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Kultur

Merkel einmal ganz privat

Die Bundeskanzlerin hat auch ein Privatleben. Das sollte sie zumindest haben - meint der Regisseur Jochen Kuhn. Sein Film "Sonntag 3" war einer der originellsten Beiträge beim Trickfilmfestival in Stuttgart.

Filmstill aus Jochen Kuhns Animationsfilm Sonntag 3; Copyright: Jochen Kuhn***Das Bild darf nur im Rahmen einer Filmbesprechung benutzt werden***via Jochen Kuerten

Sonntag 3 (Animationsfilm)

Jochen Kuhn hat wenig Zeit. Er steht am Stuttgarter Hauptbahnhof und wartet auf seinen Zug nach München, der ihn bereits zum nächsten Filmfestival bringen soll. Erst am Vorabend hat Kuhn seinen neuen Film "Sonntag 3" auf dem Stuttgarter Trickfilmfestivals präsentiert, das nun zu Ende gegangen ist. Danach muss er wieder zurück nach Ludwigsburg, wo er an der Filmakademie Baden-Württemberg unterrichtet. Jochen Kuhn ist ein gefragter Mann: Akademieprofessor, Regisseur, Künstler.

Und mit seinem Animationsfilm "Sonntag 3" ist ihm nun noch mehr Aufmerksamkeit garantiert. Denn er handelt von der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, genauer gesagt, von ihrem Liebesleben. "Ich mache mir seit langem Sorgen um das emotionale Leben unserer Politiker, vor allem der Politikerinnen", erzählt Kuhn verschmitzt.

Jochen Kuhn (Foto: DW/ Jochen Kürten)

Jochen Kuhn

Die Idee, dass Frau Merkel emotional unausgeglichen sei, die habe er schon länger mit sich herumgetragen. "Nicht, weil ich die Kanzlerin so sehe", betont Kuhn, "Im Gegenteil. Ich empfinde sie als sehr souverän im öffentlichen Auftritt." Ihm sei es um etwas anderes gegangen. "Wie kriegen Politiker, wie kriegt eine Kanzlerin, bei all dem Stress und Zeitmangel, das Leben ins emotionale Gleichgewicht?" Diese Frage habe er sich gestellt. Und zusammen mit dem Phänomen, dass heute viele Dates und Bekanntschaften über das Internet eingeleitet würden, sei der Film entstanden.

Trickfilme sprechen auch viele Erwachsene an

"Sonntag 3" erzählt von einer unglaublichen wie originellen fiktiven Begegnung. Die deutsche Kanzlerin lässt sich in Kuhns Film auf ein Internet-Date ein. Sie trifft einen Mann, plaudert über ihr Leben, Privates und Berufliches. "Gehen wir zu mir oder zu Dir?" fragt der Mann am Ende und die Antwort ist klar: "Zu Dir natürlich, da haben wir mehr Ruhe". Wer will schon ins Kanzleramt zum schmusen? Was peinlich geraten könnte bei einem Filmemacher mit weniger Sensibilität und Könnerschaft, das wird bei Kuhn zu einem kleinen funkelnden Kunststück. "Sonntag 3" ist gezeichneter Trickfilm, gemalt und getuscht, souverän animiert und mit Musik und Text unterlegt. Eine Meditation über Politik und Macht, Privatleben und das Filmemachen: klug, witzig, auch voller Melancholie.

Das Trickfilmfestival in Stuttgart gehört inzwischen zu den weltweit führenden seiner Art. Es zeigt neue Entwicklungen in Sachen animierter Film. Und das ist viel mehr als nur am Computer generiert - wie man es im Jahr 2013 vielleicht erwarten würde. Trickfilm, das ist viel mehr als Unterhaltung für Kinder und hollywoodsüchtige Jugendliche. Das macht das Festival deutlich. Trickfilme in ihrer ganzen Bandbreite werden gezeigt, phantasievolle und kritische, experimentierfreudige und unterhaltende.

Ernster Inhalt in knuddeligem Gewand – zwei Schafherden, die eigentlich nur zusammen glücklich sein wollen, werden rigoros von ihren beiden Hirten getrennt, was zu großem Ärger führt. Das ist der Inhalt des siebenminütigen Diplomfilms „Oh Sheep!“ von Gottfried Mentor, der mit diesem Projekt an der Filmakademie Baden-Württemberg sein Animationsstudium abgeschlossen hat. Diese Filmstills dürfen nur im Zusammenhang mit der Berichterstattung über das Internationale Trickfilm Festival Stuttgart – Festival of Animated Film verwendet werden. Sie sind honorarfrei. Als Bildnachweis ist Foto: Internationales Trickfilm Festival Stuttgart oder Foto: Trickfilm Festival Stuttgart anzufügen. Bild geliefert von Katharina Sieweke, Assistenz Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Internationales Trickfilm Festival Stuttgart.

"Oh Sheep" ist eine Parabel über Toleranz und Hass

Jochen Kuhn, Jahrgang 1954, ist ein alter Hase im Geschäft. Er zählt zu den bekanntesten Regisseuren Deutschlands, die sich im Grenzbereich zwischen Film und Kunst, zwischen Zeichentrick und Malerei aufhalten. Warum hat er sich gerade diesem Genre verschrieben? "Es ist ja nicht so, dass man sich das wirklich aussucht. Man ist ja nicht irgendwann 18 Jahre und sagt: So jetzt arbeite ich mit Film und Malerei. Die biografischen Wege sind sehr verschlungen", erzählt Kuhn. Im Alter von 16 habe er angefangen zu malen, dann sei ein Freund hinzugekommen, der eine 16mm-Kamera hatte.

Trickfilm-Nachwuchs

Auch Gottfried Mentor hatte nicht immer schon vor, Trickfilme zu drehen. Auch ihn hat es eher zufällig zum animierten Film verschlagen. Mentor kommt aus einer anderen Generation, ist ein Vierteljahrhundert jünger und hat im vergangenen Jahr seinen Diplomfilm an der Akademie in Ludwigsburg vorgelegt: den siebenminütigen, komplett am Computer entstandenen Film "Oh Sheep!". "Ich war nicht einmal ein großer Kinogänger als Jugendlicher", erzählt der junge Regisseur. Ihn habe es einfach immer gereizt, Geschichten zu erzählen, die Leute zu unterhalten. Auch habe er als Jugendlicher gern gezeichnet.

Der Filmregisseur Gottfried Mentor (Foto: DW/ Jochen Kürten)

Der Filmregisseur Gottfried Mentor

"Oh Sheep!" erzählt von zwei Schäfern, die sich mit ihren Herden ins Gehege kommen. Eine filmische Parabel über Toleranz und Hass, über Egoismus und das Zusammenleben von Menschen. "Wie entsteht Hass?" Das habe er sich gefragt, und: "Wie tolerant bin ich eigentlich? Was habe ich für Vorurteile?"

All diese Fragen hätten ihn zu dem Film inspiriert, der in Stuttgart im Wettbewerb um den Hauptpreis konkurrierte. Mentor ist seit Fertigstellung seines Films in den vergangenen sieben Monaten um den halben Erdball gereist, hat "Oh Sheep!" bei vielen Festivals gezeigt. "Am besten hat mir das im russischen Krok gefallen." Das findet auf einem Kreuzfahrtschiff statt, das die Route St.Petersburg-Moskau befährt.

In Stuttgart hat Mentors Film viel Beifall  bekommen, auch wenn er letzlich nicht den Wettbewerbspreis bekommen hat. "Manche haben das Schicksal Griechenlands und Europas widergespiegelt gesehen. In den USA haben die Zuschauer bei einem Festival geglaubt, ich habe den Konflikt zwischen Schwarzen und Weißen dargestellt." Es gibt viele Möglichkeiten der Interpretation. Ihm sei wichtig gewesen, seine Geschichte ohne erhobenen Zeigefinger zu erzählen.

Schloßplatz, Stuttgart, April 2013. Diese Filmstills dürfen nur im Zusammenhang mit der Berichterstattung über das Internationale Trickfilm Festival Stuttgart – Festival of Animated Film verwendet werden. Sie sind honorarfrei. Als Bildnachweis ist Foto: Internationales Trickfilm Festival Stuttgart oder Foto: Trickfilm Festival Stuttgart anzufügen.

Open Air Kino vor dem Stuttgarter Schloss

Animierte Filme "Made in Germany"

Trickfilme "Made in Germany" sind gefragt wie nie, werden überall gezeigt: "Auf größeren Kulturevents, auch auf Messen", erzählt Ulrich Wegenast, einer der beiden Festivalchefs. Animation diene bei solchen Events dazu, einerseits Informationen zu transportieren, andererseits aber auch dazu, Zuschauer emotional zu berühren. "Es müssen Geschichten erzählt werden!" Die Trickfilmbranche sei ein riesiger wirtschaftlicher Markt mit mehreren Milliarden Umsatz. Das spiele sich längst nicht mehr nur im Bereich Kino und TV ab. Bedeutender sei inzwischen der Bereich Online. Der Trailer des Stuttgarter Trickfilmfestivals sei in den letzten Wochen allein in China über 2 Millionen Mal abgerufen worden.

Die meisten Vorstellungen in Stuttgart waren restlos ausverkauft. Wer kein Ticket mehr bekommen hatte, der konnte auf den Schlossplatz im Herzen der Stadt gehen, wo eine riesige Open-Air-Leinwand aufgebaut war. "Wir erleben, dass ganz viele internationale Gäste, die nicht wegen des Festivals in der Stadt sind, das Open-Air-Kino in Stuttgart entdecken", sagt Wegenasts Kollege Dittmar Lumpp. Während manche Angela Merkel beim fiktiven Date zuschauten, andere die Schaafe in "Oh Sheep" zum Nachdenken brachten, sahen sich andere begeistert Disney-Filme an. Denn allein in Stuttgart konnten sie diese vor der historischen Kulisse eines deutschen Schlosses erleben. 

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