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Gastkolumne

Mein Europa: Wo endet Europa?

Europa ist ein Ort, an dem die Dinge funktionieren. Zumindest dachte man das auf dem Balkan lange Zeit. Aber derzeit macht Europa keine gute Figur, schreibt Krsto Lazarevic in seiner Kolumne.

Der höchste Berg Europas? Na, wissen Sie es? Ist es der 4810 Meter hohe Mont Blanc in den französischen Alpen oder der 5642 Meter hohe Elbrus im Kaukasus? Wie Sie diese Frage beantworten, sagt viel darüber aus, was Sie für ein Verhältnis zu Europa haben.

Der von den Nationalsozialisten ermordete österreichisch-polnische Geograf Erwin Hanslik ging davon aus, dass der Pik Ismoil Somoni mit seinen 7495 Metern der höchste Berg Europas sei - und der liegt in Tadschikistan. Der Ural und der Bosporus sind doch sehr willkürlich gesetzte Punkte um das Ende des europäischen Kontinents nach Osten hin abzustecken. Worum es im Kern geht, ist Abgrenzung und die Frage danach, wer dazugehört und wer nicht.

Wer gehört wozu?

Auch in Serbien ist die Frage nach dem höchsten Berg im Land nicht geklärt. Die meisten Serben werden sagen, es sei die 2656 Meter hohe Đeravica. Der Berg liegt allerdings im Kosovo und das wird von den meisten Mitgliedern der Vereinten Nationen als unabhängiger Staat anerkannt. Auch an solchen Streitigkeiten über den Verlauf von Staatsgrenzen lässt sich die Frage festmachen, was eigentlich gemeint ist, wenn wir heute von Europa sprechen. 

Bildergalerie Die höchsten Berge der Welt Elbrus (Fotolia/julialine802)

Ist der Elbrus der höchste Berg Europas?

Meistens meint man die EU, vielleicht auch reiche Staaten wie Norwegen und die Schweiz, obwohl die nicht zur EU gehören. Aber meint man auch die Balkanstaaten, die nicht Mitglied der Europäischen Union sind?

Der Balkan gehört zu Europa, und er gehört nicht zu Europa. Der Balkan als Region wurde einst konstruiert, weil es galt, die "europäischen" Teile des Osmanischen Reichs vom vermeintlich zivilisierten Teil des Kontinents abzutrennen.

"Balkanisierung Europas" statt einer "Europäisierung des Balkans"

Auf dem Balkan selbst scheint man sich auch nicht sicher zu sein, ob man nun zu Europa gehört oder nicht. Einerseits werden die meisten Menschen aus Serbien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Albanien, Montenegro und Mazedonien von sich selbstverständlich behaupten, sie seien Europäer. Andererseits werden sie auch sagen: "Wir fahren nach Europa", wenn sie nach Frankreich, Deutschland oder Österreich reisen. Dasselbe sagen auch die jungen Menschen, die in Scharen die Region verlassen, um ihr Glück in den Krankenhäusern, Universitäten und auf den Baustellen in der EU zu versuchen.

Mit Europa meinen sie einen Ort der Perspektiven bietet, um sich eine Zukunft aufzubauen, und der außerhalb des Balkans liegt. Europa ist der Ort, an dem die Tante, der Sohn oder die Schwester gutes Geld verdient. Europa ist ein Ort, an dem Polizisten nicht bestechlich sind und man einen Job bekommt, weil man dafür qualifiziert ist. Und nicht weil man die richtigen Kontakte hat. Europa ist ein Ort, an dem rechtsstaatliche Prinzipien gelten.

Auf dem Balkan hat sich nach den Jugoslawienkriegen die Hoffnung festgesetzt, dieses Europa würde sich auf den gesamten Kontinent ausdehnen. Diese Hoffnung ist nicht tot, aber sie liegt im Sterben. Seit dem Brexit glaubt kaum noch jemand in Sarajevo, Skopje oder Tirana, dass es die EU mit einer baldigen Erweiterung ernst meint.

Schlimmer noch: Eine EU, die auseinanderbricht, hat ihren Reiz verloren. Seit dem Ende der Jugoslawienkriege mahnt man eine "Europäisierung des Balkans" an, doch derzeit sieht es nach einer "Balkanisierung Europas" aus.

Trennung zwischen Europa und dem Balkan

Jahrelang hat sich die EU über den Nationalismus auf dem Balkan gewundert, heute feiern Rechtspopulisten auf dem ganzen Kontinent Erfolge. Die Perspektivlosigkeit der Jugend hat längst auch Spanien, Griechenland und Italien erreicht. Die Regierungen in Ungarn und Polen höhlen systematisch den Rechtsstaat aus und das Beispiel Bulgarien zeigt, dass ein EU-Beitritt nicht automatisch mit Demokratisierung und Bekämpfung der Korruption einhergehen muss. In Rumänien gehen wenigstens noch Hunderttausende auf die Straße, weil sie Hoffnung auf eine bessere Zukunft haben.

Grenze Ungarn - Serbien - Flüchtlinge (picture-alliance/dpa/Z. Gergely Kelemen)

"Wenn Zäune hochgezogen werden, merken die Menschen dahinter schnell, dass sie nicht willkommen sind."

Die mentale Trennung zwischen Europa und dem Balkan manifestiert sich seit dem Herbst 2015 auch materiell: Wenn die Serben in Richtung EU blicken, dann sehen sie Zäune, die von Ungarn und Kroatien errichtet wurden. Man kann noch so viele Einladungen nach Brüssel versenden und Kapitel in den Beitrittsgesprächen eröffnen - wenn Zäune hochgezogen werden, dann merken die Menschen dahinter trotzdem schnell, dass sie nicht willkommen sind.

Es ist nicht einfach, für europäische Werte zu werben, wenn die EU Flüchtlingskinder in den Ruinen hinter dem Belgrader Busbahnhof frieren lässt, um ein Zeichen zu setzen. Der Hindukusch gehört nicht zu Europa. Viele der unbegleiteten afghanischen Kinder, die in Serbien gestrandet sind, haben keine Schulbildung genossen, weil sie aus dem Grenzgebiet zu Pakistan kommen und die dort herrschenden Taliban keine Freunde von weltlicher Bildung sind. Trotzdem haben diese Kinder in den Belgrader Ruinen zwei Dinge begriffen: 1.) Sie sind zwar in Europa, aber irgendwie auch nicht. 2.) Die EU will sie nicht. Viele Menschen auf dem Balkan sehen das genauso.

Krsto Lazarevic (27) ist in Bosnien-Herzegowina geboren und floh als Kind mit seiner Familie nach Deutschland. Heute lebt er in Berlin und schreibt für verschiedene deutschsprachige Medien.