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Kultur

Meine Stadt soll grüner werden

60 Prozent aller Deutschen wollen einen Garten, selbst wenn sie in der Großstadt wohnen. Neudeutsch heißt diese Sehnsucht "Urban Gardening". Der Trend wird immer stärker - warum eigentlich?

Eine bepflanzte alte Badewanne auf dem gehweg vor einem Haus (Foto: DW)

Urban Gardening ist ein Trend der Saison und vor allem ein Lieblingsthema der deutschen Medien. Dort, wo kein Beton ist, zum Beispiel um Bäume am Straßenrand, werden von den Anwohnern Blumen und Rasen gepflanzt und gehegt. Und das einfach so, ohne nach einer Genehmigung zu fragen! Manche Restaurantbesitzer stellen so viele Blumentöpfe vor ihr Geschäft, dass es aussieht wie vor einem Blumenladen.

Junge Frau - im Hintergrund ein Baum, Rasen um die Baumscheibe und eine Gießkanne (Foto: dpa)

Junge Großstädter wollen Bäume, Blumen, Rasen und eine Gießkanne

Andere nutzen freie Bodenflächen, so genanntes Brachland, um darauf Gemüse anzubauen und lernen so ihre Nachbarn besser kennen. Einen deutschen Begriff dafür gibt es noch nicht, dafür aber erste Erklärungsversuche. Vor Kurzem erschien das erste Buch zum Thema, herausgegeben von Christa Müller. Darin wird viel geredet von Widerstand gegen Neoliberalismus und der Suche nach Alternativen zum Supermarkt. Aber wie viel politische Aussage kann in einer wild angebauten Karotte stecken oder in einem Stiefmütterchen unter einem Straßenbaum?

Typisch deutsch!

Bert Beitmann ist einer der wenigen Gartenkunst-Experten in Deutschland. Urban Gardening als Lifestyle junger Menschen - weniger als Mittel der Armutsbekämpfung oder zum interkulturellen Kennenlernen, was es auch sein kann - hängt seiner Meinung nach vor allem mit zwei Dingen zusammen. "Die jungen Menschen suchen wieder mehr Natur und benutzen die Natur untereinander als Kommunikationsmittel." Das sei eine Reaktion auf einen im Unterbewussten wahrgenommenen Mangel, sagt Beitmann. "Durch unsere Zivilisation sind wir auf eine ganz andere Reizwelt hin ausgerichtet und werden deshalb häufig krank. Die Jugendlichen reagieren darauf vielleicht sensibler."

Gemälde: Die heilige Stunde (1905) von Ludwig Fahrenkrog

Typisches Lebensreform-Motiv: "Die heilige Stunde" (1905) von Ludwig Fahrenkrog

Diese Natur-Sehnsucht bei den Deutschen ist allerdings nicht neu - wie Wellen durchzieht sie die Kulturgeschichte der letzten Jahrhunderte. Schon die Romantiker flohen vor der Aufklärung in die Natur, besonders gerne in den Wald. Im Biedermeier baute sich das Bürgertum eine Mauer in den Garten, ließ Rosen daran ranken, pflanzte blühende Büsche neben Johannisbeeren, stellte Blumentöpfe auf den Rasen und lebte ein beschauliches Leben abseits der Politik, die man sowieso nicht beeinflussen konnte.

Vor 100 Jahren dann hatte die sogenannte Lebensreformbewegung auf das deutsche Bürgertum großen Einfluss. Aus Sicht der Reformer hatte die Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Städte und die Menschen verdorben. Homöopathie, Freikörperkultur, Yoga und Landkommunen wurden modern. Damals begann das, was auch heute in der Urban-Gardening-Bewegung wiederzufinden ist, weiß Bert Beitmann. "Unser moderner Individualismus, unser heutiges Körperbewusstsein, unser Gesundheitsbewusstsein und unser ökologisches Naturverständnis stammen aus dieser Zeit."

Neo-Spießer oder Revoluzzer?

Schrebergarten (Foto: Made in Germany, Köln)

Schrebergarten - auch eine typisch deutsche Garten-Tradition

Es habe schon immer Gärten und sogar Landwirtschaft in den Städten gegeben, sagt Stefanie Bock vom Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin - nur mit der Verdichtung der Städte verschwand ein Großteil dieser Flächen. Geblieben sind die innerstädtischen Schrebergärten. Sie gehen auf eine bald 150 Jahre alte sozialpolitische Bewegung zurück. Damals sollten sich die Stadtbewohner durch einen eigenen Garten mit frischem Obst und Gemüse versorgen können.

Urban Gardening entdeckt auch diese Tradition wieder und definiert sie um. Diese Entwicklung ist allerdings erstaunlich, denn Schrebergärten galten unter hippen Städtern noch vor kurzem als Hort von Spießigkeit. Inzwischen aber werkeln neue und alte Schrebergärtner nebeneinander und verhandeln über die richtige Höhe der Buchsbaumhecken.

Garten-Spaten steckt in der Erde (Foto: dpa)

Neues In-Accessoir für Großstädter

Es gibt also viele typisch deutsche Garten-Traditionen, die Urban Gardening erklären können. Aber es stecke auch explizit Neues hinter dem Phänomen, betont Stefanie Bock: "Die urbanen Gärtner setzen ihr Gärtnern in einen Bezug zur Stadtentwicklung. Sie wollen Stadt und Natur wieder zusammenbringen und teilhaben an der Stadt." Der Spaten, der in die Erde an der Straßenecke gesteckt wird, hat also auch etwas mit dem Aneignen-Wollen des Bodens zu tun, den man zwar nicht besitzt, aber auf dem man lebt. Außerdem wird nicht irgendwo versteckt hinter Zäunen und Hecken im Boden gewühlt, sondern an halb öffentlichen Plätzen. Frei nach dem Motto: Seht her, das ist auch meine Stadt!

Typisch Berlin?

Wenn man die Szene in Berlin - der Hochburg des Urban Gardenings in Deutschland - näher betrachtet, dann stößt man auf die typische Gemengelage aus Kreativkultur und Zwischennutzung von Brachflächen, die das Nachwende-Berlin weltweit berühmt machte. Das sei wahrscheinlich kein Zufall, sagt die Urbanistik-Forscherin Stefanie Bock. "Es könnte auch sein, dass sich in den urbanen Gärten die Off-Kultur fortsetzt, die es in Berlin nach der Wende in den illegalen Clubs und Freiräumen gab."

Frau sitzt im Liegestühl in einer Strandbar, dahinter Reste der Berliner Mauer

Strandbars: Berliner Off-Kultur um die Jahrtausendwende

Nur seien die Protagonisten heute andere: jüngere Menschen, mit anderen Bedürfnissen und anderen Erfahrungen. Traf man sich nach 1990 in illegalen Kellerclubs oder später in den Strandbars, um sich frei von kommerziellen Zwängen zu fühlen, so suche man sein Wohl heutzutage zwischen Gemüsebeeten.

Bald ein Thema für die Politik

Wissenschaftliche Studien über Urban Gardening gibt es noch keine, doch das Interesse am Trend ist groß. Das Institut für Urbanistik hat jüngst eine mehrtägige Tagung dazu veranstaltet. Dabei wurde prognostiziert, dass das Thema bald auch eines für Stadtpolitiker sein wird - wie umgehen mit dem grünen Wildwuchs mitten in der Stadt?

Gartenfachmann Bert Beitmann hat jedoch Zweifel, ob Kommunalpolitiker das richtige Gespür für das Thema haben. Gartenbau in Deutschland bewege sich zwischen zwei Polen. Auf der einen Seite gäbe es die derzeit vorherrschende wissenschaftlich-technische Freiraumplanung. Daneben existiere die an den Rand gedrängte traditionelle Gartenkunst, die einen romantisch-ästhetischen, also gefühlsmäßigen Bereich abdeckt. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass städtische Beamte mit großen Gefühlen an irgendwelche Aufgaben herangehen dürfen", sagt Beitmann. Er plädiert dafür, der Gartenkunst wieder einen höheren Stellenwert zu geben. Vielleicht würden dann die öffentlichen Parks und Gärten in den Städten wieder so liebenswert, dass die Sehnsucht nach anderen grünen Orten nicht mehr so groß sei.

Autor: Kay-Alexander Scholz

Redaktion: Marlis Schaum

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