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Kultur

Mein Land Biladi

In Leipzig erarbeiten deutsche und palästinensische Jugendliche drei Wochen lang ein Theaterstück. Es geht um Grenzerfahrungen, Freiheit und alltägliche Probleme von jungen Menschen – hier und im Flüchtlingslager Jenin.

Mein Land Biladi. Ein deutsch-palästinensisches Bühnenprojekt im Leipziger Theater Spinnwerk (Foto: Friedrich Schmidt)

Haifa trägt ein graues Kopftuch, ihre Arme hängen schlaff herunter, ihre Augen blicken zu Boden. Ängstlich steht die 20-Jährige in der Mitte der großen Bühne des Leipziger Spinnwerks. Abwechselnd schreien zwei Soldaten auf sie ein, stoßen die junge Palästinenserin zu Boden, reißen ihr schließlich das Tuch vom Kopf. Die Waffen der beiden Grenzposten, gespielt von Tha’er Abdel und Abeer, sind nur aus neon-buntem Plastik. Doch das nimmt dieser Szene nichts von ihrer beklemmenden Wirkung. So sehe er aus, der Alltag an den israelischen Checkpoints im Westjordanland nahe Jenin, erzählen die jungen Schauspieler nach der Probe. Situationen wie diese kennen die drei von ihrem täglichen Weg zur Universität. Jeder müsse an diesen Checkpoints vorbei, seinen Ausweis zeigen, sich kontrollieren lassen. "Manchmal musst du stundenlang allein da sitzen und einfach nur warten. Frauen müssen häufig ihr Kopftuch abnehmen, das ist erniedrigend." Wer seine Angst zeige, werde von den Israelis dafür ausgelacht, erzählt die 19-jährige Abeer.

Getanzte Grenzerfahrungen

Bühnenszene mit Darsterinnen und Darstellern in Abwehrposition (Foto: Friedrich Schmidt)

Abwehr muss sein

"Mein Land Biladi" heißt das knapp einstündige Bühnenstück im Leipziger Spinnwerk, der jungen Bühne des großen Leipziger Centraltheaters. Die Darsteller sind zwischen 15 und 22 Jahre alt, neun von ihnen kommen aus Jenin, neun aus Leipzig. Gemeinsam spielen, zeigen, tanzen sie ihre persönlichen Grenzerfahrungen, die Probleme ihrer Generation. Die Szene am Checkpoint ist dabei die plakativste, meint Projektleiterin Katrin Richter, die die junge Gruppe gemeinsam mit ihrem palästinensischen Kollegen Nabil al Raee betreut. Jeweils zwei bis drei Schauspieler erarbeiten eine Szene von etwa drei Minuten. "Es geht viel um Familie, um Brüder, Schwestern, um den Verlust der Väter oder anderer wichtiger Menschen", erklärt die Theaterpädagogin. Aber auch um den Kampf gegen sich selbst, die Ängste junger Menschen, ihre Suche nach Orientierung. Auf der Bühne wird gestritten und getanzt, geschrien und geweint – nebenbei lernen die Jugendlichen die Lebenswelten der Anderen kennen.

Die Befreiung Palästinas

Jugendliche sprechen über die Theaterszenen von Mein Land Biladi (Foto: Friedrich Schmidt)

Darüber sprechen muss sein

Seit drei Wochen arbeitet die Gruppe zusammen, intensiv von Morgens bis Abends. In Berlin haben sie einen Tanzworkshop besucht, jetzt entstehen hier in Leipzig die einzelnen Szenen. Für die Palästinenser ist die Befreiung ihres Landes eines der wichtigsten Themen überhaut – auch für die Jugendlichen, die nun hier in Leipzig auf der Bühne stehen. Sie sind geprägt vom Jahrzehnte dauernden Kampf gegen die israelische Besatzung. Doch davon wollte sich die deutsche Schauspieltruppe nicht vereinnahmen lassen, so Katrin Richter.

Was nun entsteht, ist eine Mischung aus politischen und persönlichen Geschichten. Die zentralen Fragen: Was bedeutet mir meine eigene Freiheit? Wie kann ich mich gegen Widerstände wehren? Woher kommen meine Angst, mein Schmerz, meine Leidenschaft? Toni aus Leipzig, bunte Haare, Spitzname Blume und Tha’er Ahmed aus einer kleinen Stadt nahe Jenin, proben gerade ihren Einsatz. Wütend rollen die beiden 20jährigen über den Theaterboden. Sie sind Einzelkämpfer, die sich wehren müssen. Tha’er Ahmeds Thema ist der Nah-Ost-Konflikt, Blume kämpft gegen den Feind in sich selbst. "Ich habe Krebs und das Recht zu überleben – dafür kämpfe ich. Und Tha’er hat ebenfalls das Recht sich zu wehren, wenn er persönlich angegriffen oder seine Familie getötet wird." Laut hallen die wütenden Kampfschreie der beiden durch den Theaterraum.

Modernes Mädchen

Derweil sitzt Katrin Richter im Projektbüro und bespricht weitere Szenen. Jessicas und Thawras Thema sind ihre Väter. Die 17-jährige Jessica hat ihren nie kennen gelernt, die 22-jährige Thawra ihren erst mit acht Jahren. Da kam er gerade aus israelischer Haft frei, seitdem ist ihr Verhältnis schwierig. Sie habe es schwer, sich gegen die traditionellen Vorstellungen ihrer Familie durchzusetzen, so die junge Palästinenserin. "Es ist hart für mich als modernes palästinensisches Mädchen im sehr traditionell, konservativ geprägten Jenin." Trotzdem studiert sie Kriminologie und versucht, ihren Weg zu gehen. Die drei Wochen in Leipzig findet sie wunderbar, es ist das erste Mal, dass sie aus Palästina heraus kommt. Deutschland findet sie fortschrittlich und schön, alles sei anders. "Dagegen leben wir in Jenin wie in einem Gefängnis", so die 22-Jährige. Theater des Friedens

Eine Gruppe Jugendlicher sitzt auf Stühlen. an ihnen vorbei läuft ein Mädchen, das in Bewegungsunschärfe abgebildet ist (Foto: Friedrich Schmidt)

Harte Arbeit muss sein

Mitten in diesem Gefängnis, mitten im Flüchtlingslager Jenin, steht das "Freedom Theatre". Von da kommen die neun jungen Palästinenser, gemeinsam mit dem Theaterregisseur Nabil al Raee. Das "Freedom Theatre" stehe für die besondere Kraft der Kunst, erklärt der zweite Projektleiter neben Katrin Richter. Die Arbeit im Konfliktgebiet sei schwierig, Israelis und Palästinenser hätten das Haus bereits angegriffen. "Wir haben in unserem "Freedom Theatre" einen Weg gefunden, der israelischen Besatzung zu begegnen." so der 29jährige Palästinenser. "Wir tun das mit friedlichen Mitteln, mit Kunst, Performance, Theater und Kino." Die Jugendlichen sollen alternative Wege erfahren, nicht den Kampf ihrer Eltern mit der Waffe in der Hand fortführen, sondern ihren Protest friedlich zeigen können. Nabil al Raee nennt das "kulturellen Widerstand leisten". Besonders gut an diesem Projekt sei es, dass die Palästinenser hier in Leipzig eine andere Kultur kennen lernen und die Probleme ihrer deutschen Altersgenossen. "Es sind zum Teil andere Widerstände, gegen die die jungen Leute hier ankämpfen. Andererseits haben sie aber auch dieselben Teenagerprobleme wie unsere Jugendlichen."

Wie es in Jenin aussieht, können sich die wenigsten aus der deutschen Theatergruppe bislang vorstellen. Im Sommer aber werden sie in die palästinensischen Gebiete fahren, am "Freedom Theatre" weiterarbeiten. Dann werden sie vielleicht besser verstehen, warum selbst die Theaterarbeit der Palästinenser so sehr politisch ist.

Autor: Ronny Arnold

Redaktion: Conny Paul