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Gastkolumne

Mein Europa: Rote Lämpchen und die eigene Familie

Wer bin ich? Wo komme ich her? Ist meine Identität wirklich so monolithisch, wie ich bisher geglaubt habe? Stanislaw Strasburger empfiehlt genaues Hinsehen und prognostiziert in vielen Fällen Überraschungen.

"Sie haben einen deutschen Namen und schreiben auf Polnisch", werde ich oft angesprochen, "und dann beschäftigen Sie sich noch mit all diesen fremden Ländern. Als was fühlen Sie sich denn wirklich: als Pole, als Deutscher…? Hand aufs Herz: In welcher Sprache träumen Sie?"

Solche Fragen begegnen nicht nur mir. Amin Maalouf, den berühmten französischsprachigen Schriftsteller libanesischer Herkunft, regten sie schon vor knapp 20 Jahren dazu an, ein Buch zu schreiben. In seinen "Mörderischen Identitäten" weist er zu Recht darauf hin, dass sich in einer Formulierung wie "als was fühlen Sie sich wirklich?" eine tückische Annahme versteckt: Es gibt eine tiefe Wahrheit über uns selbst, die mit der Geburt ein für alle Male bestimmt ist. Persönliche, familiäre und gesellschaftspolitische Präferenzen und Einflüsse, die den Verlauf unseres Lebens mitbestimmen, sind - dieser Annahme nach - zweitrangig.

Die Identität - ein geschichtliches Erbe

Begriffe, von den man glaubt, sie seien eindeutig und müssten nicht hinterfragt werden, sind nur allzu oft besonders verräterisch. Dazu gehört die "Identität" - zum Beispiel im nationalen, religiösen, sexuellen Sinne. Woher rührt das Bedürfnis, Menschen eindeutige Identitäten zuzuschreiben? Ertappt man sich selbst nicht immer wieder bei dem Gedanken, ihre Eindeutigkeit verspreche Geborgenheit und innere Ruhe?

Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive ist "Identität" ein Erbe des neuzeitlichen Europa. Es ist ein bedrückendes Erbe, befleckt vom Blut vieler Menschen. Denn es ist das Erbe der Reformation, der Gegenreformation, des Kolonialismus und des Imperialismus, sogar der Aufklärung und ihrer Anhänger, die - sei es in ihrer romantischen, sei es in ihrer positivistischen Prägung - den Begriff der nationalen Zugehörigkeit und der nationalen Staaten mitgeformt haben. Und nicht nur das: Auch zum Beispiel die sexuelle "Identität", die von jedem eine eindeutige homo-, hetero- oder andere Orientierung abverlangt, ist ein Produkt jener Zeit.

"Wir" und "die Anderen"

Vereinfacht gesagt gründet dieses neuzeitliche Erbe auf einem ganz bestimmten Weltbild. Die Welt sei ein ewiger Kampf des Alten mit dem Neuen. Es kann jedoch - und das ist das dialektische Wesen dieser Überlegung - stets nur einen Sieger geben, dem der Verlierer gegenübersteht. Die Welt sei demnach eine fortwährende Konfrontation.

Ein solches Bild geht einher mit der krampfhaften Suche nach der einen Wahrheit. Man glaubt, dass man die Welt, darunter auch das menschliche Verhalten, beschreiben kann, wie sie "ist" oder "nicht ist". Die Ethik, die sich auf jene Wahrheit stützt, kennt dann auch nur noch eindeutige Unterscheidungen: "Die Guten" stehen "den Bösen" gegenüber und die Welt teilt sich in "Wir" und "die Anderen". 

Symbolbild Stift Schwarz Weiss (Fotolia/Paco)

"Wir" und "die Anderen": Dualistische Weltbilder sind oft die ideelle Grundlage der Gewalt

Dualistische Weltbilder sind oft die ideelle Grundlage der Gewalt, die auf unserem Kontinent gegenüber all denen erwächst, die wir als "Fremde" betrachten. Solange nämlich die einzige "Wahrheit” auf unserer Seite ist, können "die Anderen” nur "böse” sein, also "darf" man sie unter Umständen sogar töten. Zu einer Debatte über "Identitäten" und das Bedürfnis nach ihrer eindeutigen Ausformulierung gehört eine Auseinandersetzung mit diesem Erbe. Auch wenn es weh tun mag und dauern kann - es führt kein Weg daran vorbei.

"Die Anderen" in der eigenen Familie

Gleichzeitig gibt es die familiäre Perspektive. Auch Maalouf weist ausdrücklich auf sie hin. Er lädt dazu ein, sich zurückzulehnen, den ganzen politischen und medialen Tumult beiseitezuschieben und die persönliche Identitätsforschung zu betreiben. Das Ergebnis wird verblüffend sein.

Ich wage zu behaupten: Jeder auf dem europäischen Kontinent wird einen Verwandten finden, der eine andere Sprache gesprochen hat als er selbst, oder der aus einer anderen Gegend kam. Auch Glaubenszugehörigkeiten und Sexualverhalten fallen bei den jeweiligen Vorfahren sicherlich unterschiedlich aus. Es bleibt nur eine Frage: Wie viel Mut habe ich dazu, meine Familiengeheimnisse aufzudecken?

Die persönliche Topografie der Identität

Im Laufe des Lebens entwickelt jeder Mensch Bindungen. Neben dem Herkunftsort, der Sprache und der eigenen Familie können diese Bindungen der örtliche Fußballverein sein, Speisen, die man bei der Oma gerne gegessen hat und deren Geschmack man nach ihrem Tod vergeblich sucht, eine Partei oder eine informelle Clique, Landschaften oder Nachbarn.

Es ist überflüssig zu sagen, dass derartige Bindungen mit den Jahren wechseln und ihre Stellung untereinander tauschen. Zusammen bilden sie eine persönliche Topografie der Identität. Diese Topografie ist nie erschöpft - weder kann sie jemals vollständig werden, noch wird sie für zwei unterschiedliche Menschen je identisch sein.

Die Erfahrung ihrer Wechselhaftigkeit steht im Widerspruch zum starren Begriff der "Identität" und dem entsprechenden Erbe. Man kann sogar sagen, der Begriff ist oppressiv gegenüber unseren eigenen Familiengeschichten. Ein weiterer Grund, um dieses Erbe auf den Prüfstand zu stellen.   

Das rote Lämpchen

Das heutige Polen ist ein gutes Beispiel dafür, wie groß die Kluft zwischen einem identitären, in der Öffentlichkeit vorherrschenden Diskurs, und den mehrstimmigen, familiären Erzählungen sein kann.

Das Wort "Flüchtling" ist derart belastet (um nicht zu sagen missbraucht), dass kaum jemand an ein menschliches Schicksal denkt, wenn man es hört. Stattdessen leuchtet sofort ein rotes Lämpchen auf: Bedrohung und Kampf.

Die persönliche Topografie der Identität wird mit dem Wort "Flüchtling" oft gar nicht mehr angesprochen. Doch auch in Polen ist Ahnenforschung in Mode. Stünden die eigenen familiären (Flucht-)Geschichten im Fokus des öffentlichen Diskurses, so würden auch die Bewohner Polens - davon bin ich fest überzeugt - lautstark Solidarität mit Geflüchteten bekunden. 

Die politischen Machtzentren und die Medien spielen hier eine zentrale Rolle. Welcher der beiden Diskurse wird von ihnen in den Vordergrund gestellt? In jeder europäischen Gesellschaft muss stets dafür Sorge getragen werden, dass niemand ausgeschlossen wird aus der mit Geburtswehen entstehenden EUtopischen Gemeinschaft unseres Kontinents. Und auch über seine Grenzen hinaus. 

Stanisław Strasburger wurde in Warschau geboren. Er ist Schriftsteller und Kulturmanager. Seine Schwerpunkte sind kollektives Gedächtnis, Migration, Multikulturalität und EUtopie. In Buchform sind von ihm erschienen: "Besessenheit.Libanon" (2015 auf Polnisch, 2016 auf Deutsch) und "Der Geschichtenhändler" (2009 auf Polnisch, 2014 auf Arabisch und geplant für 2018 auf Deutsch). Er lebt abwechselnd in Berlin, Warschau und diversen mediterranen Städten.