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Bücher

Mein Sommer-Lieblingsort: Sich verlieren im Kloster Maulbronn

Was geschieht, wenn Hitze und Sommerstimmung einen an einen Ort führen, der vom widerstrebenden Geist eines Dichters beseelt ist? Sabine Peschel lauscht dem Brunnen-Plätschern in den alten Gemäuern des Klosters.

Ein heißer Sommertag mit einem tiefblauen Himmel, an dem nur wenige Schönwetterwolken träge dahinziehen. Einer jener Tage, an denen man sich nach Stille sehnt, nach Tiefe und Unbeschwertheit. Ich weiß, wo ich all das suchen kann.

Maulbronn liegt ungefähr 50 Kilometer entfernt von dem Ort, den der Schriftsteller Hermann Hesse in seinen frühen Erzählungen Gerbersau nannte. Die Kleinstadt, in der er geboren wurde und in der er von 1886 bis 1890 zur Lateinschule ging, heißt in Wirklichkeit Calw. Inzwischen nennt sie sich nach ihrem großen Schriftsteller-Sohn Hesse-Stadt. Während meiner eigenen Schulzeit dort wurde das Gymnasium in Hermann-Hesse-Gymnasium umbenannt. Hesse hätte es gehasst, vermuteten wir Schüler. Wie sehr Hesse als Jugendlicher an der rigiden Pädagogik des schwäbischen Pietismus gelitten hat, lässt sich in seiner Erzählung "Unterm Rad" von 1903 nachlesen. Darin verarbeitete er auch seine traumatischen Erlebnisse im evangelischen Seminar der Klosterschule Maulbronn. Sein Vater, ein Indien-Missionar, hatte den begabten Rebellen dort ins Internat geschickt. Er sollte Theologe werden.

Innenbereich des Klosters Maulbronn (picture alliance/dpa/U. Deck)

Kloster Maulbronn

Beten und Arbeiten in Abgeschiedenheit

Als ich ankomme, liegt das Zisterzienserkloster Maulbronn in gleißendem Sonnenschein. Kaum ein Besucher überquert den weiten, autofreien Klosterhof. Nichts erinnert an die Wochenmärkte, die auch hier stattfinden, den Kräutermarkt im September oder gar den Weihnachtsmarkt. Die Anlage, die sich hinter dem Torhaus erstreckt, ist komplett erhalten. Die alten Wirtschaftsgebäude des Klosters beherbergen Behörden und die Stadthalle, der Marstall ist jetzt das Rathaus, die Küferei das Infozentrum - die Stadt Maulbronn lebt in enger Symbiose mit dem einstigen Kloster.

Dabei beabsichtigten die Mönche des französischen Zisterzienserordens genau das Gegenteil, als sie im Jahr 1147 ein Kloster in Maulbronn gründeten. Weit weg von den städtischen Sündenbabeln mit ihrem lauten Getöse und all den Verlockungen wollten sie in der Abgeschiedenheit des Salzach-Flusstals wieder den strengen Regeln folgen, die schon im 6. Jahrhundert die Benediktiner festgelegt hatten: Beten und Arbeiten.

Weltkulturerbe seit bald 25 Jahren

Ehemalige Wirtschaftsgebäude im Zisterzienserkloster Maulbronn (DW/S. Peschel)

Die ehemaligen Wirtschaftsgebäude des Zisterzienserklosters

Mühlen-Brunnen, so erklärt sich der Ortsname: Die Zisterzienser bauten immer an einem Wasserlauf, und sie waren wirtschaftlich erfolgreich. Die Früchte der Arbeit ihrer Laienbrüder kann ich heute noch in der unmittelbaren Umgebung erkennen. Hinter den alten Mauern ziehen sich Weinberge und Gärten den Hügel hinauf. Ein See, den die fleißigen Klosterbewohner, die nie richtige Mönche werden durften, angelegt haben, dient heute als Naturfreibad. Ihre Wassergräben und unterirdischen Kanäle sind Teil des Weltkulturerbes, zu dem die einmalige Klosteranlage seit 1993 gehört.

"Im Dezember nächsten Jahres sind wir 25 Jahre Weltkulturerbe", erzählt mir Peter Braun, Leiter der Klosterverwaltung Maulbronn. "In diesen Jahren hat das Land Baden-Württtemberg als Eigentümer rund 52 Millionen Euro zum Erhalt in die Anlage investiert. Wir werden das Jubiläum übernächstes Jahr im Frühsommer mit einem Festwochenende feiern", sagt er noch, ehe ich mich in den romanischen Rundbögen und gotischen Kreuzgangfenstern verliere.

Ein Kleinod: romanische und gotische Türen

Die Metallrestauratorin Elisabeth Krebs renoviert eine mittelalterliche Tür (DW/S. Peschel)

Die Metallrestauratorin Elisabeth Krebs renoviert eine mittelalterliche Tür

Zahlen passen nicht zu meiner sommerlichen Besinnlichkeit, aber ich nehme mir vor, wenigstens eines der Klosterkonzerte im Jubiläumsjahr mitzuerleben. Vorerst will ich in den alten Gemäuern den lebendigen Frieden spüren, dessentwegen ich gekommen bin. Und ich habe Glück: In der Kirche beobachte ich eine Restauratorin, die mit großer Ruhe und feinem Pinsel die Beschläge einer unscheinbaren, kleinen Türe ausbessert.

"In Maulbronn ist die Besonderheit, dass es noch sehr viele romanische und gotische Türen gibt. Das ist eine Seltenheit für Deutschland. Man hat sie meistens entfernt, weil man was Neueres wollte. Maulbronn hat sie bewahrt, das ist wirklich ein Kleinod", erklärt mir Elisabeth Krebs. Die Metallrestauratorin und ihre beiden Mitarbeiterinnen sind aus Wien gekommen, um die Türen zu bearbeiten. "Hier, diese Totentür war mal mit Stoff bespannt, hinter den Beschlägen kann man das noch erkennen. Die Beschläge sind noch gotisch, ganz was Besonderes." Auch das Hauptportal von 1188 sei teilweise noch mit Leder bespannt - etwas sehr Seltenes.

Schmiedeeiserne Türbeschläge im Zisterzienserkloster Maulbronn (DW/S. Peschel)

Die Türbeschläge am Hauptportal stammen aus dem 12. Jahrhundert

Man sieht nur, was man weiß, denke ich, und freue mich, wieder etwas Neues erfahren zu haben. Als ich mitten im Langschiff der Kirche stehe, um die spätmittelalterlichen Skulpturen und Schnitzereien zu bewundern, bannt mich noch ein Glücksmoment: Orgelprobe. Als die Kirche vor einigen Jahren saniert wurde, hatte sie auch eine neue Orgel bekommen. Hoch oben strömen herrliche Töne aus ihren Pfeifen, und ich darf sie ganz für mich allein genießen.

Berühmte Klosterschüler: Kepler, Hölderlin, Hesse

 Die neue Orgel (DW/S. Peschel)

Die neue Orgel - ihre Klänge füllen den Raum

Zum Schluss nimmt mich wieder der Kreuzgang auf, das Herz des Klosters aus Stein, Licht und Schatten. Sehr viele Jahrhunderte konnten ihn die bis zu 130 Mönche nicht für ihre Gebete und Bußgänge nutzen. Im Zuge der Reformation wurden sie ins Elsass vertrieben. 1556 kam das endgültig Aus für den Orden, indem in Maulbronn eine evangelische Klosterschule eingerichtet wurde. Einige berühmte Schüler haben ihre Spuren hinterlassen, darunter der Astronom Johannes Kepler und der Dichter Friedrich Hölderlin. "Johannes Kepler hat es damals so gut gefallen, dass er auch noch das dritte Jahr hier zur Schule ging, üblich waren damals zwei, die neunte und zehnte Klasse. Im Gegensatz zu Hermann Hesse, der musste nach sieben Monaten wieder gehen. Dem war es zu streng hier, der Satz 'Du sollst' hat ihm überhaupt nicht gefallen."

Angelika Braun, die mir das berichtet, lebt seit 27 Jahren auf dem Klostergelände. "Ich bin hier im Haus geboren, habe meine Kindheit im Klosterhof verbracht, der Kreuzgang war damals unser Spielplatz ." Nach ihrer Ausbildung kehrte sie als Museumspädagogin nach Maulbronn zurück. Hesses pubertären Leiden von damals, vor 125 Jahren, begegnet sie mit Fröhlichkeit. Ich muss intensiv an ihn denken, als ich im Kreuzgang vor dem berühmten Dreischalenbrunnen stehe. Welche Aufruhr hatte ihn damals dazu getrieben abzuhauen? Verzweiflung, Rebellion, ein homoerotisches Abenteuer?

"Der Brunnen klingend die Gewölbe dehnt"

Kreuzgang des Klosters ( DW/S. Peschel)

Im Kreuzgang

Auch sein Roman "Das Glasperlenspiel" trägt Züge von Maulbronn. Literarisch gehört Hermann Hesse längst nicht mehr zu meinen großen Helden, aber sein aufrührerischer Geist und sein zwiespältiges Verhältnis zu seiner Heimatregion bringen ihn mir sehr nah. Während ich im Kreuzgarten auf einer Steinbank sitze und dem friedlichen Plätschern des Brunnenwassers lausche, erinnere ich mich an sein Gedicht "Im Kreuzgang, 1914":

Verzaubert in der Jugend grünem Tale
steh ich am moosigen Säulenschaft gelehnt
und horche, wie in seiner kühlen Schale
der Brunnen klingend die Gewölbe dehnt.

(...)

Hier ward mein erster Jugendtraum zunichte,
an schlecht verheilter Jugend litt ich lang,
nun liegt er fern und ward zum Traumgesichte
und wird in guter Stunde zum Gesang.

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