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Politik

Mein Reise-Tagebuch: Unterwegs im Shanghai-Express

DW-Reporterin Sandra Petersmann berichtet eine Woche aus der chinesischen Metropole. Wenn Shanghai schläft, bleibt sie noch hellwach und schildert, wie sich Shanghai anfühlt und wie die Menschen dort fühlen.

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Nachtarbeiterin Sandra Petersmann

Sonntag, 30.08.09: Reizüberflutung

Aufhören!!! Bitte, bitte, bitte aufhören!!! Sonntagmorgen um halb neun in Shanghai. Wann hört diese verdammte Musik endlich auf? Seit einer geschlagenen halben Stunde plärrt „Die Internationale“, das Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung, in einer Endlosschleife aus Lautsprechern, die ich nicht sehen kann. Sie müssen riesig sein, wenn die Musik in dieser Eindringlichkeit trotz des allgegenwärtigen Baulärms bis zu mir nach oben durch das geschlossene Fenster in den 26. Stock dringt. Die unsichtbaren Mega-Boxen verzerren. Aber die Melodie ist eindeutig! Kein Zweifel. „Völker, hört die Signale. Auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht!“ So klingt das also auf Chinesisch…

Shanghai – die Stadt der Widersprüche

ARD Auslandsreportagefond

Baustelle des Shanghai Towers, der 600 Meter hoch werden soll

Die ersten paar Minuten empfinde ich das morgendliche Konzert als Geschenk. Wie verrückt ist das denn? Die mit Abstand modernste und kapitalistischste Stadt Chinas weckt mich ausgerechnet mit der „Internationalen“?!? Aber jetzt, nach mehr als einer geschlagenen halben Stunde, geht mir das Geplärre auf die Nerven! Ist ja gut, ich hab’s kapiert, denke ich mir und fange leise an zu fluchen … wobei, bei näherer Betrachtung zwingt mich die Dauerbeschallung zum Nachdenken. Ich bin in China, in einem kommunistischen Land. Aber das vergisst man manchmal in Shanghai.

Shanghai – die Stadt der Superlative

Bilder aus Shanghai von Sandra Petersmann

Sandra Petersmann vor einem Porträt von Mao

Ich stehe am Fenster meines Hotelzimmers im 26. Stock und gucke auf das Wolkenkratzermeer, auf gigantische Wohn- und Geschäftsblöcke. Auf Baustellen und Kräne. Endlos. Kein Horizont in Sicht. Ich bin seit anderthalb Tagen in Shanghai und komme aus dem Staunen nicht mehr raus. Totale Reizüberflutung. Alle Sinne spielen verrückt. Sieht so die Zukunft aus?

Überall wird gebaggert und gebaut. Überall schießen neue Wolkenkratzerburgen aus dem Boden, erbaut von einem millionenstarken Billig-Lohn-Heer aus Wanderarbeitern. Shanghai, das ist Raubtier-Kapitalismus und Kommunismus in einem. Shanghai, das ist die Zerstörung des Alten für das immer Neue. Shanghai, das sind Gucci und Prada und Rolex. Shanghai, das sind Millionen umgesiedelter Menschen in den neuen Trabantensiedlungen am Stadtrand. Fortschritt hat seinen Preis. In Shanghai, das wird auch mir als Neuling sofort klar, dreht sich alles um Wachstum und den Fortschritt und nicht um die Menschen, die mit dem Wachstum und dem Fortschritt nicht Schritt halten können.

Shanghai von oben

Baustelle in Shanghai

Baustelle 2

Trotzdem verlangt Shanghai mir gewaltigen Respekt ab. Die Stadt ist bewundernswert. Vor allem von oben. Aus den Fenstern der Bar im 88. Stock des Shanghai World Financial Centers in der gigantischen Neustadt Pudong. Pudong ist Shanghais Antwort auf Manhattan. Das World Financial Center ist ein futuristischer Wolkenkratzer aus Stahl und Glas, der aussieht wie ein Flaschenöffner. Das Gebäude ist knapp 500 Meter hoch. Die Bar ist ganz weit oben, die Fahrt mit dem Fahrstuhl sorgt für viel Druck auf den Ohren. Aber der leise Schmerz lohnt sich. Wer von da oben auf diese Stadt guckt, der ist verzückt und überwältigt und ein bisschen geschockt zugleich. Wahnsinn!!! Diese endlosen, einfach nur endlosen Wolkenkratzerberge. Diese Schluchten da unten. Der Blick schweift über den Fluss Huangpu Richtung Westen, nach Pushy, in das „alte“ Shanghai. Aber was, bitte schön, ist in Shanghai schon wirklich alt?

Gigantomanie

Baustelle in Shanghai

Baustelle 3

Das also ist die Stadt, über die alle sprechen! So sieht also das modernste Gesicht Chinas aus! Hier wird also die nächste Weltausstellung, die EXPO 2010, stattfinden. Es soll die größte und beste EXPO aller Zeiten werden. Natürlich! Was denn sonst in Shanghai? Ich glaube, ich sprenge gerade den Rahmen eines Tagebucheintrags. Das liegt an meiner Reizüberflutung! Ich lass’ es gut sein für heute. Ich bin ja noch ein paar Tage hier. Bis zum 7. September. Es gibt sooo viel zu berichten über diese rasant schnelle Stadt und ihre Menschen! Ich war noch nie in New York, Hongkong oder Tokio. Mir fehlen also die Vergleiche, aber für mich bekommt Modernität in Shanghai gerade eine neue Bedeutung. Mit einer großen Einschränkung! Ich habe in meinem Hotelzimmer natürlich ein Breitbandkabel für’s Internet liegen. Aber ich komme nicht auf die Seiten der Deutschen Welle.

Montag, 31.08.09 Das Leben ist eine Baustelle

Bilder aus Shanghai von Sandra Petersmann

Bauarbeiter-Unterkunft

Noch vier Wochen bis zur Bundestagswahl! Gestern waren wichtige Landtagswahlen im Saarland, in Sachsen und in Thüringen. Mal schnell gucken, was die Kollegen zu berichten haben: www.dw-world.de.... „Netzwerk-Zeitüberschreitung“ heißt es lapidar… Und damit hake ich dieses unerfreuliche Kapitel ab und gucke aus dem Fenster.

Eine Art Wetterbericht

Es regnet! Mir wurde vor meiner Ankunft gesagt, dass es extrem heiß und schwül sein würde in Shanghai, wenn ich komme. Das kann ich nicht bestätigen! Es ist weder heiß noch schwül! Und Shanghai ist viel, viel grüner, als ich je gedacht hätte! Das kann man sich nicht vorstellen, wenn man von oben, von den Schwindel erregenden Towern in Pudong in die Straßenschluchten und auf die gewaltigen Autobahnkreuze schaut. Aber beim Spaziergang durch die so genannte französische Konzession, das französische Viertel in der Altstadt, wandelt man tatsächlich unter Platanen! In einigen Straßen sind die Baumkronen so dicht zusammengewachsen, dass sie ein richtiges grünes Dach formen. Sogar die Blätter kann ich rauschen hören!

Das alte und so ganz andere Shanghai

Bilder aus Shanghai von Sandra Petersmann

Wanderarbeiter am Bau

Man kann sogar in die koloniale Vergangenheit Shanghais eintauchen. In den goldenen 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts galt die Stadt als Hure des Orients: Opiumhöllen, Glücksspiel, Alkohol in rauen Mengen, Prostitution. Hier also, im alten französischen Viertel, hat das enge Netz aus Straßen und Gassen, mit wunderschönen Eisentoren, knarrenden Holztreppen und kleinen Gärten den modernen Bauwahn überlebt. Hier hocken noch Menschen vor alten, zweigeschossigen Backsteinhäusern und spielen Karten oder das traditionelle Brettspiel Majong. Hier hängen alte Frauen mit langen Stangen Wäsche auf hoch hängende Leinen. Hier stehen Männer im Pyjama zusammen und rauchen und palavern. Hier teilen sich viele Bewohner immer noch Küche und Bad, denn ihre Wohnungen sind eng und haben keine eigene Küche oder ein eigenes Bad. Hier kommt mir Shanghai irgendwie viel chinesischer vor! Tue ich mich etwas schwer damit, mir China so modern und fast schon surreal urban vorzustellen?

Bilder aus Shanghai von Sandra Petersmann

Sandra Petersmann vor dem Haus, in dem die erste Versammlung der KPCh stattgefunden hat

Um das mal ganz klar zu sagen: ich lebe in Köln. Und Köln ist im Vergleich zu Shanghai bestenfalls ein kleines Kuhdorf! Der Spaziergang unter den Platanen hat mir aber gezeigt, dass Shanghai so viel mehr ist als nur Monster-Hochhäuser und immer neue Baustellen, für neue Wolkenkratzer, neue Straßen, neue U-Bahn-Schächte. Bevor mich die anhaltende Reizüberflutung komplett umhauen kann, schlägt mir Lorenz Wagener eine chinesische Fußmassage vor. Das soll Körper und Geist entspannen, für Einklang sorgen, Druck abbauen. Klingt super! Das lasse ich mir nicht zwei Mal sagen. Auf geht’s!

Dienstag, 01.09.09: Die Füße verlangen nach Schonung

ARD Auslandsreportagefond

Sandra Petersmann und Lorenz Wagener

Tut das guuuuuuuut! Meine Füße stecken in einem Holzeimer mit heißem Wasser! Das Badewasser ist mit einem Öl versetzt, das mich und meine Füße auf die Massage made in China vorbereiten soll! Ich sitze auf einem Hocker und genieße die sanfte Ruhe des Massagesalons. Hinter mir steht ein netter junger Mann, der meinen Nacken massiert. Ich wusste gar nicht, dass das auch zur Fußmassage gehört! Nach einer viertel Stunde darf ich die Füße aus dem Ölwasser nehmen und mich auf eine Liege legen. Auf der Liege neben mir genießt Lorenz die Wohltaten in vollen Zügen. Die wöchentliche Massage ist fester Bestandteil seines Lebens in Shanghai. Ich entschließe mich, vor meinem Rückflug nach Deutschland auf jeden Fall eine zweite Fußmassage zu buchen. Sicher ist sicher.

Bilder aus Shanghai von Sandra Petersmann

Das tut gut!

Meine Füße und Unterschenkel sind eingeölt und eingesalbt, sanfte Hände bearbeiten Zehen, Knöchel, Unterschenkel. Während ich total entspanne, plaudere ich mit Lorenz über Shanghai. Die Gefahr, dass man hier völlig ausbrennt, ist groß, erzählt er mir, und ich glaube ihm sofort! Der junge Mann mit den magischen Händen dreht auf: Er klopft mir mit schwingenden Plastik-Stäben, bloßen Händen und kleinen Holz-Klöppeln auf Unterschenkel und Füßen herum. Schade! Nach 45 Minuten ist alles vorbei. Ich fühle mich gut! Wirklich gut! Beschwingt verlasse ich den Massagesalon und kehre in den Betondschungel zurück.

Verkehrsregeln sind ziemlich unverbindlich

Bilder aus Shanghai von Sandra Petersmann

Sandra Petersmann in Shanghai

Verträumt mache ich mich zu Fuß auf den Weg … und bin in ernster Gefahr! Fußgänger leben in Shanghai lebensgefährlich. Ampeln sind nur Verhaltensvorschläge. Eine grüne Ampel mitsamt Zebrastreifen heißt noch lange nicht, dass die Autos anhalten. Im Gegenteil! Sie überholen sich sogar noch gegenseitig, obwohl eigentlich ICH Vorfahrt hätte! Mit meiner deutschen Verkehrserziehung komme ich hier nicht weiter. Also Schluss mit der Träumerei, Augen auf und überall! Rechne immer mit dem Unwahrscheinlichsten!

Bilder aus Shanghai von Sandra Petersmann

Ausstellung im Künstlerviertel

Ich bewege mich hier vor allem mit dem Taxi fort. Das ist im Vergleich zu Deutschland extrem billig, und Taxis gibt es überall. Einfach winken und rein springen. Nur zur Rushhour und wenn es regnet wird es kritisch mit Angebot und Nachfrage. Zweite kleinere Schwierigkeit: kaum ein Taxifahrer spricht Englisch, und ich spreche kein chinesisch. Aber ich bin inzwischen richtig gut darin, zu sagen, wo ich hin will. Man gibt die Adressen hier an, in dem man dem Taxifahrer die dazugehörige Straßenkreuzung sagt. Ich will jetzt zurück in mein Hotel, heißt: „Wanhangdu Lu, Kangding Lu“. „Lu“ bedeutet Straße. Das wiederhole ich so lange in wechselnder Intonation, bis von vorne eine Reaktion kommt.

Hotline für verzweifelte Fahrgäste

Im nächsten Jahr ist die EXPO in Shanghai. Bis dahin bekommen die Taxifahrer Englisch-Crashkurse verpasst. Eine kostenlose Hotline für verzweifelte Fahrgäste gibt es jetzt schon. Da kann man dann per Handy auf Englisch sagen, wo man hin will. Dann reicht man den Hörer für die Übersetzung an den Taxifahrer weiter. Ich schaffe es alleine. Als ich bezahle und aussteige, sagt mein Fahrer lachend „Sänck Ju!“ Ich fahre mit dem Fahrstuhl in den 26. Stock meines Hotels, blicke auf die Wolkenkratzerberge.

Mittwoch, 02.09.09: Taxifahren auf chinesisch

Bilder aus Shanghai von Sandra Petersmann

Sandra Petersmann vor Skyline von Shanghai

Da ist sie wieder! Die Internationale! Seit heute morgen halb neun. Immer und immer wieder! „Völker hört die Signale …!“ Wenn die so weitermachen, kann ich die bald auch auf chinesisch mitsingen! Wo sind diese Mega-Boxen, aus denen die Hymne der Arbeiterklasse als Endlosschleife plärrt? Gestern dachte ich zwischendurch mal, dass ich das Rätsel fast gelöst hätte. Ich las beim Frühstück in der „China Daily“, dass am Wochenende in Peking die Proben für die großen Feiern zum 60. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China begonnen haben! Am 1. Oktober gibt es Aufführungen und Paraden mit Arbeitern, Schülern, Studenten, Soldaten … und die brauchen natürlich die passende (Marsch-)Musik! Als ich das las, dachte ich mir sofort: na klar! Das große Jubiläum! Dafür probt auch Shanghai! Mit der Internationalen! Immerhin ist HIER die Kommunistische Partei Chinas gegründet worden, und nicht in Peking!

Die Detektivin in mir und eine Handvoll Überlebenstipps

Bilder aus Shanghai von Sandra Petersmann

Bauarbeiter in Shanghai

Ich nehme mir vor, ich werde diese Boxen finden! Ich will wissen, wie groß sie sind und wer dahinter steckt! Ich möchte den heutigen Tagebucheintrag mit ein paar gesicherten Erkenntnissen und Entdeckungen schließen. Über die Taxis und ihre Fahrer habe ich ja beim letzten Mal schon geschrieben. Hier nun ein wichtiger Nachtrag: Steige IMMER durch die RECHTE Hintertür auf den Rücksitz Deines Taxis! Wer es links wagt, begibt sich in Lebensgefahr. Denn auf der linken Seite tobt sich die Blechlawine aus – ohne Rücksicht auf Verluste seitens aussteigender Taxi-Gäste und Fußgänger. Auch Fahrradfahrer und Roller-Fahrer sind hier übrigens extrem rabiat!

Worauf man beim Taxifahren sonst noch achten sollte

Kaum ist man eingestiegen, beginnt die Bordbespaßung. Alle Taxis hier haben Bildschirme auf den Rückseiten der vorderen Kopfstützen eingebaut, so dass der Fahrgast beflimmert und beschallt wird. Nervtötend! Inzwischen habe ich den Knopf entdeckt, um den Ton abzustellen! Vorne am Armaturenbrett klebt die große Registrierkarte des Taxifahrers. Wenn die Registriernummer mit 30 oder 29 startet, entweder nach einem GPS gucken oder sofort wieder aussteigen! Das heißt nämlich, dass der Fahrer höchstwahrscheinlich erst seit ein paar Tagen in der Stadt ist! Shanghai ist auch für Chinesen ein Magnet! Merke also: je niedriger (von 30 gezählt abwärts) die Registriernummer, desto besser kennt sich der Fahrer aus.

Bilder aus Shanghai von Sandra Petersmann

Müllsammlerin

Und last but not least: Im Taxi wird munter geraucht. Shanghai ist Marlboro Country. Hier rauchen irgendwie alle. Überall. Ich habe noch nie so viele Kette-rauchende Menschen auf einen Haufen gesehen! Kaum ist die eine Zigarette verglüht, geht es mit der nächsten weiter. Im Restaurant, in der Bar, im Fahrstuhl, auf der Straße, im Geschäft, am Nachbartisch beim Hotelfrühstück.

Donnerstag, 03.09.09: Murmeltiertag in Shanghai

Bilder aus Shanghai von Sandra Petersmann

Spieler beim Majong, dem traditionellen Brettspiel

Und täglich grüßt das Murmeltier. Was soll ich sagen: Der Tag hat begonnen wie gestern: „Die Internationale“ plärrt von draußen durch das geschlossene Fenster zu mir ins Hotelzimmer hoch. Guten Morgen, Shanghai!

Kombinieren Sie, Watson!

Ich habe eine Idee, was es mit der Dauerbeschallung auf sich haben könnte: Direkt unter meinem Fenster schuften viele tausend Wanderarbeiter auf fünf gigantischen Baustellen. Sie müssen abends todmüde in die Etagenbetten in der mehrstöckigen, blauen Containersiedlung fallen, die aus der Bauwut heraus sticht. Woher ich weiß, dass das Etagenbetten sind? Kombiniert. Auch wenn es viele Container sind: Es sind noch mehr Menschen! Und die müssen irgendwo schlafen, gestapelt in Containern, nehme ich an. In der Zeitung habe ich gelesen, dass in Shanghai mehr als vier Millionen Wanderarbeiter (staatliche Zahl von 2007) unter erbärmlichen Umständen leben, um auf den Baustellen der Glitzermetropole zu schuften. Vermutlich soll die stundenlange, rhythmische Beschallung ihrem Arbeitseifer dienen. Bauen für die Nation! An die Arbeit! Das ist jedenfalls meine neueste Theorie. Gut möglich, sagt mir eine Kollegin, die schon mehrere Jahre hier lebt. Die Wanderarbeiter und Migranten sind das untere Ende der gesellschaftlichen Hierarchie.

Read it!

Lynn in Shanghai

Shanghai ist Lynns Traumstadt

Das obere Ende ist Multikulti! Und hier spielen Visitenkarten eine große Rolle. Die muss man immer dabei haben. Man reicht sie immer langsam und bedächtig mit beiden Händen und nimmt sie in gleicher Manier entgegen. Das machen die Chinesen so, und wer hier erfolgreich Geschäfte machen will, der muss es genauso machen. Ist auch viel schöner und zugewandter, als die Visitenkarte einfach achtlos über den Tisch zu schieben oder blick- und wortlos entgegenzunehmen und ungewürdigt wegzupacken. Hier nimmt man sich viel Zeit, um die Visitenkarte des anderen genau zu studieren. Wenn man dabei dann noch anerkennend lächelt, hat man alles richtig gemacht. Hier kann Deutschland von China lernen.

Deutsche duschen anders als Chinesen

Was ich persönlich gerade lerne ist, die ungewohnten menschlichen Geräusche zu ertragen: das ungehemmte Rotzen und Spucken auf der Straße, das laute Schlürfen und Schmatzen beim Essen! Andere Länder, andere Sitten! Mein nettes Zimmermädchen, das so gerne Englisch mit mir übt, wundert sich im Gegenzug darüber, warum ich nicht abends dusche! Für sie bedeutet das, dass ich dreckig ins Bett gehe. Für mich bedeutet die morgendliche Dusche, frisch und sauber in den Tag zu starten. Ob sie mich verstanden hat? Ich bin mir nicht sicher.


Freitag, 04.09.09: Lichter der Großstadt

Jayjay in Shanghai

JayJay wollte auch schon immer in Shanghai leben

Auf der musikalischen Baustelle zu Füßen meines Hotelzimmers im 26. Stock ist die ganze Nacht geschuftet worden. Flutlichtmasten haben das riesige Loch im Boden taghell erleuchtet. Um Lärm schert sich hier kein Mensch. Shanghai ist eine extrem laute Stadt. Wen stören da schon Presslufthämmer in der Nacht? Mich! Ich bin heute genau eine Woche in der Stadt. Und es gibt zwei Dinge, die ich hier wirklich vermisse: Stille und Natur! Was da zu meinen Füßen gebaut wird, kann ich nicht so genau sagen. Sieht nach U-Bahn-Trasse und U-Bahn-Station aus, aber beschwören will ich es nicht. Wenigstens haben die Bauherren in der Nacht auf meine neuen Lieblingslieder verzichtet.

Jetzt, am Nachmittag plärren indes selbstverständlich wieder Internationale und Chinas Nationalhymne. Wenn ich da unten Arbeiter wäre, wäre ich schon längst wahnsinnig geworden! Ich habe gestern Abend lange mit meiner Kollegin Astrid Freyeisen zusammen gesessen, die als Hörfunk-Korrespondentin der ARD in Shanghai lebt und arbeitet. Sie hat die Vermutung geäußert, dass es sich um eine staatliche Baustelle handeln muss. Wohl wahr.

Kommerz und Kommunismus

Bilder aus Shanghai von Sandra Petersmann

Müllsammlerin

Gerade löst die chinesische Nationalhymne wieder die „Internationale“ ab. Sind es vielleicht solche Momente, in denen man sogar in Shanghai merkt, dass China ein Land mit einem anderen politischen System ist? Ansonsten ist vom chinesischen Kommunismus in Shanghais Stadtbild eher wenig bis gar nichts zu spüren --- mal ausgenommen die einheitlichen Schuluniformen der Kinder mit den roten Halstüchern und der allgegenwärtigen chinesischen Flagge. Was in Shanghai sofort ins Auge sticht, ist der Kommerz, sind die glitzernden Konsumtempel, sind die großen Markennamen und die kreischend bunte Leuchtreklame am Abend. Sie sind alle hier. Armani. Gucci. Chanel. Calvin Klein. Rolex. Starbucks hat über 90 (!) Filialen in Shanghai, Tendenz steigend. Mehr als 1.100 deutsche Firmen sind zurzeit in Shanghai registriert. China, die Wirtschaftsmacht der Zukunft. Shanghai, ihr Motor und ihr modernstes Gesicht.

Momente, in denen Shanghai zum Träumen einlädt

Lynn und JayJay, zwei junge Chinesen, die bei dem deutschen Fotodienstleister Rimagine arbeiten, haben mir erzählt, dass Shanghai schon immer die Stadt ihrer Träume war --- „weil es so modern und so international ist, weil man hier seine Träume voll ausleben kann“. „Alle jungen Chinesen träumen von Shanghai“, erzählen sie mir. „Nirgendwo sonst begegnen sich Chinesen und Ausländer aus dem Westen unverkrampfter als in Shanghai“, sagt Lynn. Stimmt.

Bilder aus Shanghai von Sandra Petersmann

Unterwegs

Ich habe den Donnerstagabend mit Kollegin Freyeisen auf einer Dachterrasse am Prachtboulevard Bund verbracht. Um uns herum lauter international-chinesische Grüppchen. Lachend. Scherzend. Essend. Eher jung! Sehr trendy und chic! Der Bund ist DIE Flaniermeile am Huangpu im alten Teil der Stadt. Von hier aus hat man einen atemberaubenden Blick auf die surreal schöne, beleuchtete Skyline der Neustadt Pudong. Auf dem Huangpu schippern Schiffe vorbei. Ist das schön hier, denke ich andächtig und staune. Diese Stadt kann einen verzaubern, sie kann süchtig machen. Für den Moment! Was für ein Blick!

Zurück in der Realität

Auf dem Weg zurück ins Hotel am späten Abend prallen die Kontraste dann wieder aufeinander. Auf der Taxifahrt sehe ich eine zerlumpte Frau, die sich auf einer Fahrradrikscha abstrampelt und Müll sammelt. Sie hat riesige Bündel aus Papier und Plastik zusammengeschnürt. Ich sehe Straßenarbeiter und Baubrigaden unter Flutlichtmasten schuften. Wie sieht ihr Shanghai aus? Wovon träumen sie? Ich erinnere mich daran, dass Lynn von Rimagine mich gefragt hat, ob es in Berlin keine Armut gibt?

Sonntag, 06.09.09: Als Beifahrerin unterwegs im Shanghai-Express

Bilder aus Shanghai von Sandra Petersmann

Sandra Petersmann vor dem weltberühmten Bund, Shanghais Uferpromenade mit seinen prächtigen Kolonialbauten

Meine dritte und letzte Vollmond-Nacht in Shanghai: in ein paar Stunden steige ich in den Flieger Richtung Deutschland. Meine Zeit in der Wirtschaftswunderstadt an der chinesischen Ostküste ist rum. Den Abend habe ich mit Auswärtsspieler Lorenz Wagener verbracht. Er hatte das Freundschaftsspiel Deutschland-Südafrika in der vergangenen Nacht im Internet aufgenommen, dann heute tagsüber runter geladen, so dass wir es abends gucken konnten, bei Weißbier, Bratkartoffeln mit Rosmarin und Salat. So macht ein 2:0 der Mittelklasse Spaß. Das ganze Wochenende ist so gepflastert mit gemischten Eindrücken, dass Fußball definitiv das war, was meine Seele brauchte. Für Fußballverrückte ist so was immer noch die beste Medizin.

Vergiss den Potsdamer Platz!

Bilder aus Shanghai von Sandra Petersmann

Fahrrad eines Müllsammlers

Ich habe Shanghai an diesem Wochenende zu Fuß und im Beiwagen eines alten Motorrads erkundet. Und wo ich auch hinfuhr oder hinging: die Abrissbirne war nicht weit! Shanghai ist definitiv die größte Baustelle, die ich je gesehen habe --- viel mehr Baukräne und Baustellen als es in Berlin nach der Wiedervereinigung gab. Das ist jedenfalls mein Eindruck! Hier verschwinden ganze Straßenzüge über Nacht. Am nächsten morgen hat sich dann alles in Bauschutt verwandelt. Die traditionellen Gassen, in denen über Jahrzehnte auf engstem Raum und meist unter miserablen hygienischen Zuständen soziale Netzwerke und Nachbarschaften gewachsen sind, werden dem Erdboden gleichgemacht für die chinesische Moderne.

Die Kehrseite der Bauwut

Am Anfang freuen sich die Betroffenen, die umsiedeln müssen: Endlich keine Gemeinschaftsküche mehr! Endlich eine Toilette statt eines Toiletteneimers! Endlich ein Bad statt eines Gemeinschaftswasserhahns! Aber der Umzug bedeutet auch das Ende der Nachbarschaft und den Verlust des traditionellen sozialen Umfelds. Bei vielen setzt nach ein paar Monaten der Katzenjammer ein! Da werden Geschichte, Geschichten und Beziehungen dem Erdboden gleichgemacht! Das kann man gerade besonders gut im Stadtteil Hongkou im Norden Shanghais beobachten. Dort fanden während der Nazi-Zeit rund 20.000 deutsche und österreichische Juden Zuflucht. Gerade die alten Leute in Hongkou können sich noch sehr gut an die jüdischen Flüchtlinge erinnern, mit denen sie in einer Gasse und unter einem Dach gewohnt haben.

Abrissbirnen haben kein Mitleid

Bilder aus Shanghai von Sandra Petersmann

Keine Teilhabe an der Glitzerwelt

Aber jetzt verschwinden diese Gassen. Straßenzug um Straßenzug, und mit ihnen verschwindet das alte Shanghai und die jüdischen Spuren in dieser Stadt! Ich habe heute mit Kollegin Astrid Freyeisen vor der Ruine des „Weißen Rössl“ gestanden. Das war mal ein berühmtes jüdisches Caféhaus ... es ist ein Trauerspiel! Astrid hat immer wieder gesagt: „Das war beim letzten mal noch da …, nein, das darf doch nicht wahr sein, das ist ja auch weg“. Sie hat ein Buch über die Nazis in Shanghai geschrieben. Ich habe mir ganz fest vorgenommen, es zu lesen!

Bleibende Eindrücke

Was ich aber auch mit nach Hause nehmen werde nach 10 Tagen Shanghai: Bilder einer durch und durch internationalen Stadt! Shanghai ist eine Stadt der vereinten Nationen! Ich nehme Bilder einer Boom-Town mit, Bilder einer atemberaubenden Skyline bei Nacht! Bilder von neugierigen, freundlichen Menschen, die meine blonden Haare und meine lustige, lange Nase mögen. Bilder von Menschen, die mir viele Fettnäpfchen verzeihen! Und ich nehme die allgegenwärtige Werbung für die EXPO 2010 mit! Warum das EXPO-Maskottchen „Haibao“ allerdings aussieht wie das Karies-Männchen aus der deutschen Zahnpasta-Werbung, habe ich bis zum Abflug nicht raus finden können.Vielleicht hat der Künstler, der es entworfen hat, auch in der Nähe einer Baustelle gewohnt, wo die Internationale und die Nationalhymne den Takt für die Presslufthämmer vorgegeben haben?

Autor: Sandra Petersmann
Redaktion: Birgit Görtz