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Wirtschaft

Mekka des Architekten

Fischer holten hier Krabben aus dem Meer. Häuser und Straßen gab es nicht. Jetzt asphaltieren Arbeiter achtspurige Straßen - in China entsteht eine neue Metropole. Ein kleines Münchner Büro hat den Masterplan entworfen.

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Die geplante Industriestadt liegt 200 Kilometer von Schanghai entfernt

"Die Dimension", sagt Thomas Jocher euphorisch, "Die Dimension ist das reizvolle an dem Projekt." 250 Quadratkilometer hatte das Architekturbüro "Fink + Jocher" vor der Nase - eine Fläche fast so groß wie München. "Wohin kommen die Straßen? Wo die Häuser? Die Fabriken? Strom und Abwasser? Alles musste von Null auf durchdacht werden", sagt Thomas Jocher im Gespräch mit DW-WORLD. Es ist der größte Auftrag, den die Partner je hatten. Für ihn schlossen sich "Fink + Jocher" mit Stadt-, Verkehrs- und Landschaftsplanern zusammen (Planungsgruppe Stuttgart-München). In zwanzig Jahren sollen hier mehr als 800.000 Menschen leben - nur 200 Kilometer von der Mega-Metropole Schanghai entfernt.

Deiche wie in Holland

Fink und Jochers' "Baby " hat noch keinen richtigen Namen - nur einen Arbeitstitel: "Hangzhou Bay Shaoxing New Industrial City", kurz: HGNT. Das soll sich bald ändern, eine Marketingfirma ist bereits auf die Namensfindung angesetzt. Die Kriterien stehen fest: Sein Klang sollte sowohl westlichen als auch asiatischen Ohren vertraut sein, seine Aussprache nicht schwer fallen - man denkt an die ausländischen Investoren in der zukünftigen Industriestadt. Sie sollen sich dort wohl fühlen. Wohnen und arbeiten werden hier eng beieinander liegen, aber so, dass die Industrie das Wohnen nicht stört. Viel Grün wird die Städte durchziehen.

Mit der Idee einer grünen Industriestadt haben sich die Planer bei den Auftraggebern durchgesetzt. Die chinesische Seite habe anfangs jeden grünen Fleck hinterfragt, erinnert sich Jocher: "Sie hatten Angst, wertvolle Nutzflächen zu verschenken." Dabei gebe es nichts wertvolleres als Grünflächen, gerade in einem Land wie China, das ständig mit Hochwasser zu kämpfen hat. Eine reine Betonstadt vergrößert die Gefahr von Flutkatastrophen. "Fink + Jocher" haben sich auch in München vom Nachbarland Holland inspirieren lassen - viele Deiche

Plan der geplanten Industriestadt Shangyou

Die zukünftige Industriestadt aus der Vogelperspektive

sind für die "New Industrial City" vorgesehen. Nur so könne man den hohen Grundwasserstand in den Griff bekommen, sagt Jocher.

Wahrer Bauboom

Bisher steht die geplante Küstenmetropole teilweise noch unter Wasser. Täglich graben Bohrer den nahegelegenen Berg an - Bagger tragen sein Gestein zur Küste. Dort schütten sie das Meerwasser auf und errichten Dämme. In nur drei Jahren sollen 60 Quadratkilometer neues Land entstehen. In wenigen Jahren werden hier Karaokebars, Hochhäuser und Fabriken blühen. Zwei Kraftwerke sind geplant.

Chinas ökonomische Öffnung hat einen wahren Bauboom ausgelöst. Und es sind vor allem deutsche Architekten und Stadtplaner, die in China arbeiten. Das bekannteste Beispiel ist der Frankfurter Albert Speer, der in Deutschland für den Masterplan der Expo 2000 zuständig war. Er gewann Wettbewerbe für Bürotürme und die Schanghaier U-Bahn. Nach seinen Plänen entsteht in Anting, wo im VW-Werk Santana, Passat und Polo vom Band laufen, eine internationale Autostadt. "Wir Europäer haben die Industrialisierung hinter uns. Wir haben Fehler gemacht und daraus gelernt. Unser Erfahrungsschatz nützt den Chinesen", sagt Thomas Jocher. Außerdem verbinde man in China mit deutscher Arbeit immer noch Qualität und gute Organisation.

Bauen im Eiltempo

Schnell, schnell, soll die neue Stadt fertig sein, wünschten

Ansicht der geplanten Industriestadt Shangyou

Grosse Brückenbauwerke sollen in Zukunft den Weg nach Schanghai verkürzen

sich die chinesischen Auftraggeber. Denn die Landflucht in China ist groß - alle Menschen wollen in die Städte, Bevölkerung und Wirtschaft wachsen im Eiltempo. Die Architekten "Fink + Jocher" hatten nur einen Bruchteil der für Deutschland üblichen Zeit, um den fertigen Masterplan vorzulegen. Das Projekt ist hundertmal größer, als all ihre bisherigen Stadtplanungen. Aber, bedauert Thomas Jocher, unter dem Anspruch der Hochgeschwindigkeit leide auch die Bauqualität in China.

Und auf die Gebäudeplanung hat das deutsche Architekturbüro keinen Einfluss. Oder vielleicht doch? Thomas Jocher wird im kommenden Semester an der Universität von Schanghai unterrichten. Mit den chinesischen Studenten will er Konzepte für dauerhafte und effiziente Bauweise erarbeiten - natürlich am Beispiel von HGNT. Bis dahin hat das Kind auch einen richtigen Namen.

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