Mein Europa: Zweierlei Standards - auch im Kriegsgebiet | Europa | DW | 19.01.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Gastkolumne

Mein Europa: Zweierlei Standards - auch im Kriegsgebiet

Der Krieg hat ihn immer abgestoßen - und trotzdem wurde Paweł Pieniążek Kriegsreporter. Selbst unter Journalisten und mitten in den Kampfgebieten erlebt der junge Pole, dass es ein Europa der zwei Geschwindigkeiten gibt.

In Syrien, im Irak und auch im Donbass tobt der Krieg. Es wird täglich geschossen, gelitten, gestorben. Doch abgesehen von den Flüchtlingsströmen merkt es Europa kaum jemand und alle wiegen sich weiter in Sicherheit. Das alles geschieht ja anderswo, weit weg. Insbesondere in Osteuropa fehlt das Bewusstsein, dass der Krieg doch etwas alltägliches ist. Berichte von Kriegsreportern sind dort sehr viel seltener als im Westen. So können Gesellschaften keine Empathie entwickeln - weder mit anderen Völkern, noch mit Flüchtlingen und Bedürftigen.

Ich schreibe zurzeit aus Kobane in Nordsyrien. Zuvor war ich in Rakka. Dort wurde ich als Reporter von kurdischen Kämpfern in einem militärischen Geländewagen, einem echten Humvee chauffiert. In Rakka sind Panzerwagen das übliche Verkehrsmittel, wenn man ins Stadtinnere fahren will. Aus manchen kann man kaum hinaus schauen, weil das Glas der kugelsicheren Fenster nach Beschuss einem Spinnennetz gleicht.

In einem Humvee ist man höchst konzentriert. Er bremst und wendet ruckartig, niemals darf der Motor ausgehen. Als ich vor Ort war, haben die von den USA unterstützten kurdischen und arabischen Kräfte heftig gegen den sogenannten "Islamischen Staat" (IS) gekämpft. Rakka lag stets unter einer Staubwolke, überall Rauch. Die Flugzeuge warfen weiter Bomben ab, sogar auf Bezirke, die längst zerstört waren. In den Kämpfen um Rakka sollen mehr als 3200 Menschen umgekommen sein, ein Drittel davon Zivilisten. Ich habe noch nie eine so stark zerstörte Stadt gesehen wie Rakka.

Als Grünschnabel im Krieg unterwegs

Es ist mein viertes Jahr als Kriegsreporter. 2013 war ich als freier Journalist auf dem Majdan in Kiew. Rund 100 Menschen starben bei den Protesten. Als es vorbei war, fuhr ich nicht zurück nach Polen, sondern in den Donbass. Ich hatte keine Ahnung, dass es dort nicht mehr um Proteste ging, sondern der Krieg begann.

Ukraine Armee in der Ostukraine (DW/A. Magazova)

Die meiste Zeit im Krieg wartet man

Im Gepäck hatte ich eine Leuchtweste. Ich war ein Grünschnabel, ohne jede Erfahrung in Kriegsgebieten. Ich reifte mit dem Konflikt und mit der Hilfe erfahrener Kriegsreporter. Als ich im Donbass war, fragte nur eine einzige Redaktion nach, ob ich eigentlich eine kugelsichere Weste hätte. Ich hatte keine. Auch ein Sicherheitstraining hatte ich noch nicht. Aber auch das wollte niemand so genau wissen. Mittlerweile habe ich eine eigene Kamera, Geräte, kugelsichere Westen - und das Sicherheitstraining ist auch nachgeholt. Die Reisekosten trage ich weiter meist selbst.

Europa zweier Geschwindigkeiten

Krieg bedeutet vor allem Sitzen und Warten. Mit der "Action", die im Fernsehen und in Computerspielen zu sehen ist, hat das rein gar nichts zu tun. Man wartet stundenlang in bombardierten Häusern oder Gräbern, mit Tee, Kaffee und aufputschenden Getränken. "Action" gibt es selten - und meist nur kurz. Also spricht man mit den Menschen, hört zu und beobachtet. Einmal, im irakischen Kurdistan, saßen wir - drei polnische Journalisten - mit einigen anderen Kriegsberichterstattern zusammen. Ein fünfköpfiges Team von einem der großen westlichen Fernsehsender saß uns einmal direkt gegenüber: ein Reporter, ein Producer, ein Tonmann, zwei Kameraleute. Medien in Deutschland oder Großbritannien nehmen das alles ernst.

Wir drei hatten alle den gleichen Gedanken: "Schau mal, alle fünf arbeiten für ein einziges Medium und wir drei bedienen acht verschiedene." Wir lachten kurz, aber eigentlich war es bitter, wir hätten auch weinen können. So fühlt sich die journalistische Armut in Europa an. Man könnte auch sagen: das "Europa der zwei Geschwindigkeiten". So wie uns Polen geht es den meisten Reportern aus Osteuropa. Wie einsame Wölfe kämpfen wir uns alleine durch.

Unsere Armut wird aber gut verpackt - als "digital journalism". Ein Reporter macht Videos und Fotos, bedient den Ton, gleichzeitig denkt man über die Reportage nach und versucht Clips für Social Media zu posten und zu twittern. Zum Glück habe ich noch kein Geld für eine Drohne. Noch schneller, noch effizienter, noch exklusiver. Ohne eine große Redaktion muss man sich allein um die Selbstvermarktung kümmern.

Glaubwürdigkeit oder Fake News?

Fast täglich komme ich deshalb an Grenzen des machbaren, vor allem, wenn dabei noch Bomben vom Himmel fallen. Zwei Sachen gleichzeitig gehen noch irgendwie, drei oder vier nicht.

8. Bildergalerie Syrien Kriegsreportage aus der Todesfalle Rakka (picture-alliance/dpa/M. Umnaber)

Noch nie eine so zerstörte Stadt wie Rakka gesehen

Wenn man dann wieder unter Beschuss gerät, sieht man den Menschen unweigerlich zu. Es ist ziemlich egal, ob Militärs, Kämpfer oder Zivilisten - in ständiger Gefahr öffnen sich alle. Ich bin hier, um diese Prozesse und Perspektiven der Menschen im Krieg zu zeigen. Etwas, wofür sich in meiner Heimat und den Nachbarländern kaum jemand interessiert. Ich will weder beschönigen, noch beurteilen, aber ich riskiere dafür viel. Und deshalb wünsche ich mir, Medien würden eines begreifen: Sie dürfen nicht glauben, sie wären "nah genug" dran, wenn sie Sozialen Medien aus Kriegsgebieten folgen. Früher wäre ihre provinzielle Sicht untragbar, heute gehört sie zum "Mainstream". Man will "Fake News" bekämpfen und geht immer wieder Desinformationen im Netz auf den Leim.

Echte Geschichten über echte Menschen im Krieg sind schwer zu verkaufen - sie sind nicht spektakulär genug. Und diejenigen, die den Krieg aus der Nähe gesehen haben, so wie etwa traumatisierten Soldaten, sprechen selten. Gerade in Osteuropa, wo der Kult des starken Mannes und des unnachgiebigen Patrioten besonders ausgeprägt ist, wollen sie nicht wie ein "Weichei" wirken. Aber solange der Krieg in den osteuropäischen Massenmedien kein menschliches Antlitz bekommt, können die Osteuropäer beruhigt wegsehen. Der Nationalismus und Militarismus verlocken dafür umso mehr.

Paweł Pieniążek, Jahrgang 1989,  ist ein polnischer Journalist. Er berichtete von den Maidan-Protesten in Kiew, vom Krieg im Dobass, dem Irak und in Syrien. Eines seiner Bücher, "Grüße aus Neurussland", ist gerade in den USA erschienen.