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Europa

Menschenrechtler in Tschetschenien: Zwischen Angst und großer Aufgabe

Als Menschenrechtler in Tschetschenien zu arbeiten, ist mit einem großen Risiko behaftet. Allein seit Mitte Juli 2009 sind drei Aktivisten ermordet worden. Einigen Mitarbeitern ist das Risiko nun zu groß.

Logo der Menschenrechtsorganisation Memorial

Logo der Menschenrechtsorganisation Memorial

Die Ermordung von Anna Politkowskaja schadet den Machthabern mehr als ihre Berichte - so hat 2006 der damalige russische Präsident Wladimir Putin den Tod der oppositionellen Journalistin kommentiert.

Einige Wochen nach dem Tod der Menschenrechtsaktivistin Natalja Estemirowa machte Putins Protegé, der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow, eine ähnlich zynische Aussage. Im Interview mit Radio Swoboda (08.08.2009) griff er die Ermordete heftig an: Sie habe nie Ehre, Würde und Gewissen gehabt und nur Quatsch geredet, sagte er.

Offene Drohungen gegen Estemirowa?

Ein Präsident wird vereidigt (Foto: AP)

Der tschetschenische Präsident Ramasan Kadryow

Seit über zwei Jahren ist Ramsan Kadyrov Präsident der Tschetschenischen Republik, fast einstimmig durch das tschetschenische Parlament gewählt - auf Putins Vorschlag. Und genauso lange währe auch der Konflikt zwischen ihm und der Menschenrechtsorganisation "Memorial", sagt deren Mitarbeiterin Ekaterina Sokirjanskaja: "Er wollte nicht, dass die Informationen aus Tschetschenien nach außen dringen. Wir sollten alle Probleme bei Kadyrow persönlich melden und er würde sie lösen", erzählt sie über das erste Treffen vor zwei Jahren.

Die 33-Jährige hat fünf Jahre lang in der tschetschenischen "Memorial"-Vertretung gearbeitet. Jegliche Versuche, die Missstände in der Kadyrow-Administration zu melden, verliefen im Sande. Zu einer heftigen Auseinandersetzung sei es gekommen, als Natalja Estemirowa Kadyrows Forderung, dass Frauen an allen öffentlichen Stellen Kopftuch tragen sollte, kritisiert hätte, sagt Sokirjanskaja. "Ramsan Kadyrow war wütend. Er meinte, dass er schlechte Leute immer getötet hat und töten wird, dass seine Hände bis zu den Ellenbogen mit Blut befleckt sind. Er hat Natalja offen bedroht", erzählt die "Memorial"-Mitarbeiterin. Die Organisation habe dieses Gespräch geheim gehalten, um die Situation nicht zu verschärfen. Ein Fehler, für den sie einen hohen Preis gezahlt hätten, sagt sie weiter.

Arbeit eingestellt

Nach der Ermordung von Natalja Estemirowa will „Memorial“ nichts mehr verbergen. Die Leitung der Organisation macht den tschetschenischen Präsidenten für den Tod ihrer Mitarbeiterin verantwortlich. Die Arbeit ihrer vier Büros in Tschetschenien wurde auf unbestimmte Zeit eingestellt. Der tschetschenische Menschenrechtsbeauftragte Nurdi Nuchazhiev verurteilte diese Entscheidung und erklärte, dass keine Gefahr für die Arbeit von Menschenrechtlern und Journalisten bestehe.

An dem Tag, als Natalja Estemirowa ermordet wurde, hätten die Memorial-Mitarbeiter ihr Verschwinden zuerst im Büro des Menschenrechtsbeauftragen gemeldet, sagt Ekaterina Sokirjanskaja. "Sie haben uns dort sehr seltsam behandelt. Die offizielle Version der dortigen Menschenrechtler klang äußerst merkwürdig: Sie nahmen an, dass man Natascha als Braut entführt hat."

Die Angst im Gepäck

Alleine in diesem Jahr wurden in Russland mehrere Menschenrechtler ermordet. Elena Wilenskaja arbeitet in der Sankt Petersburger Organisation "The House of Peace and Nonviolence". Sie kannte die ermordete Natalja Estemirowa sehr gut, denn auch sie fährt regelmäßig nach Tschetschenien. Doch nun habe sie Angst. Sie sei nicht bereit, ihr Leben zu opfern, sagt Wilenskaja. "Ich bin einfach ein sterblicher schwacher Mensch. Das heißt aber nicht, dass ich auf meine Tätigkeit verzichte. Hier in Sankt Petersburg habe ich beispielsweise keine Angst. Andererseits habe ich Angst davor, so zu leben, dass ich Angst davor habe, nach Tschetschenien zu fahren. Es ist mir auch peinlich: Schließlich leben Menschen dort."

Sich in Tschetschenien für Menschenrechte einzusetzen, bedeutet ein Leben zwischen großer Angst und großer Aufgabe.

Autorin: Olga Sosnytska
Redaktion: Julia Kuckelkorn

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