Särge von getöteten Bundeswehrsoldaten aufgebahrt in der Kirche in Ingolstadt

Allein im April 2010 wurden vier Bundeswehrsoldaten getötet

Guttenberg: Zweite Reise in dieser Woche Merkel reiste am Samstagabend nach Berlin zurück. Begleitet wurde sie auf ihrer dritten Afghanistan-Reise von Bundeswehr-Generalinspekteur Volker Wieker sowie Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der erst am Montag gemeinsam mit seiner Frau Stephanie und dem Fernsehmoderator Johannes B. Kerner die deutschen Soldaten in Afghanistan besucht hatte. Die Opposition im Bundestag warf ihm daraufhin vor, sich selbst zu inszenieren. Insgesamt war zu Guttenberg seit seinem Amtsantritt als Verteidigungsminister im Herbst 2009 acht Mal am Hindukusch.

Zehn Jahre nach Beginn des Afghanistan-Einsatzes sollen Ende 2011 die ersten deutschen Soldaten das Land verlassen. Darauf hatte sich Außenminister und Vizekanzler Guido Westerwelle in einer Regierungserklärung vor dem Bundestag am Donnerstag festgelegt.

Deutsche ISAF-Soldaten in Afghanistan (Foto: AP)

Bis 2014 will Afghanistan selbst für Sicherheit sorgen

Westerwelle betonte, der Einsatz am Hindukusch sei richtig, weil dort auch die Sicherheit Deutschlands verteidigt werde. "Richtig ist aber auch, dass er nicht endlos dauern darf." Der Minister versicherte, dass bis 2014 die Verantwortung für die Sicherheit komplett an die afghanische Polizei und Armee übergeben werden soll. Auch danach sollen noch deutsche Soldaten im Land bleiben, aber nicht mehr in Kampfeinsätze geschickt werden. Wann die Mission ganz beendet wird, ist offen. Im Januar muss der Bundestag über ein neues Afghanistan-Mandat entscheiden.

Autoren: Stephan Stickelmann / Annamaria Sigrist (rtr, dpa, ap)
Redaktion: Susanne Eickenfonder

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