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Kultur

Mein Sommer-Lieblingsort: Schlemmen auf der Thai-Wiese in Berlin

Für einen kurzen Urlaubseindruck von Südostasien muss unsere Autorin Nadine Wojcik nur wenige Stationen mit der U-Bahn fahren. Im Freestyle-Modus hat die thailändische Community einen Park für sich erobert.

Eine Wolke aus Rauch ist das erste, was ich sehe, als ich aus der U-Bahn steige. Über den Bäumen des Preußenparks, ein nicht weiter bemerkenswertes kleines Stück Grün, hängt eine Mischung aus Grilldampf und Küchendunst. Ich laufe auf einem breiten Schotterweg in den Park hinein, mit mir eine kleine Völkerwanderung an jungen, hippen Menschen. Der Preußenpark liegt in Berlin-Wilmersdorf, ein Stadtteil im Westen, eher bekannt für gehobenes Bürgertum und Damen mit Hut und Hündchen.

Je tiefer ich hineinlaufe, desto mehr werden meine Sinne herausgefordert. Zunächst die Ohren: Langsam baut sich eine Geräuschkulisse aus Gebrutzel und Geschnatter in singendem Thai auf. Dann die Nase: Mal süßlich, dann säuerlich, schließlich undefinierbar, aber in jedem Fall appetitanregend. Der Weg macht eine leichte Biegung, hinter größerem Sträucherwildwuchs eröffnet sie sich dann: die Thai-Wiese.

Frittierte Insekten aus ebenerdigen Garküchen

Sonnenschirm reiht sich an Sonnenschirm. Sie formen Verkaufsgassen auf dem verdorrten einstigen Rasen, der im Laufe des Sommers in Sandboden getrampelt wurde. Unter den Schirmen, es müssen so um die 60 sein, kochen Thailänderinnen in improvisierten Garküchen - dank mitgebrachter Gaskocher, auf dem Boden oder auf winzigen Plastikstühlen sitzend. Eine Miniaturausgabe dessen, was ich bisher nur in Südostasien gesehen habe.

Umgedrehte Kisten mit Plastikdecke dienen als Verkaufstresen, auf denen dann alles zu finden ist, was die thailändische Küche hergibt: Suppen mit Schweinefleisch oder Meeresgetier, gebratener Fisch, Papaya-Salat, gefüllte Teigtaschen, natürlich auch Thai-Curry und gebratene Reisnudeln, undefinierbare Fleischbällchen auf Spieß, frisches Obst in mundfertigen Portionen, glibberiger Nachtisch in neongrün, frische Trinkkokosnüsse, frittierte Insekten.

Ein opulentes Angebot. Obwohl ich schon ein paar Mal hier und auch in Südostasien war, bin ich erneut überfordert. Also beschließe ich, erst einmal eine Runde rund um die Thaiwiese zu drehen. In Berlin gibt es wirklich viele Märkte und Food-Events, aber was sich jeden Samstag und Sonntag hier im Preußenpark abspielt ist anders - und genau deswegen komme ich hierher: das Kochen und Verkaufen knapp über der verdorrten Grasnarbe, die Gerüche und das Essen so anders, fremd und zugleich exotisch.

Organisiertes Chaos

Es ist für mich einer der wenigen Orte in meiner Wahlheimat Berlin, an denen ich das Gefühl habe, von jetzt auf gleich weit weit weg geflogen zu sein. Auf dem Rasen hinter den Garküchen sitzen Hauptstadt-Hipster und schlemmen. Die Thai-Wiese - oder auch Thaipark genannt - ist schon lange kein Geheimtipp mehr, findet sich vielmehr mittlerweile auch in einigen Reiseführer.

Zwischendrin sitzen vereinzelt auch schlemmende Thais. Entstanden ist die Thai-Wiese in den 1990er Jahren. Damals traf sich hier die Thai-Community am Wochenende und brachte ihre heimatlichen Gerichte mit. Das wiederum soll deutsche Parkbesucher ermutigt haben, zu fragen, ob sie eine Portion abkaufen könnten.

Heute ist es hier streng durchorganisiert, auch wenn es für das deutsche Auge zuerst nach Chaos aussieht. Die Garküchen sind in Reih und Glied, die Topseller wie der Suppenstand oder die Teigtaschen positionieren sich immer am gleichen Ort. Am Abend wird eine selbst organisierte Müll-Crew den Preußenpark vorbildlich von allen Plastiktellern, Dosen und Essensresten befreien.

Mobile Massage, Pediküre und Glücksspiel

Ich habe mich mittlerweile akklimatisiert und entscheide mich für einen frischen Papaya-Salat, für den ich einige Minuten anstehen muss - es scheint sich rumgesprochen zu haben, dass in Gasse 2 der beste zu haben ist. Der Salat wird frisch zubereitet, wofür die Papaya mit einem speziellen Schäler in feine Streifen geschnitten, dann in einen überdimensionierten Mörser mit Gewürzen, Nüssen und Soßen gestampft wird. Ich zahle fünf Euro - soviel kosten hier die meisten Gerichte - und verziehe mich mit dem Plastikteller auf eine Parkbank am Rande des Treibens.

Neben den Garküchen beobachte ich mobile Masseure, die die Thaipark-Esser durchkneten, sowie Frauen, die auf einer Parkdecke Mani- und Pediküre anbieten. Unergründlich außerdem einige Glücksspielgemeinschaften, die sich mit ernsten Mienen auf Minitur-Plastikhockern um einen improvisierten Kartentisch beugen. Zwischendurch fährt im Schritttempo die Berliner Polizei den Parkweg entlang, bleibt auf der Höhe der Glücksspieler stehen, nicht jedoch um einzuschreiten, sondern um auf der gegenüberliegenden Seite mit den Bier trinkenden Männern auf der Parkbank zu quatschen.

Wohltuende Reglementier-Wut-Pause

Wie kann das sein? Bin ich hier wirklich in der deutschen Hauptstadt?, frage ich mich. Und ärgere mich gleichzeitig über diesen spießigen Gedanken, denn um Gottes Willen: Ja! Berliner Gesundheitsamt und Gastronomie-Verband, schreiten hier niemals ein! Natürlich haben die Behörden in der Vergangenheit immer wieder ein Auge auf das Treiben geworfen, es gab auch schon Anzeigen und verdeckte Ermittlungen, die aber wegen Nichtigkeit eingestellt wurden.

Essen, das auf dem Boden zubereitet wird. Nahrungsmittel, die im besten Fall in einer Kühltasche transportiert werden. Alkohol, der ohne Lizenz in Form von bunten Südsee-Cocktails ausgeschenkt wird. Neben dem guten Essen und dem kostenlosen Kurzausflug nach Südostasien ist dieser Rock'n'Roll der zweite Grund, warum ich so gerne hierher komme: Die deutsche Reglementier-Wut hat Pause - und die Welt dreht sich für kurze Zeit im thailändischen Freestyle-Modus weiter - an meinem Sommer-Lieblingsort.

 

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