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Kultur

"Mein Lehrer heißt Mama": Homeschooling in den USA

Eine der großen Herausforderungen für Obama ist das amerikanische Bildungssystem. Ein Drittel der Schüler schafft den High School Abschluss nicht in der Regelzeit. Viele Eltern unterrichten deshalb ihre Kinder zu Hause.

Terry Appleton. Quelle: dw/Bergmann

Unterricht am Küchentisch: Terry Appleton ist gelernte Englisch-Lehrerin und unterrichtet ihre elfjährige Tochter Emma zuhause

Um das Bildungssystem in den USA ist es nicht gut bestellt. In der PISA-Studie liegen die USA weit zurück. 30 Prozent der Schüler schaffen es nicht, in den vorgesehenen zwölf Jahren ihren High School Abschluss zu machen. In afroamerikanischen und Latino-Familien ist die Quote noch wesentlich höher, das gleiche gilt für Kinder mit einkommensschwachen Eltern. Viel Arbeit für die neue US-Regierung.

Individuelle Betreuung

Schule USA. Quelle: ap

In kleinen Gruppen ist individuelle Förderung möglich

Immer mehr Eltern wollen nicht mehr auf Reformen warten: Sie werden selbst zu Lehrern. So Terry Appleton im Westen des US-Bundesstaates Virginia. Die beiden Jüngeren ihrer drei Kinder unterrichtet die gelernte Englischlehrerin zu Hause. In den USA ist "Homeschooling" erlaubt: Die elfjährige Emma und der dreizehnjährige Benjamin haben in den vergangenen Jahren keinen Fuß mehr in eine Schule gesetzt.

Ihre Mutter findet es hervorragend, dass sie zu Hause den Stoff ganz den Bedürfnissen der Kinder anpassen kann: "Homeschooling gibt einem die Möglichkeit, jede Frage zu beantworten", sagt sie. "Wenn ich Emmas Mathematikaufgaben kontrolliere, muss sie jedes Problem, das sie nicht verstanden hat, lösen."

Millionen Schüler bleiben zu Hause

Gewal unter Schülern. Quelle: dpa

Gewalt an der Schule schreckt viele Eltern ab

1,5 Millionen Kinder wurden in den USA im Jahr 2007 zuhause unterrichtet, wie die jüngste Untersuchung des US-Bildungsministeriums zeigt. Die befragten Eltern haben vor allem drei Gründe genannt, warum sie ihre Kinder nicht auf öffentliche Schulen schicken: Sie wollen sie nicht dem schlechten Schulklima aussetzen, sie wollen ihnen ihre eigenen religiösen und moralischen Werte weitergeben und sie sind mit der Leistungsvermittlung der Schulen unzufrieden.

Soziale Kompetenz?

Dass viele öffentliche Schulen, vor allem in sozialen Brennpunkten, Probleme haben, ist bekannt. Homeschooling sei in bestimmten Situationen eine Alternative, sagt Clive Belfield, Professor am Queens College in New York, der sich mit dem Thema Homeschooling und Privatisierung von Schulen beschäftigt hat.

Kinder in Vorschule. Quelle: ap

Schon kleine Kinder sollen gefördert werden

Aber bei allem Verständnis für genervte Eltern: Belfield fordert eine gewisse staatliche Aufsicht. Schulen würden nicht nur Wissen beibringen, sondern auch soziale Kompetenz fördern und andere Dienstleistungen bereitstellen - es gebe dort Ansprechpartner für Kinder, die zuhause Probleme haben. Die Schule kümmere sich zum Beispiel auch um die Gesundheitsvorsorge. "Das Schulsystem sorgt zum Beispiel für die Impfung der Kinder", sagt Belfield. "Wenn ein Kind nicht zur Schule geht, wird es vielleicht auch nicht geimpft, fürchten Kinderärzte."

Wachsame Nachbarn?

Die Homeschooling-Befürworter sehen das anders: Allein die Eltern seien für das Wohlergehen ihrer Kinder zuständig. Und schließlich gebe es ja auch genügend Nachbarn, Gemeinde- oder Familienmitglieder, die ein wachsames Auge auf den Nachwuchs hätten.

Für viele Amerikaner ist Homeschooling sowieso keine Alternative zu der öffentlichen Schule. Die Bildung von Kindern ist ein Fulltime-Job, der viel Geduld, Engagement und Zuwendung erfordert.

Kein Kind zurück lassen

Obama und Bush. Quelle: ap

Der Alte und der Neue: Obama will in der Bildungspolitik vieles besser machen als Bush

US-Präsident George W. Bush hatte die Verbesserung des öffentlichen Schulsystems gleich zu Beginn seiner Amtszeit zur Chefsache erklärt und das "No-Child-Left-Behind" Gesetz erlassen. Es sieht vor, dass Schulen dafür sorgen müssen, den Kindern ihrem Alter entsprechend Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Am Jahresende gibt es vergleichende Tests, die Schulen werden nach den Ergebnissen ihrer Schüler bewertet.

Doch das Gesetz ist umstritten. So hält Clive Belfield die vielen Tests für überflüssig. Schließlich wisse man auch so, dass die Qualifikation von Lehrern verbessert werden müsste. Außerdem müssten die Vorschulprogramme ausgeweitet werden und die Schul-Abbrecherquoten der High Schools gesenkt werden, fordert Belfield.

Wichtige Daten

Cynthia Brown vom "Center for American Progress", einer liberalen Denkfabrik in Washington, hat sich seit Jahrzehnten in verschiedenen Regierungsinstitutionen um die Verbesserung der Schulbildung gekümmert. Sie findet die Tests gut: "Zum ersten Mal haben wir Informationen über den unterschiedlichen Wissenstand von Minderheiten und weißen Kindern, Armen und Reichen, Muttersprachlern und denen, für die English die zweite Sprache ist. Wir hatten diese Daten bisher nie auf nationaler Ebene", sagt sie.

Herausforderung für neuen Minister

Duncan. Quelle: ap

Will das Bildungssystem reformieren: Arne Duncan

Arne Duncan, der designierte Bildungsminister der Regierung von Barack Obama, hat bereits in Chicago Erfahrungen gesammelt mit den Problemen von sozial benachteiligten Kindern - und wie man sie lösen kann. Er fordert finanzielle Anreize für gute Lehrer, die sich um diese Schüler kümmern. Grundsätzlich müsse Engagement belohnt werden. Lehrer sollten nach Leistung bezahlt werden, sagte er in seiner Senatsanhörung in dieser Woche. Und er erklärte auch: "Unsere Schultage sind zu kurz, die Woche ist zu kurz und auch das Schuljahr ist zu kurz."

Duncan will die Kinder möglichst schon dann fördern, wenn sie noch ganz jung sind. Und Duncan ist überzeugt, dass sogar Obamas Karriere einen positiven Effekt auf den Ehrgeiz und Lernwillen der Kinder haben könnte: "Die Symbolkraft von Barack Obama und seiner Frau ist außergewöhnlich", sagte er. "Jedes Kind in diesem Land kann zu ihnen aufblicken und sich sagen: Schau, was ich erreichen kann, wenn ich hart arbeite."

Mehr Kurse

Klasse. Quelle: dpa

Oft bieten große Schulen mehr Möglichkeiten

Viel erreichen wollen auch die Homeschooling-Kinder und ihre Eltern. So geht Josh, der Älteste der Appleton-Familie, seit der 9. Klasse wieder auf eine öffentliche Schule. Die Homeschooling-Zeit möchte er nicht missen, das Lernen war leichter und er saß nicht jeden Tag bis in die Nacht an den Schularbeiten. Dennoch findet er es gut, jetzt auf einer öffentlichen High School zu sein. "Man kann viel mehr Kurse auswählen", sagt er. "Ich lerne in der Schule zum Beispiel gerade Gitarre spielen und das könnte ich nicht, wenn meine Eltern mich unterrichten würden."

Wann und ob seine jüngeren Geschwister Emma und Benjamin wieder auf eine öffentliche Schule gehen, ist noch nicht entschieden. Rod, der Vater, will den Wechsel wie bei seinem ältesten Sohn in der High School vorzunehmen. "Sie nehmen in der High School andere Ideen und Ansichten auf - aber sie leben noch zu Hause. Man kann diese Dinge dann noch mit ihnen diskutieren", sagt er.

Außerdem müssten die Kinder schließlich auch lernen, mit anderen Erwachsenen als Lehrer klarzukommen. Damit sie auf die Universität vorbereitet sind. Denn spätestens da können die Eltern dann nicht mehr Lehrer spielen.

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