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Gastkolumne

Mein Europa: Widersprüchliches, geheimnisvolles Bukarest

An der Oberfläche der rumänischen Hauptstadt leuchtet es hell, aber darunter liegt noch immer die dunkle Vergangenheit verborgen. Inzwischen dringt das Licht langsam in die Tiefe, glaubt Catalin Florescu.

Hand aufs Herz! Was fällt Ihnen ein, wenn ich "Bukarest" sage? Wohl nicht viel, vielleicht verwechseln Sie es auch mit Budapest. Also nochmal: Bukarest, Rumänien. Die einen erinnern sich möglicherweise an die Bilder von 1989, als der kommunistische Diktator Ceausescu gestürzt wurde. Vage tauchen Bilder vom großen Platz vor dem Haus des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei auf, wo hunderttausende Menschen versammelt worden waren, um Ceausescu zuzujubeln.

Vom Balkon dieses Gebäudes aus wollte er das rumorende Volk beschwichtigen und beruhigen. Das ist ihm nicht gelungen. Die erste Revolution, die live im Fernsehen übertragen wurde, nahm ihren Lauf. Man könnte sie eine "Parodie" nennen, wenn nur Ceausescu sowie seine ebenso verhasste Frau Elena ihr Leben gelassen hätten, und nicht auch so viele unschuldige Leute. Bis heute ist es unklar geblieben, was damals tatsächlich geschehen ist und wer die Fäden im Hintergrund zog. Viel zu wenige der damals Verantwortlichen sind jemals zur Rechenschaft gezogen worden. Wenn jene Maskerade die Stunde Null der rumänischen Demokratie bedeutet, so ist sie auch der Beginn und die Mutter aller Verschwörungstheorien, die bis heute das politische Leben des Landes bestimmen.

Phantomschmerzen einer Stadt

Andere haben vielleicht das monströse "Haus des Volkes" vor Augen, das der Diktator auf einem Hügel bauen ließ, anstelle des dafür abgerissenen, lauschigen Viertels namens "Uranus". Heute zielen die Fingerspitzen meiner Freunde ins Leere, wenn sie auf den Ort zeigen, wo sie als Kinder gelebt haben: Es ist das Brachland rund um das riesige Gebäude - mehr geschmackloser, klotziger Palast als Haus, mehr Alptraum als Palast. 20.000 Soldaten und Zwangsarbeiter haben daran gearbeitet, 70.000 Menschen wurden in Plattenbauten umgesiedelt. Es haben sich Straßenstümpfe mit den ursprünglichen Villen und Gärten erhalten, die Phantomschmerzen muss die ganze Stadt ertragen.

Palast des Volkes mit Baustelle (Getty Images)

Ein städteplanerischer Alptraum: der "Palast des Volkes" in Bukarest

Während meines Aufenthaltes in diesem Jahr in Bukarest konnte ich durch die Fenster meiner Wohnung auf einen winzigen, vernachlässigten Innenhof schauen. Auf der einen Seite putzte eine Frau regelmäßig und voller Hingabe ihre Fenster. Fast verbissen bestand sie auf Sauberkeit und glasklare Transparenz, während der Verputz an der Fassade um die Fensterrahmen herum bröckelte. Auf der anderen Seite des Hofes stand die Hinterseite des Staatsarchivs, wo die Akten, die der kommunistische Geheimdienst über die Bürger angelegt hat, eingesehen werden können. Ja, auch die dumpfen rumänischen Schnüffler litten am selben Zwang wie die DDR-Stasi: Akten anhäufen. Schreibstau war nicht vorgesehen.

Biologische Lösung

Bevor ich wusste, zu welcher Institution jener Raum gehörte, hielt ich das Ganze für eine Hanfplantage, denn Tag und Nacht, während zweier Monate, brannte das Licht ohne Unterbrechung. Als ob jemand es wortwörtlich nehmen wollte mit dem Licht in die Vergangenheit bringen. Um einschlafen zu können, musste ich die dunkelsten Vorhänge zuziehen. So raubte mir indirekt und lange nach ihrer Auflösung die Securitate noch den Schlaf.

Die Wahrheit ist, dass die politischen Entscheidungsträger es mit der Aufdeckung der kommunistischen Verbrechen und die Bestrafung der Täter kaum ernst nehmen: Nach fünfundzwanzig Jahren Demokratie sind erst zwei Schergen des Systems verurteilt worden - zwei alte Männer, die wohl bald sterben werden. Sterben werden bald auch die letzten Opfer, die noch am Leben sind; alte Männer und Frauen, die meistens grundlos als politische Häftlinge in Arbeitslager und kommunistische Kerker gesteckt wurden.

Der Bücherverkäufer

Am ersten Abend in Bukarest ging ich in mein Lieblingscafe "Van Gogh" am Rande des unter den Kommunisten verfallenen und seit wenigen Jahren zum geschmacklosen Ausgeh-Mekka gewordenen Viertel Lipscani. Wo noch vor nicht langer Zeit die Ziegel vom Dach fielen sowie Häuser und Balkone mit Holzbalken gestützt werden mussten - manche bis heute - reiht sich jetzt Kneipe an Kneipe. Die Kakophonie aus Lärm, Bier und Geschwätz hat die Stille ersetzt, die sich über dem Viertel lag, nachdem die Stadtplaner des Diktators entschieden hatten, das Quartier aufzugeben und sich auf den Bau eines faschistoiden Beamtenviertels rund um das "Haus des Volkes" zu konzentrieren.

Beide Viertel sind zwei Pole derselben Stadt - keine hundert Meter Luftlinie entfernt. Einerseits ein Wohnquartier, das an Hitlers und Mussolinis urbanistischen Visionen oder an Nordkorea erinnert. Andererseits die geduckten, langgezogenen Häuser des alten Händler- und Handwerkerviertels, das vor Jahrhunderten rund um den ersten Fürstenhof entstanden ist.

Rumänien Bukarest Lipscani Viertel (picture alliance/Arco Images)

Das Amüsier-Viertel von Bukarest: Lipscani

Kaum hatte ich mich hingesetzt, tauchte ein alter, hagerer, scheuer Mann auf, der von Tisch zu Tisch ging und vier oder fünf Bücher, die er bei sich hatte, verkaufen wollte. Sie erinnerten mich an meine Kindheit, denn auch meine Eltern hatten die gleichen Ausgaben besessen. Niemand nahm Notiz von ihm. Hier brannte das Licht, um Licht zu machen für die Drinks und die glatten Fassaden der Gäste. Die neuen Zeiten wollen die alten begraben und vergessen machen.

Zarte Blätter eines Hinterhofbaumes

Der Mann erzählte mir, dass er von den 20.000 Büchern aus seiner Bibliothek bis auf 2.000 alle verkauft hat, um seinem kranken Sohn finanziell auszuhelfen. Ungefragt ergänzte er, dass er in den 1950er-Jahren, als 18-Jähriger, anstelle seines Vaters zu 20 Jahren Arbeitslager verurteilt worden war. Der Vater hatte sich im Wald erhängt, als er erfahren hatte, dass er verhaftet werden sollte. So wie dieser Mann leben noch einige Tausend alte Männer und Frauen in Bukarest. Man geht an ihnen vorbei und ahnt nicht, dass man von der Geschichte gestreift wird.

Ein Hauch von Zivilgesellschaft gibt es in Rumänien schon: Stiftungen und Vereine widmen sich der Aufarbeitung der Vergangenheit, die Opfer dürfen in Schulen sprechen, und es gibt eine ganze Reihe historischer Studien und Sammelbände mit Zeugenberichten. Es ist zu hoffen, dass das alles nicht nur tote Buchstaben bleiben.

Bis fast am Ende meiner Bukarester Zeit schien mir der dürre, kahle, fast wie verbrannt aussehende Baum in meinem Hinterhof Recht zu geben: Er wuchs vor einer nackten Ziegelsteinmauer. Auf ihm saßen nie Vögel. Bis er dann, kurz vor meiner Abreise, einzelne zarte Blätter an den Spitzen der Äste austrieb. Links putzte die Frau weiterhin hingebungsvoll die Fenster, rechts brannte das ewige Licht.

Der deutschsprachige Schriftsteller Catalin Dorian Florescu wurde am 27. August 1967 in Rumänien geboren und lebt seit 1982 in der Schweiz. Für den Roman "Jakob beschließt zu lieben" wurde er 2011 mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. Mitte September erscheint im Verlag C.H. Beck ein Erzählband mit dem Titel "Der Nabel der Welt".