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Gastkolumne

Mein Europa: Wie die Kaninchen vor der Schlange

Die Welt ist im Umbruch, Europa wird von verschiedenen Krisen erschüttert. Carmen-Francesca Banciu hat viele Fragen, aber findet keine Antworten. Sie hofft auf die Kraft des lebendigen und gestalterischen Europa.

Bald ist dieses Jahr zu Ende. Soll ich es ein negativ revolutionäres nennen? Ein grundlegend veränderndes Jahr für Großbritannien, für die USA, für die EU, für die Welt. Die Welt wird eine andere sein ohne die Briten in der EU und ohne einen Präsidenten im Weißen Haus. Ich meine: Mit einem Präsidenten, der am liebsten aus seinem eigenen Palast, aus seinem höchstpersönlichen Turm von seinem höchstpersönlichen, mit Gold verzierten Thron regieren möchte. Mit einem Präsidenten, der noch bevor er richtig sein Pferd bestiegen hat, noch bevor er vereidigt wurde, die Welt in Entsetzen, Angst und Schrecken versetzt hat.

Womit können uns die politischen Ereignisse noch überrumpeln, bevor dieses Jahr zu Ende geht? Gott sei Dank - Präsidentschaftswahlen in Frankreich erst im nächsten Jahr! Auch Deutschland wird erst 2017 wählen. Und auf diese Wahlen sind alle gespannt.

Die Fragen reißen nicht ab

Ich bin viel unterwegs gewesen in diesem Jahr. Von Griechenland bis in die USA. Von England bis nach Rumänien. Und immer wieder zurück nach Deutschland: nach Berlin, wo mein Zuhause ist. Die EU ist auch mein Zuhause. Ich bin keine Touristin. Ich bin ein arbeitender Mensch, der zu tun hat in der Welt. Der zu tun hat in vielen Ländern in und außerhalb der EU. Der sich bewusst ist, was ein Leben in Freiheit - und damit auch Bewegungsfreiheit - bedeutet.

Ob im Lande oder gar außerhalb des Kontinents: Ich habe immer wieder an Europa denken müssen, an die EU und an die Konsequenzen der immer öfter erschreckenden Nachrichten. Die Fragen reißen nicht ab. Was passiert mit der EU nach dem Brexit? Werden andere Länder dem Beispiel folgen? Oder wird es ein  Zusammenrücken geben? Wird es eine Reform der EU geben? Wird es einen Rechtsruck in Europa und in der Welt geben? Wird Europa seine Werte behalten und verteidigen können? Oder wird Europa sich spalten, zusammenbrechen? Wird unsere Freiheit eingeschränkt? Wird das Leben unserer Kinder gefährdet?

Britische Flagge steckt in Sand (ZDF)

Fragen über Fragen: Was passiert mit der EU nach dem Brexit? Werden andere Länder dem Beispiel folgen?

Und wie viel Verantwortung trägt jeder Einzelne? Wie viel Freiheit hat jeder Einzelne, den Lauf der Dinge zu beeinflussen, sich neu zu positionieren, sich zu reorganisieren? Und wie viel Verantwortung sollen wir Bürger den Institutionen der EU überlassen? Wie viel Sicherheit und Kontrolle brauchen wir wirklich? Wie viel Angst müssen wir haben vor der Globalisierung, vor CETA und TTIP?

Die EU vernachlässigt das Wesentliche

Ich bin nicht die Einzige, die sich diese Fragen stellt. In Bournville, einem Vorort von Birmingham, komme ich mit dem Inhaber einer Fleischerei ins Gespräch. Ich bin immer neugierig, wie die Menschen in einem Land leben. Was sie essen. Wie sie denken. Was ich möchte, fragt mich der Inhaber. Ich möchte mich erst mal umschauen. "We don´t charge for that", sagte er. Wir lachen beide. Und so nutze ich die Gelegenheit, meine brennende Frage zu stellen: Was hält er von der EU? "Wir sind draußen", sagt er. "Ich bin sehr zufrieden." "Warum?", frage ich. "Wir werden es besser machen alleine. Die EU will uns sagen, wie wir leben sollen. Das wollen wir nicht."

In Clifton will ich die hängende Brücke sehen und komme durch Zufall in den Laden eines weltpolitisch informierten Antiquitätenhändlers. Die Antwort ist ähnlich: "Raus! Die EU kümmert sich zu sehr um Nichtigkeiten. Vernachlässigt dabei das Wesentliche."

Junge Menschen, die mit einem Erasmus-Stipendium ein Jahr im Ausland verbracht haben, antworten anders. Aber auch die junge Bedienung aus dem Lido in Bristol sagt: "Ich bin Working-class. Ich befürchte einige Rechte zu verlieren. Human rights. Arbeiten in Europa - vorbei!" Nein, das hat sie auf keinen Fall gewollt.

Ich komme mit Menschen ins Gespräch. Auf der Straße, im Bus, im Taxi, im Café, im Kaufhaus, beim Gemüsehändler, im Zeitungsladen, unterwegs mit der Bahn. In England glauben manche, sie könnten diese und andere existenzielle Probleme besser im Alleingang als in der Europäischen Union bewältigen. Es sind mehr, als man glauben möchte. Und diese Haltung  kommt nicht überraschend. Überraschend ist, dass man diese Stimmen nicht früher ernst genommen hat. Überraschend ist, dass man sich in den Gremien der EU wie in der eigenen Regierung realitätsfern und normierungssüchtig verhält.

Hilflose Theoretiker

Es gibt nicht nur eine immer größer werdende Kluft zwischen Reich und Arm. Es gibt eine immer größer werdende Kluft zwischen politischen Vertretern und Bürgern. Die Vertreter des Volkes scheinen oft in der abstrakten Gestaltung der Realität gefangen zu bleiben und den Kontakt zu den Menschen, deren Alltag sie gestalten wollen, verloren zu haben.

Zerissene Europa-Flagge im Hafen von Vathy auf der Insel Samos (picture-alliance/dpa/C. Charisius)

Die Europäische Union durchlebt eine schwere Zeit

Während meiner mehrmonatigen Reise durch die USA habe ich von meinen Freunden und Kollegen, von Professoren an Universitäten und von vielen Intellektuellen gehört, sie würden niemanden kennen, der Trump wähle. Sie wunderten sich, dass ich so viel zu erzählen hatte über die Menschen in ihrem eigenen Land. In New York gibt es kaum einen, der sich zu Trump bekennen würde, sagten sie.

Ich habe unterwegs im normalen Alltag nur Trump-Wähler getroffen. Patente Frauen und ansonsten hilfreiche, freundliche Menschen verbreiteten die abstrusesten Nachrichten über Hillary Clinton und Barack Obama. Und hatten nicht den kleinsten Zweifel, dass sie das Land retten und Donald Trump wählen müssten.

Kürzlich habe ich während einer Debatte mit dem Titel "Das Ende der Gemeinsamkeit? Chancen und Risiken der Flexibilität in der EU" deutschen, polnischen und französischen Vertreterinnen aus Politik und Wissenschaft zugehört. Man hat auf Lösungsvorschläge gehofft. Abstrakt, theoretisch blieb das Ganze. Auch später, bei einem Glas Wein, gab es keinen Bezug zu konkreten Vorschlägen, die diskutierten Theorien umzusetzen. Nur die Angst vor den Brexit-Nachahmern wurde immer deutlicher. Als wären die Theoretiker und Volksvertreter hilflose, kleine Kaninchen, die erstarrt sind vor der Schlange.

Carmen-Francesca Banciu ist eine rumänisch-deutsche Schriftstellerin und Dozentin. Seit November 1990 lebt sie als freie Autorin in Berlin und leitet Seminare für Kreatives Schreiben. Seit 1996 schreibt sie auch in deutscher Sprache. Zuletzt erschienen von ihr die Bücher "Leichter Wind im Paradies" und "Berlin Is My Paris - Stories From the Capital".