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Amerika

Mein Name ist Victoria

"Du bist nicht die Tochter Deiner Eltern": Mit diesen Worten erfuhr Victoria, dass ihr bisheriges Leben auf einer Lüge basierte. Ihre Biografie steht für viele, unter der Diktatur zwangsadoptierte Argentinier.

(Foto: Droemer Knaur/Alejandra López)

Im Gefängnis geboren und zwangsadoptiert: Victoria Donda

Erst vor fünf Jahren erfuhr die heute 32-jährige Victoria Donda von ihrer wahren Identität. Ihre biologischen Eltern waren Oppositionelle in der argentinischen Militärdiktatur. 1977 wurden sie - wie vermutlich 30.000 andere - von den Militärs verschleppt. In der berüchtigten Militärschule ESMA gefoltert. Anschließend betäubt und im Río de la Plata versenkt.

Die Nachricht, dass ihre Adoptiveltern nicht ihre wahren Eltern sind und sie Tochter von Verschwundenen ist, überfuhr Victoria wie ein Gewitter. "Es war, wie vier Eltern auf einmal zu verlieren. Es war hart." Sagt sie, während sich ihre großen dunkelen Augen mit Tränen füllen. Seit zwei Jahren sitzt sie für die linke Partei "Libres del Sur" im argentinischen Parlament. Dabei lässt ihr Äußeres nicht gleich auf eine Abgeordnete schließen: die schwarzen langen Haare, die lässig auf ihren Wollpulli fallen, Jeans, eine Klammer auf ihren Zähnen.

Foltergefängnis ESMA

(Foto: DW/Steffen Leidel)

Folterzentrum während der Militärdiktatur: Die Marineschule "ESMA"

Mit lebhaften Gesten berichtet Victoria Donda, wie es ihrer hochschwangeren Mutter in der ESMA erging. "Das erste Mal, als sie meine Mutter folterten, war mein Onkel im gleichen Raum, wo sie die Elektroschocks verabreichten." Den Schwangeren setzten sie die elektrischen Schläge am Bauch an. Scheinbar aus Schuldgefühlen habe Victorias Onkel, Adolfo Donda, angeordnet, seiner Schwägerin die Fußfesseln zu lösen, damit sie sich etwas bewegen könnte.

Obwohl sie mit Victoria im achten Monat schwanger war, habe sich ihre Mutter geweigert, dass man ihr die Fesseln abnahm. Dies berichten Zeitzeugen, die das Foltergefängnis überlebt haben. Von ihnen weiß Victoria Donda auch, dass ihre Mutter bis zum Schluss gekämpft hatte. Sie wollte nicht gegenüber anderen Gefangenen bevorzugt werden. Auch dass sie ihrer Tochter schließlich den Namen "Victoria" – "Sieg" - gab, sei Ausdruck ihres Kampfes gewesen. Wieder war es Victorias Onkel, der leibliche Bruder ihres Vaters, der auch ihre Entführung und Adoption veranlasste. Zwei Wochen, nachdem Victoria in der ESMA geboren war.

Die Adoptiveltern

Ehepaare, die sich ein Kind wünschten, konnten sich auf einer Liste eintragen. Das Privileg, ein neu geborenes Kind aus der ESMA zu erhalten, kam natürlich nur Regimeangehörigen oder Familien von Militärs zugute. Auf der Warteliste stand auch der damalige Unteroffizier der Küstenwache, Raúl, den Victoria die nächsten 27 Jahre für ihren Vater halten sollte.

Nur schwer kommt Victoria mit dem Zwiespalt zu Recht: Auf der einen Seite liebt sie ihn und beschreibt ihn als fürsorglichen und warmherzigen Vater. Auf der anderen Seite war er an Victorias Raub maßgeblich beteiligt. "Raúl hat ein Verbrechen begangen. Er befand sich zwar nicht in der Position, Befehle zu erlassen. Doch wenn man für das Sicherheitssystem arbeitet und man Dir ein Verbrechen aufträgt, bleibt es trotzdem ein Verbrechen." Stellt Victoria klar. Ihre Adoptivmutter dagegen nimmt Victoria in Schutz. Sie habe von all dem nichts gewusst.

Onkel Adolfo

Zorn und Fassungslosigkeit spürt Victoria bis heute, wenn sie an ihren Onkel Adolfo Donda denkt. Er war einer der Leiter in der ESMA, eines der bedeutendsten Foltergefängnisse während der Militärdiktatur. "Er war dafür verantwortlich, dass meine Eltern verschleppt wurden. Und er hat die Foltereinheiten meiner Mutter überwacht." Berichtet Victoria in trockenem Ton. Auch sei es dem Onkel zugefallen, über Leben und Tod zu entschieden. Somit habe er auch den Tod seines eigenen Bruders und den seiner Schwägerin auf dem Gewissen.

Doch damit nicht genug. Adolfo Donda nahm Victorias ältere Schwester zu sich und indoktrinierte sie so erfolgreich, dass sie noch heute ihre biologischen Eltern für Verbrecher hält.

Analía

Adelaida Molina, eine der Madres de la Plaza de Mayo, bei einer Demonstration in Buenos am 10. Dezember 2008(Foto: AP)

Kampf der Großmütter: Die "Madres de la Plaza de Mayo"

Und Victoria hieß fortan Analía. Ohne von ihren wahren Eltern und ihrem politischen Engagement zu ahnen, begeisterte sich Analía schon früh für soziale Arbeit. Mit 17 Jahren fing sie an, diese Arbeit mit der Politik zu verkoppeln. In der Universität suchte sie den Kontakt zu linken politischen Gruppen, organisierte Treffen, ging zu Demonstrationen.

Vor zwei Jahren wurde sie jüngste Abgeordnete im argentinischen Parlament. Mit ihrem konservativen Adoptivvater geriet sie wegen ihrer Ansichten manchmal aneinander. Doch ansonsten habe sie eine ganz normale Kindheit und Jugend verlebt, beschreibt Victoria. Bis das Lügengerüst in ihrem 27. Lebensjahr wie ein Kartenhaus zusammenfiel.

Der Kampf der Großmütter

Letztendlich ist es dem unermüdlichen Kampf der "Großmütter der Plaza de Mayo" zu verdanken, dass inzwischen 100 der rund 500 entführten Kinder aus dem Foltergefängnis wiedergefunden wurden. So auch Analía – nun Victoria. Sie war die 78., die von ihrer wahren Identität erfuhr. Ihre eigene Großmutter hatte die Institution der "Abuelas" mitbegründet. Auch heute noch setzen sie die Suche nach den zwangsadoptierten Enkeln fort. Victoria hofft auf Gerechtigkeit, so auch dass ihrem Onkel Adolfo Donda endlich der Prozess gemacht wird: "Ich will einfach, dass sie ihn verurteilen, weiter nichts."

Am 15. Februar ist Victoria Dondas Buch auf dem deutschen Markt erschienen: "Mein Name ist Victoria. Verschleppt von der Militärjunta. Ein argentinisches Familienschicksal."

Autorin: Tini von Poser

Redaktion: Sven Töniges