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Bildung

Mein Tag auf der A 40

Drei Millionen Menschen auf der Autobahn, aber nicht im Auto, sondern zu Fuß, per Rad oder am Biertisch. Für die Aktion "Still-Leben" wurden 60 Kilometer Autobahn gesperrt. Studentin Donata Ritter war dort unterwegs.

Still-Leben auf der A40 (Foto: DW/Maksim Nelioubin)

Zu Fuß im Stau auf der A 40

"Dann geht mal los!", lautet die Anweisung. Aber wohin? Ich setze mich zuerst an den Biertisch, den man für uns auf der Höhe Essen-Frohnhausen reserviert hat. Mitten im Ruhrgebiet, mitten auf der Stadtautobahn, einem Teilstück der A 40. Normalerweise rauschen hier täglich weit über 100.000 Autos vorbei. Für die Anwohner eine Zumutung. Heute aber dürfen sie selbst auf die Straße - und zwar zum Feiern. Rechts und links von uns: lange Reihen ausklappbarer Holztische. Die insgesamt 20.000 Tische konnten Vereine, Nachbarn, Firmen oder sonstige Gruppen für diesen Tag mieten. Dafür gab es allerdings eine Bedingung: Jede Gruppe muss etwas machen, sei es Theater spielen, singen, malen oder Essen servieren. Was die Gruppen präsentieren wollten, blieb ihnen selbst überlassen.

Los geht’s

Der Tisch der Deutschen Welle auf der A 40 (Foto: DW/Chi Viet Giang )

Donata Ritter und Kollegen am Tisch der Deutschen Welle

Ich schaue noch einmal auf meinen Zettel, gehe noch einmal die Gruppen durch, die ich mir vorher aus dem Programm herausgesucht hatte: Ein Klassentreffen, das sich zum 40. Mal jährt, eine Initiative, die sich um die musikalische Bildung von Grundschulkindern kümmert, und eine 70er-Jahre-Party. Ich gehe von Tisch zu Tisch und versuche herauszufinden, was die einzelnen Gruppen darbieten. Oft ist es nicht ganz eindeutig, aber die Stimmung ist gut. Diese Aktion mit dem Namen "Still-Leben" ist nicht nur für die Anwohner der A 40, sondern auch für die Besucher einzigartig. Dort, wo sonst die Autos direkt an den Wohnhäusern vorbei fahren, sitzen heute Musiker, Köche und andere Alltagskünstler an der Leitplanke. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ich auf einer der am stärksten befahrenen Autobahnen Deutschlands spaziere – aber nicht nur zum Vergnügen, denn schließlich soll ich heute meinen ersten Bericht für das Internet schreiben. Durch mein Master-Studium "International Media Studies" bin ich theoretisch schon einigermaßen gut vorbereitet, aber die Praxis sieht dann doch anders aus. Es fühlt sich ein bisschen an wie der berühmte Sprung ins kalte Wasser. Aber ich freue mich auch auf die Aufgabe. Ich suche eine besonders interessante Gruppe, die soll ich porträtieren.

Kein Tisch ist wie der andere

Freunde feiern eine 70er-Jahre-Party auf der A 40 (Foto: DW/Donata Ritter)

Party auf der Autobahn: Die "Schlaghosen" feiern die 70er-Jahre ...

Ein Tisch in meiner Nähe ist besonders auffällig: Er ist mit einem Pavillon überdacht, darunter sitzen viele Personen mit orangefarbenen Kronen auf dem Kopf. Sie feiern den 80. Geburtstag von "Hinke", dem ältesten Familienmitglied der Familie de Klerck. Die Geburtstagstruppe ist eigens aus Holland angereist. Einige Tische daneben entdecke ich dann die 70er-Jahre-Party, die auf meiner Liste steht. Sie ist kaum zu übersehen: Bunte Sonnenschirme, mit Blümchen beklebt, ein alter Plattenspieler und Discokugeln. Hier bin ich richtig. Ich unterhalte mich mit den "Veranstaltern", einem Freundeskreis aus Essen. Sie freuen sich über meinen Besuch und erlauben mir, ihnen einige Fragen mit dem Aufnahmegerät zu stellen. Mittlerweile steht die Sonne schon hoch. Ich schalte das Gerät an. Während meines Studiums habe ich gelernt, vorher einen detaillierten Plan zu machen, wenn ich über etwas berichten möchte. Dies ist mein erster Einsatz – ohne einen richtigen Plan. Aber da die "Schlaghosen", wie sich die Freunde aus Essen nennen, sehr aufgeschlossen sind, fällt mir das Interview nicht schwer. Dass die Batterien nach dem letzten Satz ihren Geist aufgeben, nehme ich zum Anlass, einige Fotos zu machen.

Stau auf der A 40

Hinke de Klerck feiert ihren 80. Geburtstag auf der A 40 (Foto: DW/Donata Ritter)

... und Hinke de Klerck ihren 80. Geburtstag - mit drei Millionen Gästen.

Gegen Mittag wird es ganz schön voll. Ich stehe zum ersten Mal zu Fuß im Stau auf der Autobahn. Inzwischen hat auch die Sonne ihren Höhepunkt erreicht, und es wird richtig warm. Auch auf der Gegenspur, die zur sogenannten Mobilitätsspur erklärt wurde, geht gar nichts mehr. Eigentlich soll man dort mit dem Fahrrad auf der Autobahn fahren dürfen, aber auch die Radfahrer müssen absteigen und schieben. Da ich ohnehin nur langsam vorankomme, entschließe ich mich, den Rückweg anzutreten und "Hinke", die holländische Dame, auf ihrer Geburtstagsfeier zu besuchen. Dort angekommen frage ich sie, mit neuen Batterien im Aufnahmegerät, wie sie auf die Idee gekommen sei, ihren Geburtstag auf einer deutschen Autobahn zu feiern. "Ich habe das vor längerer Zeit schon in der Zeitung gelesen. Das ist doch mal ein spezieller Ort für eine Geburtstagsfeier!", lacht die 80-Jährige. Die Gäste wollen mich gleich dort behalten, aber ich kehre nach einem netten Gespräch mit den Geburtstagsgästen zu unserem Tisch zurück. Schließlich bin ich ja zum Arbeiten hier. Die Geburtstagsfeier hat mich am meisten fasziniert. Ich entschließe mich also dazu, einen Artikel über Hinke de Klercks Feier zu schreiben. Die Gruppe neben unserem Tisch fängt an zu singen, und ich suche ein Laptop. Das erste, das ich erwische, ist anscheinend kaputt. Also versuche ich es mit dem nächsten. Auch das funktioniert nicht. Mit dem dritten Computer kann ich dann endlich anfangen.

Erschwerte Bedingungen

Es ist gar nicht einfach, sich auf dem wohl größten Volksfest der Welt zu konzentrieren. 60 Kilometer Autobahn zwischen Duisburg und Dortmund sind für den Autoverkehr gesperrt. Überall Tische mit Aktionen, überall Besucher, die einmal im Leben zu Fuß auf der Autobahn unterwegs sein wollen. Es ist heiß, die Sonne behindert die Sicht auf dem Bildschirm des Laptops. Unser Sonnenschirm spendet nur wenig Schatten. Viele Leute kommen an unseren Tisch und stellen Fragen. "Was machen Sie denn heute hier?", "Wollen Sie auch etwas über uns schreiben?". Alle sind nett, nur fehlt es etwas an Ruhe zur Konzentration. Über Kopfhörer höre ich mir die aufgenommenen Interviews an. So gut es geht, schreibe ich meinen Artikel über den 80. Geburtstag nieder.

Ein guter Tag

Der Tisch der Deutschen Welle auf der A 40 (Foto: DW/Ramón García-Ziemsen)

Geschafft!

Inzwischen fangen die ersten Leute schon an, abzubauen. Ich sitze noch am Tisch und tippe. Meine Kollegen sind im Pressezentrum, um dort zu arbeiten. Dann beginne auch ich aufzuräumen, denn um 17 Uhr wird die Autobahn geräumt. Schließlich soll am nächsten Tag der Verkehr wieder ungehindert rollen. "Schade", meinen da nicht nur die Anwohner. Die Veranstalter sind mehr als zufrieden. Eine Million Besucher hatten sie erwartet, drei Millionen sind gekommen. Mit einer Sackkarre und der Datei auf meinem USB-Stick mache ich mich schließlich auch auf zum Pressezentrum, um meinen Artikel abzuschicken. "So was erlebt man schließlich nur einmal im Leben", den Satz habe ich an diesem Tag öfter gehört. Aber vielleicht gibt es ja doch noch eine Chance, denn nach dem großen Erfolg überlegen die Veranstalter, so eine Aktion wie "Still-Leben" zu wiederholen. Ich werde bestimmt wieder dabei sein, aber dann tausche ich das Mikrofon lieber gegen Wanderstock und Sonnencreme.

Autorin: Donata Ritter
Redaktion: Gaby Reucher


Donata Ritter studiert in Bonn "International Media Studies", einen Masterstudiengang der Deutschen Welle in Zusammenarbeit mit der Universität Bonn und der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg. Zur Zeit macht Donata Ritter ein Praktikum in der Kulturredaktion der Deutschen Welle. Ihr erster Online-Artikel ist als Link angehängt.

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