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Gastkolumne

Mein Europa: Wie Sisyphus in Bukarest

Das Schicksal der rumänischen Hauptstadt wurde von zwei Blutsaugern geprägt, meint der Schriftsteller Catalin Dorian Florescu. Heute geht die Parade der Blutsauger weiter - und Sauberkeit wird zur Sisyphusaufgabe.

Bukarest - Parlamentspalast (picture-alliance/dpa/C. Schmidt)

Der Parlamentspalast - das frühere "Haus des Volkes" - ist flächenmäßig eines der größten Gebäude der Erde

An einem warmen Nachmittag steht die Fensterwand des Cafés im trendigen Dorobanti-Viertel offen. Drinnen sitzen und plaudern jene, die sich die Preise leisten können, draußen ist die Straße chronisch verstopft. Ein ausländischer Mann in den Vierzigern mit graumelierten Haaren und einem gut sitzenden Anzug unterhält sich auf Englisch mit zwei jungen Brünetten. Sie sind so angezogen, dass sie zum teuren Lokal passen. Ein Blickfang mit langen Beinen. Kurz danach steigt der Mann in seinen Bentley und fährt ab, die Frauen überqueren die Straße - ihrer Wirkung bewusst.   

Auf dem Fußgängerstreifen weicht ihnen ein hageres, unscheinbares Mädchen aus und schaut sich nach ihnen um. Für einen Augenblick berühren sich zwei Universen, die nichts gemeinsam haben. Das Mädchen trägt eine leuchtend rote Weste, sie ist Straßenfegerin. Sie wird bis spät den Unrat der Stadt einsammeln. 

Wir sind in Bukarest, einer Stadt, die es nur selten auf die Wetterkarten der westlichen Meteorologen schafft. Dort, wo zwei Millionen Menschen leben, wo Straßenfeger bis nach Mitternacht bewaffnet mit einem Mülleimer auf Rädern und einem einfachen Besen den Schmutz bekämpfen, wo im Frühjahr Hunderttausende für Sauberkeit in der Politik demonstrierten, dort wo die rumänische Hauptstadt mit all ihrem Charme, ihrer Härte und ihren Widersprüchen existiert, gibt es kein Wetter.

Die Wetterkarte ist makellos weiß, wie die unerforschten Gebiete auf frühen Navigationskarten. Terra incognita. Aber man kann gelassen sein: Auch das Wetter in anderen europäischen Hauptstädten - in Tirana, Sofia oder Bern zum Beispiel - interessiert niemanden.  

Zwischen Dracula und Ceausescu

Zwei Blutsauger waren maßgeblich am Schicksal der Stadt beteiligt. Der erste hat es im Filmgeschäft weit gebracht. Vlad Tepes, der die Vorlage für Dracula war, ließ hier, an einer günstigen Stelle an der Straße von den Karpaten zum Schwarzen Meer, eine Festung bauen, wo er dann als Fürst der Wallachei residierte. Die mickrige Ruine dieses alten Fürstenhofes steht heute am Rande des "Leipziger-Viertels" (Lipscani). "Leipzig", weil viele Händler von dort an dieser Schnittstelle zwischen der Christenheit und dem Osmanentum tätig waren.

Bildergalerie Christopher Lee (picture-alliance/Keystone)

Mythos Graf Dracula: Szene aus einer Verfilmung mit Christopher Lee

Angesichts der Krankhaftigkeit Ceausescus verblasst die Figur von Tepes. Der kommunistische Fürst der Dunkelheit - in den 1980er-Jahren saß tatsächlich das ganze Land oft im Dunkeln, denn die Regierung sparte - ließ sich durch Zwangsarbeit, Enteignung und Umsiedlung keine paar hundert Meter entfernt einen Fürstenhof nach eigenen Maßstäben errichten, mit Hunderten von Monumentalsälen. In zwei oder drei von diesen, zusammengelegt, würde der alte Fürstenhof hineinpassen. Ceausescu hat es "Haus des Volkes" nennen lassen, heute heißt es "Palast des Parlaments". Eine ziemliche Beförderung für ein Gebäude, das ein optischer Terrorakt, eine Gewaltausübung aus Stein und Zement ist, und das eigentlich in die Luft gesprengt gehört.

Es ist ein Unort, mit dem die Stadt leben muss. Viele Parlamentarier, die darin ihre Büros haben, sind wegen Korruption angeklagt. Auch Richter, Staatsbeamte, Geschäftsleute wirtschaften primär in die eigenen Taschen. Blutsauger ganz eigener Art. Und ausgerechnet die vertrauenswürdigste Institution, die Antikorruptionsbehörde DNA, wollten die regierenden Sozialdemokraten schwächen. Korrupte gibt es in allen Parteien, aber in der PSD sind es offenbar besonders viele.    

Die Gefahr für die Demokratie in Rumänien kommt von links

Am Anfang des Jahres erhob sich das Volk. Während in Ungarn und Polen die Demagogie und Menschenfeindlichkeit längst die Straße erreicht haben, fluteten die Rumänen die Plätze und Straßen der Städte mit demokratischen und zivilen Anliegen. Der Victoriei-Platz war der Treffpunkt für Hunderttausende, die gegen die Pläne der PSD protestierten. Der Funke der Zivilgesellschaft hatte gezündet, hoffte man. Heute stehen dort vereinzelt Fahnen und Stühle, abends kommen höchstens noch einige Dutzend Leute zusammen. Der dichte, dumpfe Verkehr erstickt ihre Stimmen. Währenddessen haben die PSD-Politiker dazu gelernt: Sie verfolgen das gleiche Ziel, aber in kleinen Schritten. Die Gefahr für die Demokratie in Rumänien kommt nicht von rechts, wie in Ungarn oder Polen, sondern von links.  

Auch der Victoriei-Platz ist ein Unort im Gefüge der Stadt. Ein riesiger, leerer, seelenloser Durchgangsort. Hier war früher die nördliche Grenze der Stadt, jenseits davon lag ein ausgedehnter Wald. Als 1866 der deutsche Prinz Carol sich der provinziellen, kleinräumigen Stadt näherte, wo seine künftigen Untertanen auf ihn warteten, ist er durch diesen Wald gefahren. Weil sie niemandem aus ihren eigenen Reihen trauten, um die Existenz des jungen Staates zu sichern, importierten die Rumänen gleich eine ganze deutsche Königsdynastie. Später importierten sie auch französische und deutsche Architekten, um Bukarest ein westeuropäisches Gesicht zu geben. Neue Bauten - Königspalast, Bibliotheken, Konzertsaal, Banken - rückten die Stadt näher an Paris. Aber nur ein wenig.

Als der künftige König durch den Wald zog, stand dort noch nicht das düstere, stalinistische Gebäude, das heute "Haus der freien Presse" genannt wird und bis zum Bau von Ceausescus "Haus der Volkes" das höchste Gebäude von Bukarest war. Als der König nach Bukarest kam, war der Wald nicht von breiten, eleganten Boulevards durchzogen, die heute tatsächlich an Paris erinnern. Stalin und Paris gehen in Bukarest gut zusammen.  

Die Stadt leidet an einem Sauberkeitszwang

Die Parkanlagen, die aus jenem Wald entstanden sind, enden an der Nordseite des Victoriei-Platzes. In dieser grünen Lunge der Stadt findet man wunderbare Villenviertel. In den 1920er- und 1930er-Jahren bauten hier die Wohlhabenden Bukarests ihre Häuser in einem Durcheinander von Stilen und Formen. Hier wohnten auch Ceausescu und die rote Nomenklatura. Hier ist das Dorobanti-Viertel mit den Bentleys und den gestylten Frauen. Ein Spaziergang durch die lauschigen Straßen dieses Viertels entschädigt für manche Monstrosität der Stadt. Man tritt übergangslos aus der Welt des kommunistischen Bukarest in jene des Vorkriegsbürgertums.  

Autor Catalin Dorian Florescu (M. Walker)

Catalin Dorian Florescu

  

Nicht nur hier zeigt sich das, was Bukarests Reiz ausmacht: das Zusammenleben vollkommen unterschiedlicher Welten. Das südliche Ende des Victoriei-Platzes ist albtraumhaft, eine riesige Masse aus Beton, ein Plattenbau der Extraklasse erhebt sich dort. Man könnte meinen, dass hier die Schönheit aufhört, aber es stimmt nicht. An vielen Orten der Stadt ummanteln die Plattenbauten ursprüngliche Viertel, als ob sie sie beschützen wollten - oder doch ersticken?

Man geht zwischen zwei solchen Blocks hindurch und trifft auf ein fast schon ländliches Bukarest. Es ist still, der Rhythmus ist langsamer, Weinreben überdecken die Gärten. Diese Stadt hat viele Gesichter, ein urbanes Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Während die Parade der Blutsauger nicht aufhören will, der Businessman seinen Bentley spazierenfährt und zwei junge Mädchen ihre im Fitnessstudio trainierten Körper zu Markte tragen, wird bestimmt auch heute Nacht ein unscheinbares Mädchen zu später Stunde die Straßen fegen. Ihr müdes Gesicht wird im Scheinwerferlicht der Autos auftauchen, aber man wird sie schnell vergessen. Tankwagen werden die Straßen mit Wasser besprühen. Diese Stadt leidet an einem Sauberkeitszwang, als ob man Nacht für Nacht die Weste weiß bekommen wollte, die man am Tag wieder beschmutzt. So gesehen, sind die Straßenfeger von Bukarest wie Sisyphus.         

Der deutschsprachige Schriftsteller Catalin Dorian Florescu wurde am 27. August 1967 in Rumänien geboren und lebt seit 1982 in der Schweiz. Für den Roman "Jakob beschließt zu lieben" wurde er 2011 mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. Mitte September erscheint im Verlag C.H. Beck sein neuer Erzählband mit dem Titel "Der Nabel der Welt". 

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