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Wirtschaft

Meister im Export: Das deutsche Handwerk

Der Markt für Handwerker in Deutschland schwächelt - Schwarzarbeit und Lohndumping machen ihm zu schaffen. Deshalb suchen immer mehr Gesellen und Meister ihr Glück - erfolgreich - im Ausland. Warum sind sie so gefragt?

Handwerker beim Anzeichnen mit einer Wasserwaage über einer Tür (Archivbild, dpa)

Präzision und Termintreue werden mit deutschem Handwerk verbunden

Friedhelm Müller (Foto, privat)

Friedhelm Müller wandert aus

Morsbach an der Sieg. Friedhelm Müller legt konzentriert letzte Dinge in den Koffer, sein Telefon dabei immer in Reichweite. Er wartet auf den Anruf der Autowerkstatt. Wenn sein Wagen den Wintercheck durchlaufen hat, kann es losgehen. Spätestens um 22 Uhr. Eine Fahrt durch die Nacht, 1000 km gen Norden, in eine neue Zukunft. Um halb elf am nächsten Morgen legt die Fähre ab - nach Oslo, seiner neuen Heimat.

Das Einfamilienhaus, drei erwachsene Kinder und seine Ehefrau lässt er zurück, in der Hoffnung, dass sie ihm folgen wird, wenn alles gut geht. Friedhelm Müller ist gelernter Elektroinstallateur. Der 48-jährige ist einer der vielen Handwerker, die ihr Glück im Ausland suchen, weil sie in Deutschland wenig Perspektiven sehen.

Auf nach Norwegen

Sein neuer Arbeitgeber ist die Zeitarbeitsfirma Nordisk Handvaerk Aps. Fachkräfte wie Müller werden in Norwegen gesucht. Das Land saugt sie förmlich auf. Mehr als 53.000 Handwerker sollen es derzeit sein. Allein bei Nordisk Handvaerk Aps sind 240 Deutsche beschäftigt. Bei Projekten wie dem Neubau des Zentralkrankenhauses in Oslo, dem neuen Opernhaus der Stadt oder einer Feriensiedlung in Bergen wird auf den Baustellen auch deutsch gesprochen.

Lasse Schmackelsen, Arbeitsvermittler der Firma, hat überwiegend gute Erfahrungen mit deutschen Arbeitskräften gemacht. "Sie sind sehr motiviert", sagt er. Mit 21 Euro brutto die Stunde verdiene ein Handwerksgeselle in dem skandinavischen Land fast das doppelt so viel wie in Deutschland, wo der Schnitt bei etwa 11 Euro liege. Die höheren Lebenskosten werden teilweise ausgeglichen durch Zusatzleistungen der Arbeitgeber, wie Unterkunft und Berufskleidung.

Handwerkerausbildung hoch gelobt

Deutscher Elektriker auf einer Baustelle in der Schweiz

Deutscher Elektriker auf einer Baustelle in der Schweiz

"Deutsche Handwerker sind begehrt, weil sie sehr gut ausgebildet sind." Mit diesem Lob trifft Schmackelsen ins Mark des Handwerkerstolzes hierzulande. Das duale Ausbildungssystem, es verbindet die Berufsschulausbildung mit der Praxis im Betrieb, ist fast ein Erfolgsgarant in Europa. Drei Jahre dauert die Lehre. Einen selbstständigen Handwerksbetrieb darf nur eröffnen, wer einen Meisterbrief gemacht hat. Das bedeutet eine weitere praktische Lehrzeit von 3-5 Jahren bis zur Prüfung.

Nur Österreich und Luxemburg in Europa leisten sich ähnlich aufwändige Ausbildungsverfahren. "In den meisten europäischen Ländern ist die Ausbildung viel kürzer und zudem sehr verschult", sagt Alexander Legowski vom Zentralverband des deutschen Handwerks. "Nach der Ausbildung in Deutschland kann beispielsweise ein Fliesenleger alles auf seinem Gebiet, und er hat in der Praxis wichtige Tugenden wie Pünktlichkeit und Teamarbeit unter Beweis stellen müssen."

Expandieren im Ausland

Tischlermeister in Brandenburg, Archivbild, dpa

Tischlermeister in Brandenburg - gute alte Traditionen

Sechs Prozent des deutschen Handwerkerumsatzes wird derzeit im Ausland erwirtschaftet. Nicht durch die Leistung der Auswanderer, sondern durch Auslandsprojekte deutscher Betriebe. "Im Vergleich zur Industrie ist das nicht besonders viel", räumt Legowski ein. "In einer schwierigen konjunkturellen Lage erkennen aber viele Branchen die Chance, die das Ausland bietet." Auslandsaktivitäten seien aber nur dann möglich, wenn ein Betrieb in Deutschland auf mindestens zwei gesunden Beinen stehe. Der Vater in Deutschland, der Sohn im Ausland sei ein typisches Expansionskonzept auch für kleinere spezialisierte Betriebe in einer Größenordnung ab zehn Mitarbeitern, erzählt Legowski.

"Go East" ist ein neuer Trend in grenznahen Gebieten. "Die Oberschicht in Polen, Ungarn und Tschechien will ein Bad mit deutschem Standard, und dafür werden immer mehr deutsche Handwerker auch in Osteuropa beschäftigt", so Legowski. "Überall wo Kaufkraft da ist, sind deutsche Handwerker gefragt."

Made in Germany

Das kann auch Andreas Gfall bestätigen. Er ist Geschäftsführer von Bayern Handwerk International, einer Anlaufstelle für reise- und expansionswillige bayerische Handwerker. Österreich, die Schweiz, Italien und Spanien sind die beliebtesten Zielländer der Bayern. In Spanien sind deutsche Firmen verstärkt in typischen Urlaubsgebieten wie der Costa del Sol aktiv. "Deutsche Meisterqualität wird sehr geschätzt", sagt Gfall.

Ganz konkret zeigt sich das an Tischlermeister Hans Nottelmann. 2001 hat er in Deutschland seinen Meister gemacht und ist damit nach Spanien ausgewandert. In Sant Cugat, in der Nähe von Barcelona, führt der 32-Jährige heute einen eigenen Tischlereibetrieb mit einem Angestellten und einem Lehrling. Auf dem spanischen Markt arbeitet der Massivholzspezialist, nach eigenen Angaben, fast konkurrenzlos. "Nur wenige ältere Spanier beherrschen das Handwerk noch wirklich, nachdem in den 80er-Jahre die Handwerkslehre abgeschafft wurde", erklärt Hans Nottelmann.

Hans im Glück: Ein Tischler in Spanien

Handwerker aus der Baubranche (DW-TV 17.04.2007)

Auch Handwerker aus der Baubranche sind im Ausland sehr gefragt

Nachwuchsförderung ist in ganz Europa ein Problem. In seiner neuen Heimatstadt Sant Cugat engagiert sich Hans Nottelmann für eine bessere Ausbildungssituation und plant gemeinsam mit der Stadtverwaltung ein einjähriges Ausbildungsprogramm. "15 bis 20 Leute sollen ein Jahr lang Holzmöbel verschiedenster Art produzieren", erzählt er stolz. Diese sollen dann in Gebäuden des öffentlichen Dienstes genutzt werden.

"Als deutscher Tischler hat man hier sofort Arbeit", sagt Nottelmann, und hört sich dabei an wie Hans im Glück. Denn er hat nicht nur das Handwerk in Deutschland gelernt, sondern ist auch noch zweisprachig aufgewachsen. Spanisch spricht er von Kindesbeinen an. Und das ist ein entscheidender Vorteil.

Sprachkenntnisse notwendig

Nicht umsonst bemängelt Jobvermittler Lasse Schmackelsen fehlende Fremdsprachenkenntnisse bei deutschen Handwerkern.

Und auch Friedhelm Müller macht sich auf den Weg nach Norwegen, ohne die Sprache des Landes zu beherrschen. Aber immerhin spricht er Englisch. Zeit für einen Norwegischkurs bleibt erstmal nicht. In seiner dreimonatigen Probezeit muss er erstmal beweisen, dass er die hohen Erwartungen fachlich erfüllt.

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