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Fokus Osteuropa

Menschenhandel: Aserbaidschan als Drehscheibe

In Aserbaidschan war Frauenhandel lange ein Tabu-Thema. Erst seit wenigen Jahren kümmern sich private Initiativen um die Opfer. Eine DW-Reporterin hat die Aktivistin Mehriban Zeinalova in Baku besucht.

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Hilfe für die Opfer gibt es kaum


Mehriban Zeinalova zeigt auf eine Karte an der Wand. Mit der Hand sind darauf die Konturen verschiedener Staaten eingezeichnet. In der Mitte liegt Aserbaidschan. Ein Knäuel verschiedenfarbiger Linien verbindet die Südkaukasusrepublik mit Russland, mit den USA und Staaten in Westeuropa. Frau Zeinalova erklärt: „Die grüne Linie steht für den Verkauf von Arbeitssklavinnen, die fliederfarbene für Handel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung, rot bezeichnet den Verkauf von Frauen durch Zwangsheirat, und das hier bedeutet Organhandel.“

Lange verschwiegene Informationen

Folgt man den Linien auf der Karte, gehen aserbaidschanische Frauen als Arbeitssklavinnen vor allem nach Schweden, Kanada, Syrien und Russland. Zum Zweck von Organentnahmen werden sie nach Frankreich und in die USA gelockt. Mehriban Zeinalova hat diese Informationen über den Zeitraum von acht Jahren gesammelt. Solange schon leitet sie die Organisation Clean World in Baku. Mehriban Zeinalova war eine der ersten, die das Thema Frauenhandel in Aserbaidschan offen ansprachen. Sie kümmert sie sich um die Opfer des Frauenhandels, redet mit ihnen, vermittelt Psychologen, hilft manchmal auch, eine Arbeitsstelle zu finden. Und sie macht Umfragen und sammelt so Informationen über ein Problem, von dem die aserbaidschanischen Behörden lange behaupteten, es existiere gar nicht. Bis heute rührt es an Tabus, sagt sie.

Nach Angaben von Frau Zeinalova werden Frauen vor allem in die Türkei verkauft, nach Dubai, nach Pakistan, in den Iran und nach Russland. Allein über die Türkei würden jeden Monat 500 Frauen aus dem Südkaukasus nach Dubai geschickt, sagt die Menschenrechtlerin. Dahinter stünden manchmal Einzelpersonen, zum Beispiel enge Verwandte der Opfer, meist aber kriminelle Banden.

Unterstützung und Gespräche

Mehriban Zeinalova ist eine kleine Frau, 50 Jahre alt, trägt Jeans und eine karierte Bluse. Die lockigen Haare fallen ihr ins Gesicht, Lachfalten umrahmen ihre dunklen Augen. Bevor sie sich für Opfer von Frauenhandel engagierte, unterrichtete sie Klavier, leitete ein Museum und einen Kindergarten. Frauen, die nicht zu ihrer Familie zurückkönnen, bringt sie kurz entschlossen erst mal bei sich unter. Fast immer sitzt so jemand in ihrer Küche, trinkt Kaffee oder Tee. Reden ist wichtig. Und wenn niemand zum Reden da ist, dann leistet zumindest die Katze Gesellschaft. „Die Frauen lachen mal, dann weinen sie von einem Moment auf den anderen. Sie sind labil“, erklärt Frau Zeinalova. „Aber vor allem sind sie natürlich unglücklich. Sie suchen sich selbst. Sie haben kein Selbstvertrauen. Sie wissen nicht, was sie tun müssen. Und oft geraten sie wieder in die Hände von Menschenhändlern. In dem Moment brauchen sie Unterstützung."

Keine staatlichen Hilfen

Doch das ist schwer. Über 40 Prozent der Bevölkerung Aserbaidschans leben unterhalb der Armutsgrenze. Zwar hat Aserbaidschan das Abkommen der Vereinten Nationen gegen Frauendiskriminierung unterzeichnet, doch noch immer sind es meist Frauen, die unter der Massenarbeitslosigkeit leiden. Obwohl Aserbaidschan fast 70 Jahre lang zur Sowjetunion gehörte und Gleichberechtigung der Geschlechter offiziell groß geschrieben wurde, hat sich, gerade auf dem Land, eine chauvinistische Männergesellschaft gehalten. Der anhaltende Konflikt mit dem Nachbarland Armenien um die Enklave Berg-Karabach sorgt darüber hinaus für Aggressionen und Gewaltbereitschaft der Männer. Eine Statistik über Gewalt gegen Frauen gibt es nicht. Noch immer gibt es in Aserbaidschan kein einziges Frauenhaus.

Mehriban Zeinalova nimmt Tassen aus dem Regal, brüht Kaffee auf. Nicht nur Armut allein bringe die Frauen dazu, den falschen Versprechungen der Menschenhändler auf den Leim zu gehen, sagt sie: „Menschenhandel rührt nicht nur daher, dass die Frauen keine Arbeit haben. Wir haben noch ein anderes Problem: Dass keiner dem anderen zuhört. Dass niemand Anteil nimmt. Wenn irgendjemand rechtzeitig mit diesen Frauen geredet hätte und ihnen vielleicht einen anderen Ausweg aufgezeigt hätte, dann wären diese Tragödien nicht passiert."

Kleine Fortschritte

Als Mehriban Zeinalova Ende der 90er Jahre begann, den Frauenhandel in Aserbaidschan zu thematisieren, wurde sie zunächst von den Beamten beschimpft. Sie verletze die Ehre des aserbaidschanischen Volkes, hieß es von Regierungsseite. Mittlerweile hat sich Mehriban Zeinalova einen Namen gemacht und Respekt verschafft. Einzelne Polizisten, Grenzbeamte und Staatsanwälte, die etwas an der Situation ändern wollen, reden mit ihr, suchen sogar ihren Kontakt. Auch auf politischer Ebene gibt es Fortschritte: 2004 ordnete Staatspräsident Ilham Alijev einen Aktionsplan gegen Menschenhandel an. Und das Parlament von Aserbaidschan hat ein Gesetz verabschiedet, das Menschenhandel unter Strafe stellt. Mehriban Zeinalova hat noch viele Pläne: „Damit hat der Staat jetzt wenigstens eingeräumt, dass es ein Problem gibt. Das ist eine Chance. Im Innenministerium gibt es jetzt eine Abteilung zum Kampf gegen Menschenhandel. Bald wird das erste Frauenhaus in Aserbaidschan eingerichtet und ein telefonischer Notdienst. Gemeinsam mit verschiedenen internationalen Organisationen, mit der OSZE, mit der Botschaft der USA und mit der Internationalen Organisation für Migration werden wir Aufklärungsseminare durchführen. Und wir wollen Krisenzentren eröffnen, in denen Opfer von Menschenhandel psychologisch betreut werden. Natürlich kann ich allein nichts ausrichten. Ich kann zehn, fünfzehn Frauen eine Zeit lang unterbringen, aber ich kann ihnen nicht langfristig helfen."

Gesine Dornblüth

DW-RADIO, 1.2.2006, Fokus Ost-Südost