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Kultur

Meine Datsche und ich

Warum zieht es so viele Deutsche ins idyllische Grün? Kleingärten sind der große Renner, seit Jahrzehnten wird hier gepflanzt, geerntet was das Grünzeug hergibt - und natürlich auch das Leben genossen.

Manni Täuscher und seine Gartenfreunde (Foto: DW/ Ronny Arnold)

Manfred Täuscher ist ein Pedant. Nichts anderes mag denken, wer hier in der Kleingartensparte "Friedenseck", weit im Leipziger Osten, das gepflegte Idyll des rüstigen Rentners betreten darf. 250 Quadratmeter ist sein Garten groß, und er könnte Preise mit ihm gewinnen, so hübsch aufgeräumt und bunt wie es hier aussieht. Akkurat gepflasterte Wege winden sich zwischen Gemüsebeet und Blumenrabatte, der exakt verschnittenen Buchsbaumhecke und dem gemütlichen Gartenhäuschen im hinteren Teil des kleinen Anwesens. Schon nach dem ersten kurzen Rundgang in der sengenden Nachmittagshitze steht fest: Unkraut findet hier nur, wer mit der Lupe anrückt.

Bestes Biogemüse

Das Thermometer auf der Schattenseite des Gartenhauses zeigt beachtliche 34 Grad. Und während der schlanke Rentner mit der markanten Glatze in der Nachmittagssonne steht und fröhlich das eigenhändig gepflanzte Gemüse anpreist, entspannt sich seine Frau, nur wenige Meter weiter, unter dem Sonnenschirm und liest ein Buch. Zehn Prozent seiner Gartenfläche müsse er bepflanzen, so stehe es im Vereinsstatut der Kleingärtnervereinigung, erklärt Manfred Täuscher. Bohnen wachsen hier neben Kartoffeln, Tomaten, dazwischen Radieschen, Möhren und ein paar schwarze Rettiche. "Alles Biogemüse! Und man merkt den Unterschied, ob man eine Tomate oder einen Kohlrabi aus dem Garten isst, oder ob man ihn von der Kaufhalle holt." Manfred Täuscher weiß, wovon er spricht, er ist seit 18 Jahren Kleingärtner – und das mit Herz und Seele.

Rentner haben Zeit

Die Kleingartensparte Friedenseck im Leipziger Osten (Foto: DW/ Ronny Arnold)

Hegen und pflegen

Den Großteil des Sommers verbringen Manfred Täuscher und seine Frau auf ihrer 250 Quadratmeter-Scholle. Fast jeden zweiten Tag seien sie hier, erzählt der braun gebrannte Gartenfreund, den im "Friedenseck" alle nur liebevoll Manni nennen. Rentner haben eben viel Zeit, meint er lachend. "Aber wir haben uns das auch verdient! Und - Gott sei Dank - kann und darf ein Rentner in diesem Staat sein Leben genießen." Ja, das Leben zu genießen, scheint hier prächtig zu funktionieren. Und nebenbei ein wenig Gemüse säen und ernten, Blumen züchten, ab und an den Rasen mähen und die Hecke schneiden.

Kleingärtner wie Manni Täuscher lieben die Arbeit an der frischen Luft, die ihnen nie langweilig zu werden scheint und nie ausgeht. 7000 Mark habe er damals für seinen Traum bezahlt und seitdem jede Menge Herzblut und auch einige Euros in sein Lieblingsprojekt gesteckt. "Das war eine halbe Wüste, als ich den Garten hier übernommen hatte, eine einzige große, zugewachsene Wiese." Seitdem ist einiges passiert, heute ist der Garten von Manni Täuscher eine blühende Oase. Glücklich und zufrieden lässt der Hobbygärtner kurz seinen Blick über die Beete schweifen. Dann, nur wenige Minuten später, kniet er bereits wieder zwischen Tomaten und Radieschen, um mit der Harke noch ein wenig die Erde aufzulockern.

Manni Täusch und seine Gartenfreunde (Foto: DW/ Ronny Arnold)

Der Abend kommt

Bier zum Feierabend

Gegen 17 Uhr hat dann auch Manfred Täuscher langsam Feierabend, doch nach Hause gehen mag er an diesem schönen Sommertag noch lange nicht. Zwei Gartenfreunde stehen bereits am Zaun, Manni lädt sie spontan auf ein Bier ein. Ihre Gärten liegen direkt nebenan. Fast jeden Tag sitzen sie beisammen, erzählt Torsten Kraft, seit elf Jahren Mannis Gartennachbar. Rentner Peter Erfurt, der dritte im Bunde, ist bereits seit 30 Jahren Kleingärtner. Gekauft habe er seinen Garten damals vor allem wegen der Kinder, damit sie hier in Ruhe spielen können. "Ich habe meinen Garten seit DDR-Zeiten. Da musste man zum Teil einige Jahre warten, um überhaupt einen zu kriegen." Die Kleinen sind mittlerweile groß, haben sein Haus längst verlassen. Doch der Kleingarten, der ist Peter Erfurt geblieben. "Die Gemeinschaft hier ist heute das Wichtigste. Man hat seine Gartenfreunde gesucht und gefunden." Das möchte er nicht mehr missen.

Verschenkte Gärten

Anno 2010 muss niemand mehr lange warten, um in Leipzig einen Kleingarten zu übernehmen. Hier im "Friedenseck" stehen von 80 Parzellen einige leer. Zum Teil würden die Gärten heute verschenkt, weiß Manfred Täuscher, und so langsam entdecke die jüngere Generation auch tatsächlich die Vorzüge des eigenen Grüns. Allerdings hätten die jungen Leute zum Teil andere Vorstellungen, wie ein schöner Garten auszusehen habe, vermutet der Rentner. "Die haben zwar schon Interesse, aber oft weniger am Anbauen von Blumen und Gemüse, sondern mehr an Sommer, Sonne und Halitatschi."

Ohne den deutschen Gartenzwerg geht es nicht(Foto: DW/ Ronny Arnold)

My home is my garden

Mit "Halitatschi" meint er wohl die Freude junger Menschen am Feiern und Ausruhen, dagegen weniger an gutem Biogemüse und gepflegten Blumenrabatten. Ein Generationenkonflikt, der auch vor Kleingärtnern nicht halt zu machen scheint. Manni Täuscher lacht, nimmt es halbwegs gelassen und stößt erst einmal mit den Gartenfreunden auf diesen schönen, warmen Sommerabend an. Sein idyllisches Kleinod wird er, der liebenswürdige Pedant, niemals aufgeben, egal wer irgendwann in der Nachbarschaft einzieht. "Ich bin in einem Garten groß geworden und ich sterbe auch mal in meinem Garten", meint er lächelnd zum Abschied. Einmal Kleingärtner, immer Kleingärtner. Und das bis zum allerletzten Tag.

Autor: Ronny Arnold

Redaktion: Conny Paul

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