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Politik

"Mein Kopf ist voller Ideen"

Der polnische Ex-Präsident Lech Walesa äußert sich in einem Interview mit DW-WORLD selbstbewusst zur aktuellen Stimmung in seinem Land, dem Irak-Krieg und den deutsch-polnischen Beziehungen.

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Friedensnobelpreisträger Lech Walesa

DW-WORLD: Was machen Sie zurzeit und wo sehen Sie Ihre Rolle heute?

Lech Walesa: Ich halte Vorträge, unter anderem in Holland. Ich habe noch viel vor in diesem Jahr, mein Kopf ist voller Ideen und Pläne. Früher habe ich die Richtung angegeben, heute setzen andere diese Ideen um. Mein historischer Verdienst steht außer Frage, aber heute sind die Zeiten ganz andere. Trotzdem versuche ich, auch in Polen weiterhin positiv zu wirken.

Werden Sie noch einmal für das Amt des Präsidenten kandidieren?

Ja, ich werde wieder versuchen zu kandidieren. Wenn im nächsten Jahr gewählt wird, wird Polen wahrscheinlich die EU wieder verlassen wollen. Wir werden sehr unzufrieden mit der EU sein. Dagegen werde ich angehen. Ich werde nicht erlauben, dass Polen die EU wieder verlässt. Meine Argumente werden richtig sein, aber trotzdem werde ich die Wahl wohl verlieren.

Auch viele Arbeiter würden sie heute nicht mehr wählen. Woran liegt das?

Der Preis für den Systemwechsel war hoch, das zeigt unter anderem die hohe Arbeitslosigkeit in Polen. Aber wir sollten die Arbeiter fragen: Wollt Ihr den Kommunismus zurück? Ich bin der Verursacher der heutigen Situation, ich habe diesen Kampf geführt. Nur ich war das, nicht etwa Gorbatschow. Deshalb muss ich jetzt auch die Rechnung dafür bezahlen. Ich habe ein Büro, habe nicht schlecht verdient, aber viele Menschen sind arbeitslos und deshalb neidisch. Vielleicht wäre es denen lieber, wenn ich jetzt auch arbeitslos wäre. Aber habe ich deswegen falsch gehandelt? Je mehr ich heute auf den Deckel bekomme, desto mehr Denkmäler werde ich morgen haben.

Gibt es etwas, wofür Sie heute noch auf die Straße gehen würden?

Nein. Im 20. Jahrhundert war die Welt geteilt und voller Verbote. Da war es normal, dass die Menschen demonstriert und mit Steinen geworfen haben. Das 21. Jahrhundert ist eine ganz andere Epoche. Es ist das Zeitalter des Intellekts, der Information, der Globalisierung. Was auch immer wir uns ausdenken, das können wir umsetzen. Jeder von uns hat das Recht, Präsident zu werden oder Parlamentarier. Es ist also nicht mehr angebracht, mit Steinen zu werfen. Deshalb gehe ich nicht mehr auf die Straße – höchstens, um zu zeigen, wie zufrieden ich bin.

Hätten Sie auch polnische Truppen in den Irak geschickt?

Nein, das hätte ich nicht getan, wenn ich Präsident gewesen wäre. Ich hätte mich mit den Regierungschefs von Deutschland und Frankreich getroffen und eine einheitliche europäische Position herbeigeführt. Nicht die USA, sondern die EU hat Schuld am Irak-Krieg, vor allem Deutschland und Frankreich. Sie haben es versäumt, ein Treffen zwischen den alten und den neuen Mitgliedsstaaten zu organisieren. So eine wichtige Organisation wie die EU hätte in dieser Frage unbedingt eine einheitliche Meinung haben müssen. Diese Meinung hätten die USA dann nicht ignorieren können. Aber so war es nicht, und deswegen haben wir jetzt Krieg. Deutschland und Frankreich tragen dafür die Verantwortung.

Wie sehen Sie das deutsch-polnische Verhältnis heute?

Die Deutschen sind immer noch sehr mit der Wiedervereinigung beschäftigt. Sie engagieren sich daher nicht so stark, wie wir das gerne hätten. Das Drama ist doch: Wir haben eine neue Epoche, aber noch das alte Denken, etwa beim Streit über die EU-Verfassung. Da wird so gehandelt, als sei die EU nur für Deutschland oder für Frankreich da. Das ist doch ein alter Hut und passt nicht zum neuen Zeitalter des Intellekts. Die Einteilung nach Nationalitäten ist überholt. Es gibt heutzutage nur noch Kluge und Dumme, Fleißige und Faule. Und wir alle müssen endlich lernen, global zu denken.

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