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Kultur

Memoiren von Otto Normalverbraucher

Ein eigenes Buch schreiben - und dann noch über das eigene Leben? Davon träumen immer mehr. Was jedoch, wenn einfach keine Schreibbegabung da ist? Kein Grund den Traum aufzugeben!

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Der Wunsch nach einem geschriebenen Denkmal

"Das musst Du festhalten!", hatten Freunde immer wieder gedrängt, wenn Fritz Stahl aus seinem Leben erzählte. Schließlich beschloss der Pforzheimer Schmuckfabrikant: Ich lasse meine Memoiren schreiben. Ein Denkmal in Schriftform setzten sich nicht nur Prominente wie Bohlen, Boris, Nena oder Naddel - immer mehr nicht prominente Menschen wünschen sich ebenfalls, ihr Leben schwarz auf weiß zwischen zwei Buchdeckeln zu sehen. Wer nicht selber die Feder schwingen will, kann sich von professionellen Memoirenschreibern helfen lassen.

Spuren für die Kinder

Menschen wie Fritz Stahl finden in der "Memoirenwerkstatt" im bayerischen Polling die ersehnte Unterstützung. Seit drei Jahren stöbern Louis Lau und seine Kolleginnen Ellen Schönfelder und Irina Ploch-Harabacz im Leben anderer Leute.

Das Ergebnis: Knapp 20 Bücher. Durchweg "gestandene Persönlichkeiten" kämen in die Memoirenwerkstatt, meint Lau, die meisten seien erfolgreiche Mittelständler, die sich von der Pike auf nach oben gearbeitet haben.

Gänsekiel

Eitelkeit steht dabei nicht unbedingt im Vordergrund. Viele haben eher den Drang, ihre Lebenserfahrungen weiterzugeben - Spuren zu hinterlassen. Manche wollen auch einfach ihren Kindern und Enkeln etwas Besonderes schenken. So landen die meisten Biografien nicht in den Buchläden - sie werden in kleiner Auflage gedruckt und im engeren Verwandten- und Bekanntenkreis verteilt.

Eitelkeit und Hang zum Exhibitionismus

Es gibt aber auch diejenigen, die von einer gehörigen Portion Eitelkeit und vom Hang zum Exhibitionismus getrieben werden. Bei der Journalistin Angelika Sturm melden sich oft Menschen, die eine Lebenskrise durchlitten haben und meinen, ihre Erfahrungen seien zu wertvoll, um der Öffentlichkeit vorenthalten zu werden.

Nach Sturms Erfahrungen sind es "immer Männer" mit dem Ziel, sich als Buchautor einen Namen zu machen. Oft haben bereits etliche Verlage ihre Manuskripte abgelehnt. Die "Möchtegern-Autoren" sehen aber nicht ein, dass ihr Leben vielleicht doch nicht so interessant ist oder zumindest ihr Manuskript nicht als Buchvorlage taugt.

Zu viel Arbeit

Ursprünglich hat auch die Werbeagentur von Swen Panten Menschen zu eigenen Memoiren verholfen. Inzwischen haben sie diesen Service jedoch aus der Angebotspalette gestrichen. "Der Aufwand ist einfach zu groß", sagt Panten. Zwar spiele Geld für seine Auftraggeber keine Rolle, da sie fast ausschließlich ehemalige Unternehmensleiter seien, die wochenlangen Interviews seien aber einfach zu langwierig gewesen.

Vor dem Buch: das Interview

Frau schreibt einen Brief

Wer sein Leben von der bayerischen Memoirenwerkstatt verewigen lassen möchte, muss zunächst vier Tage lang Rede und Antwort stehen. Für beide Seiten nicht einfach, denn die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben ist harte Arbeit. Selbst gestandene Männer wie Fritz Stahl haben davor "ein bisschen Bammel". Was schließlich im Buch erzählt wird, entscheidet der Kunde. "Jeder hat das Recht auf die eigene Wahrnehmung", sagt Lau.

Dennoch betreiben die Schreiber keine Schönheitschirurgie, wenn die durchweg betagten Auftraggeber ihre Vergangenheit schön zu reden versuchten. Damit phantasievolle Exkurse nicht allzu groß werden, hängt im Interviewraum der Memoirenschreiber ein Spruch an der Wand: "Jede Familien hat ihre Leichen im Keller."

Nach den Interviews kommen Konzeption und Ausformulierung des Textes. Eine Druckerei bringt das Ganze aufs Papier und anschließend werden die Bücher von Hand in Leinen gebunden. Der Preis: 55 Euro pro Seite – oder 11.000 Euro für einen 200 Seiten dicken "Lebensroman". (iw)

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