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Gastkolumne

Mein Europa: Reisen ist das Salz des Lebens

Reisen kann man auf ganz unterschiedliche Weise: lang oder kurz, in die Ferne oder in die Nähe, als Tourist oder zur Arbeit. Aber egal wie man reist - jede Reise verändert das eigene Leben, meint Carmen-Francesca Banciu.

Sobald die Tage länger werden, das Licht und die Sonne mächtiger, überkommt uns der Drang, aus der heimischen Umgebung, aus dem wohligen, wintersicheren Bau auszubrechen. Überkommt uns die Sehnsucht nach der Weite der Welt. Plötzlich sind wir bereit, Hindernisse und Unbequemlichkeiten zu ignorieren. Freiwillig sogar Gefahren in Kauf zu nehmen.

Was ist diese Sehnsucht, und warum übermannt sie uns? Ob jung, oder alt, reich oder arm. Ob gebildet oder weniger gebildet. Ob Single oder Familienmensch - die Sehnsucht erfasst alle.

Die Sehnsucht nach Reisen ist uralt

Lange Zeit galten religiöse Wallfahrten als echte Reisen, die mit großen Opfern auch von gewöhnlichen Menschen gemacht wurden, während Bildungsreisen für Menschen in gehobenem Stand gedacht waren. Heute kann sich fast jeder auf den Weg machen. Reisen werden meistens als Bereicherung, als heilend, bildend, erholend, Charakter stärkend, Wissen erweiternd, als positiv wirkend bewertet.

Symbolbild Blick aus Flugzeugfenster auf Himmel und Wolken (picture-alliance/dpa/M. Scholz)

Die Sehnsucht nach der Ferne wohnt vielen Menschen inne

Ob es Odysseus tatsächlich gegeben hat, weiß man nicht. Seine Heimkehr allerdings wird von Homer als Irrfahrt erzählt, und uns seit der Antike als bedeutendes Kulturgut mitgeteilt. Vielleicht ist dies der Ausdruck einer gesunden Skepsis als Gegenpol zu Sehnsucht und Euphorie des Reisens.

Viele Schattierungen der Sehnsucht

Columbus, Marco Polo oder Amerigo Vespucci, Vasco da Gama, Magellan, Alexander von Humboldt - sie alle waren Entdecker, die im Auftrag oder getrieben von ihrem eigenen Forschungsgeist gereist sind und der Menschheit große Dienste erwiesen haben. 

Die Reise-Pionierin Nellie Bly wollte Vorurteile gegen Frauen und ihre Reisegewohnheiten widerlegen und schaffte es 1890, nur in einem einzigen maßgeschneiderten Reisekleid und mit einem Handgepäckstück die Welt zu umrunden in 72 Tagen, sechs Stunden und elf Minuten - schneller als Phileas Fogg, der in Jules Vernes Roman dafür ganze 80 Tage brauchte. Nach einer Lebenskrise tritt die Journalistin Elizabeth Gilbert die Flucht nach vorne an und beschreibt in ihrem Bestseller "Eat, Pray, Love" ihre Weltreise als heilenden Selbstfindungsprozess.

Für die Osteuropäer, die lange unter einer sie abschottenden Diktatur gelebt haben, ist Reisen noch immer wie ein Wunder. Hat man zum Beispiel in Rumänien vor der Revolution gelebt, war es für Normalsterbliche die Regel, dass man nie in seinem Leben einen Reisepass und eine Ausreisegenehmigung bekam. Menschen wie ich, sind meist in ihrem Geiste gereist - über Bücher, Filme und Kunst und durch die eigene Vorstellungskraft.

Ungarn - Grenzzaun gegen Flüchtlinge und Migranten (Reuters/L. Balogh)

Hinter dem Eisernen Vorhang war man bis 1989 eingesperrt

Der Begriff des Reisens hatte sich für uns damals auf ferne oder weniger ferne Länder bezogen. Er war mit Freiheit und Unabhängigkeit verbunden. Man könnte sagen: mit einer Vorstellung von Glück. Nach der Wende war man zwar nicht mehr eingesperrt in seinem Land, aber stattdessen ausgesperrt von den anderen Ländern. Um irgendwo hinzukommen, brauchte man überall eine Einreisegenehmigung. Dies änderte sich erst nach dem EU-Beitritt.

Eine lange Tradition des Reisens

Seit vielen Jahren lebe ich Deutschland. Die Sehnsucht, die Weite der Welt zu erkunden, ist hier besonders groß. Und sie kann auch ausgelebt werden. Hier gehört die Bewegungsfreiheit und somit das Reisen zu den Grundrechten. Hier schicken Eltern ihre Kinder nach dem Schulabschluss hinaus in die Welt. Sie sollen zum Beispiel als Freiwillige zum Wiederaufbau ehemaliger Krisengebiete beitragen. Ein Praktikum in einem entlegenen Land absolvieren. Oder einfach lernen zu überleben in einer fremden Kultur. Es ist eine Art Wanderjahr, um den Lehrlingen zu ermöglichen selbständig, stark, verantwortungsvoll und reif für die Prüfung des Lebens zu werden.

Deutschland hat eine lange Tradition des Reisens. Über Jahrzehnte heiß es, dass die Deutschen Weltmeister im Reisen sind. Ich habe Freunde, die jedes Jahr ein anderes Land bereisen und sich ein ganzes Jahr darauf vorbereiten. Bibliotheken durchforsten. Ganze Stapel von Büchern und Informationsmaterial verschlingen. Sie lesen über Literatur, Geschichte, Bücher über das Leben, die Menschen, die Kunst und Kultur. Besuchen Veranstaltungen zum Thema. Atmen Wissen über das anvisierte Land in sich hinein. Wollen Zusammenhänge, ob politisch oder menschlich, besser verstehen. Und lernen sogar einen Grundwortschatz der Sprache jedes bereisten Landes.

Türkei leere Strände in Urlaubsregion (picture alliance/ZB/J. Kalaene)

Was - oder wem - begegnet man, wenn man unterwegs ist?

Ich kenne auch Menschen, die, wohin auch immer sie gehen, die Gegenwart verpassen. Die niemals wirklich geistesanwesend sind an dem Ort, an dem sie sich gerade befinden. Sie rennen durch die Gegend und nehmen die Gegenwart mit ihrer Kamera auf, um sie sich dann in der Zukunft anzusehen. Oder ihren Freunden via Facebook zu zeigen. Die eine Liste der Sehenswürdigkeiten bei sich tragen und sie in Windeseile abarbeiten.

Im kleinen Paradies

Obwohl die meisten von uns so gerne reisen, verschmähen wir Touristen. Vergessen, dass wir selbst welche sind, überall dort, wo wir nicht Zuhause sind. Wir wollen Orte finden, wo die Natur unberührt ist, der Strand menschenleer, das Museum nur für uns geöffnet hat. Sogar ein Griechenland ohne Griechen hätte manch Griechenland-Liebhaber viel lieber. Manch einer nimmt teure Flüge, weite Strecken und viele Strapazen in Kauf, um dort in der Fremde unter Landsleuten die ihm bekannte Hausmannskost zu genießen. Und darüber zu grübeln, wie man das kleine Paradies verändern und in das einem Vertraute verwandeln könnte.

Es gibt große und kleine Reisen. Reisen, die in die Weite der Welt, oder in das eigene Innere führen. Sie alle können zu großen Abenteuern werden. Egal wofür wir uns entscheiden, sie wird Spuren hinterlassen. Uns verändern. Verjüngen. Unser Leben verschönern. Wenn wir es zulassen. Wenn wir der Welt und ihren Menschen mit Neugier begegnen.

Carmen-Francesca Banciu ist eine rumänisch-deutsche Schriftstellerin und Dozentin. Seit November 1990 lebt sie als freie Autorin in Berlin und leitet Seminare für kreatives Schreiben. Seit 1996 schreibt sie auch in deutscher Sprache. Zuletzt erschienen von ihr die Bücher "Leichter Wind im Paradies" und "Berlin Is My Paris - Stories From the Capital".