Mein Europa: #Rezist - Erdbeeren gegen das Verbrechen | Europa | DW | 03.03.2018
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Gastkolumne

Mein Europa: #Rezist - Erdbeeren gegen das Verbrechen

Die rumänische Diaspora ist in vielen westeuropäischen Ländern politisch aktiv. Auch die Schriftstellerin Dana Grigorcea setzt sich für die Unabhängigkeit der rumänischen Justiz ein - in ihrer Wahlheimat, der Schweiz.

"Wohin denn noch hinaus bei dem frostigen Wetter?" "Zur Demo!" "Welche Demo?" An dieser Stelle musste ich den sonst sehr gut informierten Schweizer Freunden und Angehörigen erklären, dass diese Demonstration nur auf Rumänisch und nur in den sozialen Medien angekündigt wurde: "Demo für eine unabhängige rumänische Justiz, Samstag um 19 Uhr auf der Rathausbrücke mitten in Zürich." "Für eine unabhängige Justiz? Unbedingt!", sagen die Schweizer Freunde. "Gutes Gelingen!" 

Und dann gehe ich hinaus, im Schneeregen scheint die Stadt verlassen. Ich versuche mir vorzustellen, wie es zu dieser Stunde in den rumänischen Straßen aussieht, in Bukarest, in den Universitätsstädten Iaşi, Cluj, Brasov, Timişoara, wo sich - wie beim Osterfest - die Nachbarn im Treppenhaus treffen und gemeinsam aufbrechen. Auf dem Weg rollen die Menschen schon ihre Transparente aus, beginnen, sich warm zu rufen: "Weg mit den Dieben! Weg mit den Korrupten!" "DNA, să vină să vă ia!" ("Die Antikorruptionsbehörde DNA soll euch holen!") Da sind auch die Banner mit den einfallsreichen Sprüchen, den umgewandelten Wahlkampfslogans der korrupten Regierungspartei PSD: komische Reime, Zitate aus der Literatur; alles in allem Hinweise auf den Bildungsstand der Demonstranten. 

"Alle für die Justiz" 

Kaum bin ich in der Zürcher Tram, schaue ich aufs Handy. Unter #Rezist laufen die ersten Bilder aus Bukarest ein: Auf einem Platz haben sich Hunderte, anderswo schon Tausende, Zehntausende von Demonstranten eingefunden, die der Witterung trotzen. 

Ich erreiche die Züricher Altstadt und bald schon die schwach beleuchtete Rathausbrücke, wo sich pünktlich um 19 Uhr zwei Dutzend Rumänen zusammengefunden haben, die meisten jung und ohne Begleitung, aber auch ein paar Familien mit Kindern. Man begrüßt sich, "Bună seara, sind wir hier richtig?" "Goldrichtig!" antwortet jemand heiter. Die meisten kennen einander nicht, man schüttelt Hände, stellt sich vor, kennt sich vielleicht von der Demo neulich, unterhält sich mit gedämpfter Stimme - schließlich ist man hier in der Schweiz, und auf der einen Brückenseite liegt eine Wohngegend.

Gegen 19.15 Uhr übernimmt jemand die Initiative: "Liebe Mitbürger, wollen wir?" Und gleich stellt man sich in mehreren Reihen auf, wie zu einem Hochzeitsfoto, die beleuchteten Doppeltürme des Großmünsters im Hintergrund. Der Fotograf gibt ein Zeichen, worauf man die mitgebrachten Banner und Plakate in die Höhe reckt, große Kartonaugen, versehen mit dem Schriftzug "Wir sehen euch", sowie große gelbe Kartonhände, auf denen "Alle für die Justiz" steht. Die Demonstranten gehen abwechselnd nach vorn und filmen, also ruft man, mit leiser Stimme: "Weg mit den Dieben! Weg mit den Korrupten! Schan-de! Schan-de!" Und unweigerlich: "DNA, să vină să vă ia!"

Die PSD fürchtet die Diaspora 

Passanten bleiben hinter dem Fotografen stehen und betrachten die wunderliche Ansammlung, bei der man den Mund ganz weit öffnet, aber nur leise und überhaupt fremdländisch ruft.

Rumänien Proteste in Bukarest (Getty Images/AFP/D. Mihailescu)

Die EU-Fahne bei Massenprotesten in Bukarest am 20. Januar

Man klärt die Leute auf - jemand von uns hat für solche Fälle Erklärungstexte auf Deutsch mitgebracht, Ausdrucke von Artikeln aus deutschsprachigen Medien. Später am Abend werden die Fotos von uns in Zürich im Netz kursieren, zusammen mit denen von den Demos #Rezist München, #Rezist London, #Rezist Paris und so fort: als Ausdruck dafür, dass die rumänische Diaspora aktiv auf der Seite der Demonstrierenden in Rumänien ist. #Rezist Zürich hat einen Facebook-Account eingerichtet, auf dem rumänische und deutschsprachige Artikel gepostet werden über die skandalösen Versuche der rumänischen Regierung, die Justiz im Lande zu kontrollieren und kriminelle Politiker reinzuwaschen. 

Schätzungsweise acht Millionen Rumänen wohnen außerhalb Rumäniens, das selber 20 Millionen Einwohner hat. Die PSD fürchtet diese Diaspora vor allem deshalb, weil sie Zugang zu internationalen Medien hat, die allesamt die hochkorrupte, infam-populistische PSD zu Recht kritisieren. Bei der Präsidentschaftswahl 2014 beispielsweise wurde der deutschstämmige Klaus Iohannis, der Gegenkandidat des damaligen Favoriten Victor Ponta von der PSD, von beinahe 90 Prozent der Auslandsrumänen gewählt.  

EU-Fahne auf einer Demo in der Schweiz 

Die Kritik aus dem Ausland ließ die PSD noch chauvinistischer werden und in ihrer Propaganda immer weiter auf das Nationalistische setzen. Die allerneueste PSD-Regierung ließ sich mit rumänischen Flaggen ablichten. Die blaue Flagge mit den goldenen Sternen fehlte auf dem Bild. Daraufhin entstand eine schöne Initiative der Rezist-Bewegungen in Rumänien und im Ausland: Die Aktion "Wir bringen die Flagge zurück". Vom Europäischen Parlament aus wurde eine EU-Fahne von Stadt zu Stadt weitergereicht, bis nach Bukarest, wo sie am 6. März bei einem pro-demokratischen Protest geschwenkt werden soll.

"Die EU-Flagge steht für die Werte der Europäischen Union: Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit, Gerechtigkeit. Das alles setzt eine unparteiische Justiz voraus. Diese Werte wollen wir weiterhin auch in Rumänien pflegen", sagt Mihnea Mihai, einer der Initiatoren und treibenden Kräfte von Rezist Zürich, inzwischen ein Verein nach Schweizer Recht.

Die EU-Fahne war auch in Zürich auf der Demo zu sehen - ein interessanter Anblick in einem Land, das nicht unmaßgeblich wegen der Politik der rechtspopulistischen SVP kein EU-Mitglied ist. Mittlerweile ist die Fahne in Rumänien angekommen und wird von Norden kommend, durch Transsylvanien, nach Bukarest reisen.

Solidarität mit den ungelernten Arbeitskräften

Als Symbol für diese Aktion wurde die Erdbeere gewählt - aus Solidarität mit den Auslandsrumänen in niedrig qualifizierten Jobs, die zum Beispiel in Spanien Erdbeeren pflücken. Mihnea Mihai von #Rezist Zürich, neben den Rezist-Bewegungen in München, Birmingham und Budapest maßgeblich am Fahnen-Projekt beteiligt, erklärt: "Die Erdbeere ist das Symbol der Überwindung eines schweren Moments und die Rückbesinnung auf die Daheimgebliebenen mit guten Gefühlen und voller Hoffnung." Im Symbol der Erdbeere schließe sich also der Graben zwischen den Intellektuellen und den ungelernten Arbeitskräften Rumäniens.

Am nächsten Tag erstehe ich beim Obsthändler um die Ecke eine Tüte Erdbeeren und bringe sie nach Hause. Sie sind aus Spanien und schmecken noch nicht. Bis zum Sommer ist es ohnehin noch etwas hin.

Dana Grigorcea, Jahrgang 1979, ist eine schweizerisch-rumänische Schriftstellerin. Ihr Roman "Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit" (2015) wurde mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet. Im Januar ist ihr neues Buch "Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen" erschienen.

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