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Kultur

"Meinungsfreiheit ist kein absoluter Wert"

Für sein Buch "Kirche und Macht" erteilte der Vatikan 1985 dem Befreiungstheologen Leonardo Boff Rede- und Lehrverbot. Mit DW-WORLD spricht er über interreligiösen Dialog, Karikaturenstreit und den deutschen Papst.

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Leonardo Boff in Porto Alegre 2005

DW-WORLD.DE: In Deutschland geht demnächst Popetown, eine Fernsehsatire über den Papst und den Vatikan auf Sendung. Was halten Sie von Satire über Religion oder religiöse Symbole?

Leonardo Boff: Satire und Humor haben ihren Platz in der Gesellschaft, aber alles hat Grenzen, besonders, wenn die Satire Werte und Symbole betrifft, die das Heilige darstellen, wie Mohammed, den Papst oder andere religiöse Oberhäupter. Die Meinungsfreiheit ist kein absoluter Wert. Ich finde es äußerst geschmacklos, Satire -wie jetzt bei Popetown- über den Papst und den Vatikan zu machen. Erstens, weil es den Glauben von Millionen von Katholiken beleidigt. Zweitens, weil es Dimensionen des Heiligen angreift, die im Zusammenhang mit diesen Personen und Institutionen stehen. Eine andere Sache wäre es, den Machtmissbrauch, die Zentralisierung der Kirche zu kritisieren, aber das erfordert immer Respekt, Toleranz und ein Gefühl für Grenzen.

Ist jetzt eine Satire-Welle über das Christentum und andere Religionen zu erwarten, nachdem der Streit um die Mohammed-Karikaturen so viel Medienecho bekam?

Das grundlegendste Gesetz, wonach die heutigen Gesellschaften handeln, wird vom Markt vorgeschrieben. Alles wird zur Ware, vom Sex bis zu der Heiligen Dreifaltigkeit. Mit allem kann man Geld machen. Diese Vermarktung aller Instanzen der Gesellschaft kann dazu führen, dass man Geschäfte macht mit Satire und andere Ausdrucksformen, die Autoritäten lächerlich machen. Die Gesellschaft muss Selbstkritik üben und sich fragen, wo die Grenzen sind. Alles hat seine Grenze, und wenn diese überschritten wird, sind wir nah am Verbrechen, nah am Bruch des sozialen Zusammenhalts. Das Leben und die Werte, die dem Leben Sinn geben und Millionen von Menschen mobilisieren, dürfen nicht zur Kommerzware gemacht werden. Ich denke, solche Phänomene zeigen, wie weit der Verfall der westlichen Kultur bereits fortgeschritten ist.

Sollte es in diesem Fall Zensur oder Selbstzensur geben?

Es geht nicht um Zensur oder Selbstzensur, sondern um eine Gesetzgebung, die sich eine Gesellschaft gibt, um zu bestimmen, was erlaubt und was nicht erlaubt ist. Es ist heute zum Beispiel klar, das man keine Nazipropaganda machen darf, keine Propaganda für den Terrorismus oder die Diskriminierung von Schwarzen oder HIV- Infizierten. All dies sind Straftaten, die das Gesetz ahndet und somit die Gesellschaft schützt. Es ist wichtig, dass es Selbstkritik gibt. Der Staat sollte in Sachen Zensur nur eingreifen, wenn Grenzen überschritten werden, die das Gemeinwohl betreffen und Leid und Diskriminierung für andere Menschen verursachen.

Sie sagten im Rahmen des Karikaturenstreits, dass der islamische Glaube den Westen hinterfragt. Inwiefern?

Der Westen durchläuft einen raschen Prozess der Säkularisierung. Diese hat damit die Religion, das Heilige, nicht eliminiert, hat sie aber der Subjektivität und Individualität überlassen. In diesem Sinn bedeutet Religionsfreiheit die Freiheit, keine Religion oder keinen Glauben zu haben. Das ist der Weg unserer Kultur seit der Aufklärung. Heute fragen wir uns, ob Religion nicht doch dabei hilft, einen sozialen Zusammenhalt zu schaffen und eine humanistische Ethik zu gründen. Es geht aber nicht um einen konfessionellen, sondern einen anthropologischen Glauben, eine Dimension des menschlichen Zusammenlebens.

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