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Kultur

Mein Sommer-Lieblingsort: Der Baum auf dem Hügel

In unserer neuen Reihe Sommer-Lieblingsorte nimmt Sie Klaus Krämer mit auf einen Hügel im Bergischen Land. Unter der alten Eiche, die dort steht, kommt ihm so mancher unverhoffte Gedanke...

Da steht er, mein Baum - meine Eiche. Eigentlich ist sie gar nicht meine Eiche, weil sie mir überhaupt nicht gehört. Im Herzen aber wird sie immer mein Baum sein. Wie ein Riese, ein Überlebender aus längst vergangener Zeit kommt er mir vor. Wie ein einsamer Wächter steht er auf seinem Hügel, wenige hundert Meter unterhalb des Dorfes. Schon von weitem ist er zu sehen, eine Landmarke, ein Orientierungspunkt.

Rund 200 Jahre mag er inzwischen zählen. Er steht dort wohl nur, weil zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als er noch ein Sprössling war, Rehe vergaßen, mit ihm ihren Hunger zu stillen. Vielleicht konnte er in seinen ersten Lebensjahren schon beobachten, wie das Heer Napoleons von Nord nach Ost über die Höhe oberhalb des Dorfes Steimelhagen zog, um dann 1812 beim Russlandfeldzug in einer der größten militärischen Katastrophen der Geschichte unterzugehen. Heute ist diese einst zur "Via regia" gehörende Handelsstraße nur noch ein unscheinbarer, schmaler Weg.

Standpunkt mit weitem Blick

Auf einem der südlichsten Höhenausläufer des Oberbergischen Kreises steht mein Baum. Bald kommt die Grenze zu Rheinland-Pfalz. Schemenhaft deutet sich einige Kilometer Luftlinie weiter das tief einschneidende Tal der Sieg an, bevor die Berge ansteigen, hinauf zum hohen Westerwald.

Dort hat mein Baum also seinen unverrückbaren Standpunkt mit Panoramablick. Von dort sieht er gern den Frühling weit übers Land schreiten, der ihn regelmäßig aus eisiger Wintermacht befreit. Dort lauscht er den vielen Geschichten, die ihm laue Sommerwinde zuflüstern. Dort stöhnt er im Herbst unter der brachialen Gewalt schwerer Stürme, die immer wieder versuchen, ihn zu bezwingen. Schadlos blieb er dabei keineswegs. Drei Jahrzehnte ist es her, dass ein Sommer-Orkan einen seiner drei vertikalen Hauptäste abriss. Seitdem wird er statisch ungleich belastet. Gefährlich! Deutlich sind seine Narben zu sehen und manche werden nie mehr verschwinden. Doch wie es scheint, kann ihn nichts umhauen - meinen Baum. Ob er wohl doch noch in die Unendlichkeit wächst, wie ich als Kind dachte?

Menschenfreundlicher Ort

Ein guter Freund aus längst vergangenen Tagen ist er. Und wie es scheint, kann der Zahn der Zeit auch seinen Wurzeln nichts anhaben. Getränkt wird er aus geheimnisvollen, tief verborgenen Quellen. Generation um Generation suchte unter seinem Kronendach Schutz und Schatten. Bauern machten Pause bei der mühsamen Feldarbeit, Familien ein Picknick. Und bis vor einigen Jahren wurde hier in sicherem Abstand traditionell das Osterfeuer entzündet. Mein Baum hat erlebt, wie schnell Menschen kommen - er weiß, wie schnell sie selbst und ihre Pläne von den Winden der Zeit verweht werden. Doch jeder, der sich je zu ihm gesellte, fand hier einen guten Ort. Tiere auch - Kühe, Arbeitsochsen, Ackergäule, das Wild. Und es hat ihn vermutlich nie gestört, wenn sich auch mal eine Sau an ihm kratzte.

Am liebsten sitze ich im Sommer sinnierend in einer der Mulden zwischen seinen Wurzelausläufern - gleich neben dem "Elefantenkopf". Dann kommt er mir vor wie ein weiser Greis; statt Falten hat er eine tiefe Rinde. Dann stelle ich mir vor, was er so alles gesehen und erlebt hat, mein Baum: Er kennt Kriege und Sorgen, Nöte, Dürren und manch andere bittere Plage. Aber auch Friedenszeiten, goldene Ährenfelder, reiche Ernten, poussierende Liebespaare, Kinder, die ausgelassen und heiter in seinen Ästen klettern - und so manchen schrägen Vogel, der ihn oben mit zwei Flügeln oder unten auf zwei Beinen umkreiste.

Schweigend mitteilen

Heute, in einer Zeit, in der manche glauben, immer mehr über das geheime Leben der Bäume und deren Kommunikation herauszufinden, steht meine Eiche allerdings noch immer stumm und stoisch auf íhrem Hügel. Schade, dass sie kein Mensch ist, denke ich. Denn wenn mein Baum ein Mensch wäre, würde ich ihn garantiert um seinen Rat für unsere vielschichtige, verwirrende und verworrene Zeit fragen.

Aber halt! Vielleicht gibt er mir ja doch so manchen Rat fürs Leben. Denn wie mir scheint, ist es entscheidend, einen stabilen Standpunkt zu haben und mit starken Wurzeln festen Grund zu greifen. Wurzeln, die außerdem nach gutem Wasser suchen - jenem Wasser, das Leben garantiert, dessen Kraft den Durst stillt, damit gute Früchte reifen können. Früchte, die einem selbst und anderen zugute kommen.

Und während an diesem Sommerabend ein nach frischem Heu duftender leichter Wind noch einige verirrte Schäfchenwolken heim ins Dunkel treibt, lasse ich ihn für diesmal zurück - meinen schweigsamen aber dennoch so mitteilsamen Baum auf dem Hügel.

 

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