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Gastkolumne

Mein Europa: Reisen und das Leben berühren

Der Sommer ist Reisezeit. Günstig, komfortabel und von Leichtigkeit geprägt sollen die Ferien sein. Aber was hinterlassen wir im Gegenzug an den Orten, die uns so viel Gutes bescheren?

Während der Urlaubssaison ertragen die begehrten und bekannten Orte Europas und der Welt verheerende Folgen durch den Massentourismus. Lange hat der Vorteil des so erlangten Geldsegens Vorrang gehabt und man hat alle Augen zugedrückt mit Blick auf die hinterlassenen Schäden. Zumindest ökologisch gesehen ähneln diese Folgen den barbarischen Völkerwanderungen. Orte wie Venedig oder Florenz, Inseln wie Mallorca oder Ibiza ersticken unter der Last der Überbevölkerung im Sommer. Unter übermäßigem Wasserverbrauch, Abwasserproblemen, Abgasen, Bergen von Müll, Belastung durch Lärm. Die Hemmungslosigkeit, Arroganz, Respektlosigkeit und Enthemmtheit mancher Touristen lassen diese Orte nach der Saison im übertragenen Sinne aussehen wie verbrannte Erde.

Aber all das will man und kann man inzwischen nicht mehr in Kauf nehmen. Spanien, Italien und andere Urlaubsländer begehren auf. Wollen Entschädigungen, Urlaubssteuern verlangen. Die Frage ist nur, ob die Umwelt für noch mehr Geld genauso weiter zerstört wird.

Warum wollen Menschen eigentlich immer gleichzeitig dorthin, wo alle anderen hingehen? Und warum probieren sie nicht selbst auf eigene Faust neue Wege aus? Erklären die eigenen Entdeckungen zu Sehenswürdigkeiten?

Der Weg in das Unbekannte

Was mich betrifft: Ich liebe das Unterwegssein. Eigentlich wäre  das Unterwegssein an sich ein schönes Ziel für die Ferien. Europa ist überschaubar und die Ferienzeit könnte dafür reichen. Man kann zu den meisten Orten des Kontinents mit dem Zug, Bus oder Fähre kommen. Und das auch noch für zivile Preise.

Island Landschaft (Getty Images/J. Raedle)

Das Abenteuer einer Reise in eine unbekannte Welt

Selbst die Insel Seydisfjördur im Osten Islands ist von Hamburg mit Zug, Fähre und Bus in 57 Stunden zu erreichen. Mindestens einmal muss man allerdings während dieser Anreise auch im Norden Dänemarks übernachten. Das wird vermutlich für die meisten eine besondere Erfahrung. Denn stellen Sie sich das Abenteuer vor, wenn Sie die Fähre Norröna der Smyril Line im dänischen Hirtshals in den hohen Norden verpassen. Von hier kommt man nur einmal die Woche nach Thorshavn auf den Faröer-Inseln und erst am nächsten Tag weiter nach Seydhisfjördhur.

Dabei könnte man - nein, man müsste! - mit den Einheimischen ins Gespräch kommen. Um ihre Hilfe oder ihre Gastfreundschaft bitten. Etwas über ihr Leben und ihre Welt und Weltsicht aus erster Hand erfahren. Und sich selbst eine Meinung bilden. Man könnte etwas über sich selbst erzählen. Sich den Fremden mitteilen. Und sich selbst dabei neu erfahren. Denn letztendlich ist die Suche nach Abenteuern in der weiten Welt das Bedürfnis, der versteckte Wunsch, sich in dem Anderen zu entdecken, sich in ihm zu widerspiegeln, sich selbst kennen zu lernen.

Ein Gefühl der Zugehörigkeit

Fragen stellen auf Reisen - selbst wenn man die Antwort kennt, oder genau dann erst recht - ist hilfreich, um ins Gespräch zu kommen: auf hochdeutsch, plattdeutsch, sächsisch, bayerisch, englisch. Oder mit Hilfe jeder anderen Sprache, die man sonst noch kennt. Aber sicher mit Hilfe von Zeichnungen, Piktogrammen, mit Händen und Füßen, mit dem ganzen Körper. Und mit den Augen. Denn Gesten können manchmal verwirren. Aber die Sprache der Augen und des Gesichts sind unmissverständlich und werden von jedem verstanden.

Ein wohliges, allumfassendes Gefühl der Zugehörigkeit könnte dabei entstehen. Und das Gefühl von Verantwortung für das eigene, aber auch für das Leben des anderen. Eine tiefe Verbundenheit könnte entstehen aus dem, was uns vereint, dem Menschlichen in uns allen. Und daraus würde sich ein Gefühl von Verantwortung für das Schicksal des Fremden einstellen. Und für das Schicksal unseres Planeten.

Autor Patrick Leigh Fermor (Picture-Alliance/Photoshot)

Patrick Leigh Fermor verliebte sich in eine Prinzessin

Der Flug von Berlin nach Rhodos dauert drei Stunden. Aber was erlebt man in drei Stunden außer Check-in oder Gepäck- und Passkontrolle? Laut Google braucht man für die gleiche Strecke mit dem Auto etwa 36 Stunden. Die Strecke zu Fuß über Tschechien, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und die Türkei - inklusive der kleinen Strecken, die per Fähre bewältigt werden müssen - dauert etwa 519 Stunden. Immerhin geht es hier um 2618 km. Das ist im heutigen Europa - bei allen technischen Hilfsmöglichkeiten und Reiseinformationen, die erhältlich sind - leicht machbar.

Unterwegs sein und sich verlieben

Der bekannte britische Reiseschriftsteller und Agent Patrick Leigh Fermor hat 1933 als junger Mann seinen Rucksack mit Reisepass, ein paar Landkarten, Wörterbüchern, Notizblock, Zeichenheften, englischer Lyrik und einem Band mit Gedichten von Horaz gepackt, und hat sich zu Fuß auf den Weg quer durch Europa nach Konstantinopel gemacht. Gerechtigkeitshalber muss man sagen, dass er mehr als ein Jahr unterwegs war.

Laut Google könnte man diese Strecke zu Fuß in nur 529 Stunden schaffen. Das ist weniger als ein Monat. Jedenfalls, wenn man sich nicht unterwegs - wie Sir Patrick - in eine rumänische Prinzessin verliebt und es sich mit ihr eine Weile gut gehen lässt. Mal in Bukarest, mal in Epidaurus, oder in ihrem Familienschloss in der Walachei. Und vielleicht sogar für immer dort hängen bleibt. Denn hätte der Zweite Weltkrieg damals die Idylle nicht unterbrochen, wäre Sir Patrick, wenn er nicht gestorben wäre, vielleicht heute noch dort.

Carmen-Francesca Banciu ist eine rumänisch-deutsche Schriftstellerin und Dozentin. Seit November 1990 lebt sie als freie Autorin in Berlin und leitet Seminare für kreatives Schreiben. Seit 1996 schreibt sie auch in deutscher Sprache. Zuletzt erschienen von ihr die Bücher "Leichter Wind im Paradies" und "Berlin Is My Paris - Stories From the Capital".