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Asien

Menschenfleischsuche im Internet

Chinas Internet unterliegt zwar der Zensur, doch die User veranstalten immer öfter digitale Hetzjagden auf Personen – vor allem dann, wenn diese Unrecht begangen haben sollen. Das bringt viele ganz real zu Fall.

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Immer mehr Chinesen veranstalten digitale Hetzjagden auf Menschen

Lin Jiaxiang war einmal ein hochrangiger Beamter der Hafenbehörde im südchinesischen Shenzhen. Ein feuchtfröhlicher Abend in einem Restaurant leitete das Ende seiner Karriere ein. Auf dem Weg zur Toilette packte der stark angetrunkene Beamte ein elfjähriges Mädchen im Nacken und versuchte, sie auf die Herrentoilette zu zerren. Dort wollte er sie vergewaltigen, doch das Kind konnte sich losreißen. Der Vater des Mädchens rief die Polizei. Die aber ließ Lin Jiaxiang wieder laufen, er war zu betrunken, um sich überhaupt an irgendetwas zu erinnern. Was Lin Jiaxiang jedoch nicht wusste: Der Vorfall war von einer Überwachungskamera aufgenommen worden und das Video landete kurze Zeit später im Internet. Dort brach ein Sturm der Entrüstung los. Ein Internetnutzer schrieb: „Kommt, lasst uns die Menschenfleischsuche starten.“ Es dauerte nicht lange und die Internetgemeinde hatte Namen, Adresse, Telefonnummer und den Arbeitgeber von Lin Jiaxiang ermittelt. Die Hafenbehörde von Shenzhen war schließlich gezwungen, ihn von seinen Ämtern zu suspendieren. Die Polizei leitete Ermittlungen gegen den Kader ein.

China Alltag Land und Leute in Peking Fußgängerzone

Viele Internetuser prangern im Internet Ungerechtigkeiten und Skandale an

Renrou sousuo – auf Deutsch: "Menschenfleischsuche" - heißt dieses Phänomen im chinesischen Internet. Menschenfleisch deshalb, weil tausende Internetnutzer wie Detektive alle möglichen persönlichen Daten über einen Menschen suchen - sowohl im Internet, als auch in der realen Welt. Diese Informationen tauschen sie dann in Internetforen aus. Oft geht es wie im Fall von Lin Jiaxiang um die Identifizierung von korrupten Beamten oder um die Aufdeckung von Straftaten. "Es gibt einen großen Gerechtigkeitssinn unter den jungen Leuten. Sie benutzen das Internet, um die Wahrheit über bestimmte Dinge herauszufinden", sagt Daniel Zeng, Computerwissenschaftler an der Universität Arizona. "Das ist eine wichtige Motivation, die die Menschenfleischsuche in den letzten Jahren zu einem sehr großen Phänomen gemacht hat."

Durch die Menschenfleischsuche kommen Skandale an die Öffentlichkeit, die die Kommunistische Partei am liebsten verschweigen würde. Denn sobald ein Thema durch das Internet geistert, können oft auch staatlich zensierte Medien es aufgreifen. Auch die Medien selbst greifen für ihre Recherchen inzwischen zur Menschenfleischsuche, sagt James Hendler, Informatiker am Rensselaer Polytechnic Institute in den USA. "Da gab es kürzlich Vorfälle in China, wo Chemikalien in Zahnpasta oder in Milch gefunden wurden. Journalisten, die diese Skandale untersucht haben, haben die Menschenfleischsuche genutzt, um mehr Informationen darüber zu bekommen."

Presse in China- Wandzeitung

Die staatliche kontrollierten Medien greifen oft die Themen aus dem Internet auf

Die Menschenfleischsuche hat aber auch Schattenseiten. Politische Debatten werden oft von nationalistischen Tönen geprägt. Persönlichkeitsrechte von Unschuldigen werden verletzt. Während der Proteste in Tibet 2008 tauchten im Internet Fotos einer chinesischen Studentin auf, die sie bei einer pro-tibetischen Demonstration in den USA zeigten. Die Internetgemeinde ermittelte in kürzester Zeit ihren Namen und die Adresse ihres Elternhauses. Die Eltern erhielten Morddrohungen, der Pöbel rottete sich vor deren Haus zusammen. "Für Menschen, die Opfer einer Menschenfleischsuche werden, ist das die Hölle", sagt der Internetexperte Fang Weigui von der Beijing Normal University. "Im Internet handeln manche unverantwortlich. In China gibt es das Sprichwort: Üble Nachrede birgt Gefahren. Das kann wirklich eine grausame Sache sein."

Die Menschenfleischsuche ist unkontrollierbar. Sie trägt Züge von Lynchjustiz. Obwohl die Regierung die Wucht des unberechenbaren Volkszorns fürchtet, gibt es bislang noch keine landesweite gesetzliche Regulierung dieses Phänomens. Selbst der Volksgerichtshof in Peking warnte in Zusammenhang mit der Menschenfleischsuche vor Internetgewalt und der Verletzung der Privatsphäre.

Autor: Christoph Ricking

Redaktion: Silke Ballweg